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Zugfahrt mit Baum

Der Bahnhof in Frankfurt ist die Definition eines Melting Pots. Als ich das erste Mal in meinem Leben nach Frankfurt von Erfurt (meiner Wahlheimat) aus fuhr und kurze Zeit später dort am Hauptbahnhof ausstieg, könnte man vermutlich sagen, dass ich einen Kulturschock hatte. 

Nichts ahnend stieg ich an diesem Tag in den ICE nach Frankfurt, um nach 1,5 Stunden Zugfahrt beim Aussteigen überrannt zu werden.

Von sämtlichen Leuten angerempelt völlig verwirrt in der Mitte der zweispurigen Autobahn, die durch den Bahnhof führt, überfordert stehen zu bleiben. Verwirrt und orientierungslos wie eine alte Frau. So suchte ich die zahllosen Schilder nach der S-Bahn ab. Nur um für mein schändliches Bremsmanöver sofort beschimpft und dann noch verächtlich beäugt zu werden. Schwer gestreift von Schwärmen von Rollkoffern und Handyzombies, flüchtete ich mich in die S-Bahn. Völlig überwältigt habe ich an diesem Tag versucht, meine Überforderung zu verbergen.

In all dem Trubel denke ich an meine Heimatstadt. Erfurt erscheint mir nach diesen Erfahrungen so andersartig. Es ist ein Ort, an dem man seine Kassiererin beim Namen kennt, oder zumindest deren Enkel, wo du in der Innenstadt immer ein bekanntes Gesicht triffst. Noch nie in meiner gesamten Zeit, in der ich in Bonn lebte, bin ich jemandem auf der Straße begegnet, den ich persönlich kannte. in Erfurt scheint das Teil des Wohlfühlpaketes zu sein. Eine Kleinstadt, in der es keiner eilig hat und wenn doch, dann fährt man mit dem Rad (Und ist auch dann schon in 15 Minuten überall). Eine Stadt, in der die Züge auf die Mitfahrenden zu  warten scheinen und in der es eine Riesenbratwurst auf die Titelseite der Thüringer Allgemeinen schafft. 

Am Ende diesen Tages in Frankfurt bin ich heilfroh wieder in dieses „Städtchen“ (Erfurt ist nun wirklich kein Städtchen, lediglich aus Frankfurt betrachtet mag es so wirken. Mit seinen 200.000 Einwohnern, hat es zwar noch den Charme einer verträumten Kleinstadt, kann aber mit Sicherheit den Titel Städtchen hinter sich gelassen.) zurückkehren zu können. Als ich am Bahnhof auf den nach Erfurt zurückfahrenden Zug wartete, beruhigte sich mein Herzschlag endlich wieder.

Gestrandet an diesem Ort der verschieden Kulturen, Frauen mit Kinderwägen voller Krempel, Männer mit Baschikis oder anderen fernöstlichen Gewändern, Afrikanern in allen Farbtönen und Formen und ich allein und verlassen dazwischen. In diesem Zoo der Arten gibt es kein Land und keine Ethnie, die nicht ihre Vertreter hat. Keine Kultur, die dieses Gebäude noch nicht gesehen hat. Und doch war an diesem Tag etwas anders, etwas besonders Absonderliches auf dem Bahnsteig, der alles kenn. Etwas das nicht in das Bild dieser Modernen, schnellen Metropole passt. 

Eine Andersartigkeit in der Mitte all dieser anderen Artigkeiten. Ein Baum mit seinem Sackkarren-Fahrer steht neben mir auf dem Bahnsteig. Als der Zug einfährt, schiebt sich das seltsame Paar langsam Richtung Eingang der 1. Klasse. Fasziniert und verwirrt schiebe ich mich in seiner Nähe zur Tür hinein. Gespannt auf das Spektakel, das sich im Zug mit dem Personal und Fahrgästen abzuzeichnen verspricht. In meinem Kopf spielen sich bereits die legendärsten Bahnszenen aus meiner persönlichen Erfahrung ab. Von dem offenkundig brüskierten Personal, das sich bei aller Offenheit ihrer preußischen Abstammung nicht vorstellen kann, wie ein gesunder Mensch solch ein Verhalten auch nur in Erwägung ziehen könnte, bis hin zu meiner auf ewig verbunden Freundin, dieser einen Schaffnerin, der lieben Mutti aus Suhl, die mir den Tag rettete und mich bei der Betriebsfahrt mitnahm und mich damit an meinen Zielort brachte.

Zu meiner Freude stellte sich heraus, dass der Chauffeur des Baumes ein sympathischer korpulenter Anzugträger ist, der aufgrund der Umstrukturierung seines Bürokomplexes alle persönlichen Dinge aus dem Büro entfernen musste. Sie waren jetzt ein Smartoffice, was ihm so nicht nachvollziehbar erschien, funktionierte doch die Arbeit die letzten 20 Jahre super, so wie es war. Ergo, auch sein Baum musste aus dem jetzt nicht mehr privaten Büro verschwinden.

So gelangte also der 2,5 m große Gummibaum in den ICE nach Eisenach, wie konnte es auch anders sein. Nur ein in der DDR aufgewachsener, gestandener Mann könnte die Kreativität und den Mut besitzen, einen Baum mit dem ICE umzusiedeln, anstatt einen Laster zu mieten, ihn wegzuwerfen oder, Gott bewahre, am Straßenrand auszusetzen. Es ist dieses pragmatische Selbstvertrauen, das ich so sehr an den Thüringern schätze. Wie er mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit sein Vorhaben zu einem glücklichen Ende bringt, als wäre dies die deskriptive Bestimmung eines ICE Abteils. „Nachdenken und Bahnfahren. Besser mit der Bahn. Wir wollen, dass Sie (und ihr Baum) erholt ankommen.“ – DB

Zur Erheiterung des Zugpersonals wurde er in der alten Telefonzelle der ersten Klasse geparkt. Da sich nun die Gelegenheit bot und der Zug wie an einem Freitagnachmittag zu erwarten völlig überfüllt war, beschloss ich, diese Fahrt zusammen mit dem Sackkarren-Fahrer im Grünen zu verbringen, seinen Geschichten zu lauschen und die Schönheit des Anderen zu genießen. Schönheit, das ist es, was Thüringen immer wieder in mein Leben bringt. 

Dort auf dem Boden sitzend, packte ich meinen Computer aus und begann, unter den Blättern genüsslich wie in einem belebten Park zu arbeiten, die zahllosen Menschen zu beobachten, die sich unter dem Baum hindurch bückten, um nur kurze Zeit später mit ihrem Handy zurück zu kehren, ein Selfie zu machen und wieder zu verschwinden. Das habe ich dann schließlich auch gemacht. So kehrte ich zurück nach Erfurt, erholt wie nach einem Urlaubstag im Grünen.

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