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Einstiegsprozesse in die extrem rechte Szene am Erfurter Herrenberg

Die extrem rechte Organisation „Volksgemeinschaft Erfurt e.V.“ (VG) ist seit einigen Jahren in Erfurt aktiv und tritt immer wieder öffentlich in Erscheinung. So scheint sie überaus erfolgreich darin zu sein, Nachwuchs für die rechte Szene zu rekrutieren. Kinder und Jugendliche nutzen regelmäßig Angebote des Vereins am Erfurter Herrenberg und kommen dadurch immer wieder mit rechtem Gedankengut in Kontakt. In einer mehrteiligen Serie beschäftige ich mich damit, worauf sich dieser Erfolg der VG gründet und welche Faktoren am Erfurter Herrenberg einen Einfluss auf den Einstieg von Kindern und Jugendlichen in die extrem rechte Szene spielen. Diese Serie basiert auf den Ergebnissen meiner Bachelorarbeit. Als Grundlage dienten drei Interviews mit Expert*innen und schon bestehende Studien, Dokumente, Artikel und Recherchen.

Anmerkung:

Diese Artikelserie bewegt sich in einem Spannungsfeld. Sie soll einerseits Probleme aufzeigen, die am Herrenberg vorliegen, und dadurch im besten Fall zu deren Beseitigung anregen. Andererseits kann sie durch diese Problematisierung die Stigmatisierung verstärken, der die Anwohner*innen und ihr Stadtteil ausgesetzt sind. Zweiteres soll möglichst verhindert werden.

Teil 1: Lokale Kontextfaktoren am Erfurter Herrenberg

Soziale Lage

Der Herrenberg liegt im Erfurter Südosten, etwa zehn Minuten mit der Straßenbahn vom Erfurter Hauptbahnhof entfernt. Während die Innenstadt von Altbauten geprägt ist, dominieren hier Plattenbauten das Bild, nur ab und zu unterbrochen durch kleine Grünstreifen. Dadurch wirkt der Stadtteil auf den*die Betrachtende*n recht eintönig. Die Häuser wurden zu DDR-Zeiten gebaut, als der Platz in den zentrumsnahen Vierteln knapp wurde. Seit der Wende hat sich die Zusammensetzung des Herrenbergs stark gewandelt. Gleichzeitig hat der Stadtteil an Attraktivität eingebüßt: Restaurants und Kneipen wurden geschlossen, viele Freizeitangebote verschwanden. Die Miete am Herrenberg ist inzwischen deutlich günstiger als in den meisten anderen Stadtteilen Erfurts. Wo früher vor allem Beamt*innen der DDR lebten, wohnen heute vermehrt Einkommensschwache. Das Bildungsniveau ist relativ niedrig und Probleme wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Armut konzentrieren sich im Stadtteil. So lebt dort beispielsweise über die Hälfte aller Minderjährigen in Familien, die von Sozialleistungen abhängig sind. Zudem schätzten in einer Befragung der Stadt Erfurt Kinder und Jugendliche aus dem Erfurter Südosten die finanzielle Lage ihrer Familien als tendenziell schlecht ein.

Weitere Probleme sprach eine lokale Akteurin im Interview an: „Es kommt mir auch schon so vor, dass die Problematik Drogenverkauf, Drogenkonsum […] hier generell ein größeres Problem ist. Also Alkoholismus auf jeden Fall, der ist sichtbar den ganzen Tag […] und wir hatten auch mal Spritzenfunde bei uns auf dem Grundstück“. Außerdem ist die Jugendkriminalität am Herrenberg im städtischen Vergleich recht hoch. Mehr Kinder und Jugendliche als in anderen Stadtteilen gaben an, dass sie sich unsicher in ihrem Stadtteil fühlen und Angst vor Mobbing oder Gewalt haben. Gleichzeitig sind sie mit ihrem Wohngebiet und den dortigen Freizeit- sowie Sportmöglichkeiten unzufrieden. So wünschten sich viele Jugendliche mehr Orte, an denen sie ihre Freund*innen treffen können.

All diese Problemlagen treten nicht nur im Erfurter Südosten auf, sondern auch in den Plattenbaugebieten im Norden der Stadt. Dort häufig sogar in noch bedenklicherem Maße. Das bedeutet jedoch nicht, dass die soziale Lage am Herrenberg gut wäre. Im Gegenteil: Für beide Stadtgebiete lässt sich von einer prekären Lebens- und Wohnsituation sprechen, die auch von den, dort wohnenden Menschen, so wahrgenommen wird. Ergänzend dazu eine lokale Akteurin im Interview: „[V]iele Menschen hier haben viel Unschönes in ihrem Leben erlebt, weil sonst würden sie hier nicht wohnen, weil alle anderen versuchen eher wegzuziehen.“

Der Anteil ausländischer Mitbürger*innen an der Bevölkerung des Herrenbergs war lange Zeit im innerstädtischen Vergleich gering, ist aber durch Zuzug auf ein nun überdurchschnittliches Niveau gestiegen. So lag er etwa im Jahr 2012 lediglich bei 2,7%, Ende 2017 bei 8,2%. Zum Vergleich: Im Rieth ist der Ausländer*innenanteil mit 22,0% deutlich höher. Dort sind aber mit extrem rechten Akteur*innen nicht in dem Maße Probleme bekannt wie am Herrenberg.

Politische Kultur und Form des Zusammenlebens

Teile der Bevölkerung am Herrenberg haben das Gefühl, ausländischen Personen gegenüber benachteiligt zu werden. So erklärte ein Sozialarbeiter im Interview, dass „hoher Sozialneid“ im Quartier herrsche, der in steigenden Ressentiments und rassistischen Stereotypen gegenüber Migrant*innen resultiert. Alteingesessene denken, dass ihnen staatliche Leistungen vorenthalten werden, die Geflüchteten zukommen würden. Dadurch können sich fremdenfeindliche und extrem rechte Einstellungen am Herrenberg weiter ausbreiten und verfestigen.

Zusätzlich fühlen sich viele Anwohner*innen des Gebiets an den Rand der Gesellschaft gedrängt bzw. gesellschaftlich ausgeschlossen, sowohl auf die Stadt als auch auf die Gesamtgesellschaft bezogen. Dem Stadtteil sowie seinen Bewohner*innen haftet ein Stigma an. Personen, die am Herrenberg wohnen, werden von anderen aufgrund dessen stigmatisiert und „gesondert behandelt“. Deshalb sind viele Anwohner*innen auch unzufrieden mit dem Ruf ihres Wohngebiets. Die Abwertung anderer und die Abgrenzung von diesen geschieht vor diesem Hintergrund mit dem Ziel, die eigene soziale Position zu stärken. Verkürzt ausgedrückt: „Ich befinde mich zwar am Rand der Gesellschaft, aber die sind noch weniger wert, weil sie nicht deutsch sind.“ Man sucht sich also Gruppen, die sozial in einer noch schlechteren Position stehen. Diese wertet man ab, um sich selbst besser zu fühlen. Dies ist also ein relativ einfacher Mechanismus, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Anstelle von Solidarität zwischen benachteiligten sozialen Gruppen entstehen dadurch menschenfeindliche Einstellungen. Häufig sind von diesem Mechanismus Menschen mit Migrationshintergrund betroffen, aber auch physisch oder psychisch Beeinträchtigte, Obdachlose und Drogenabhängige.

Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, produziert zudem noch ein weiteres Feindbild: die Politik. So beschreibt ein Sozialarbeiter: Es „ist ein Stadtteil meiner Meinung nach, der vielleicht einen sehr hohen Anteil an politikverdrossenen Menschen hat, die da auch kein Vertrauen mehr haben“. Diese Politikverdrossenheit zeigt sich bspw. in einer niedrigen Wahlbeteiligung. Nach der Wende lag sie noch über dem Erfurter Durchschnitt, inzwischen ist sie stark gesunken auf lediglich 31,9% bei der letzten Landtagswahl 2014 und 49,2% bei der Bundestagswahl 2017. Viele glauben nicht, dass eine Teilnahme an der Wahl ihre Lebenssituation verbessern würde. Um das Vertrauen in die Politik wieder zu stärken, bieten seit einiger Zeit Politiker*innen am Herrenberg Sprechstunden für die Anwohner*innen an, in denen diese ihre Probleme schildern können. Nur erscheint zu den

Sprechzeiten meist niemand. Die Menschen vor Ort sind kaum motiviert, sich für mehr Demokratie oder Änderungen im Stadtteil einzusetzen oder Eigeninitiative zu zeigen. So berichtete ein Sozialarbeiter: „Normalerweise aus […] meiner Sicht ist es ja eigentlich eher anders rum: wenn ich da lebe, versuche ich da was zu machen, wenn mir was nicht passt, und die außen sind […] eine gute Unterstützung einfach nochmal dazu und nicht anders rum.“ Üblicherweise wollen die Menschen also vor Ort ihre eigene Lebenssituation verbessern und setzen sich dafür ein. Am Herrenberg wird stattdessen von anderen erwartet, etwas zu tun, während man sich selbst zurückhält. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass „man vielleicht den Erfolg noch nicht hatte, dass man selber etwas ändern kann“.

Ähnliches zeigt sich aber auch bei der Solidarität gegenüber anderen, wie ein lokaler Akteur beispielhaft beschreibt: „[E]s betrifft mich nicht. Ok, lebe ich mal mein Leben erst mal weiter, bevor ich mir hier ein riesen [sic] Problem noch ran hole für mich selber und lass es einfach mal laufen. Was interessieren mich die anderen“. Es gibt also ein Desinteresse an den Problemen anderer. Das Zusammenleben scheint von Egoismus, Individualismus und „Sozialneid“ geprägt zu sein, Solidarität und Kooperationen untereinander sind so gut wie nicht existent. Menschen, denen es besser geht, wird wenig gegönnt und solchen, denen es schlechter geht, wird selten geholfen. Ein gemeinschaftliches Zusammenleben in diesem Sinne findet am Herrenberg nicht wirklich statt.

Es haben sich also bereits einige Faktoren gezeigt, die zu der Entwicklung und Ausbreitung menschenfeindlicher Einstellungen beitragen können. Diese Faktoren resultieren aber nicht zwingend darin, auch wenn sie zusammen auftreten. Außerdem reichen sie nicht aus, um das Phänomen vollständig zu erklären. Deshalb beschäftigen wir uns im nächsten Teil mit den Sozialisationsbedingungen im Erfurter Südosten.

Weiterführende Links:

Studie zur sozialen Segregation:

Erfurter Veröffentlichungen:

Bevölkerungsstatistik
Wahlergebnisse vergangener Wahlen
Sozialstrukturatlas
Kinder- und Jugendbefragung
Kriminalitätsatlas

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