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Kultureller Umbruch im Norden

oder Was Kultur zu leisten vermag

Kultur gehört zum gesellschaftlichen Leben einer jeden Stadt. Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt ist da keine Ausnahme – und bietet doch viel mehr als etablierte Kultur: Überall in der Stadt lassen sich Gebiete finden, in denen kulturelle Räume geplant, aufgebaut und verfestigt werden. Doch auch das Gegenteil ist der Fall, so verschwindet gerade in diesem Moment mit dem „Wir Garten“ eine echte Kulturoase von der Bildfläche. Freiwillige und engagierte Helferinnen und Helfer haben den „Wir Garten“ in seinem zweijährigen Bestehen durch Konzerte, Tagesfestivals, Lesungen, Filmvorstellungen und Public Viewing-Veranstaltungen zu einem vielbesuchten, lebendigen und kreativen Ort gemacht.

Dass es mit der Kultur immer weiter geht, sie sich neue Räume sucht und in einem ständigen Prozess ist, zeigen zwei Erfurter Stadtgebiete sehr anschaulich: Neben dem ehemaligen Güterbahnhof und „Zughafen“ in der Nähe des Hauptbahnhofs, der unter anderem vom Erfurter Musiker Clueso mitaufgebaut wurde, entwickelt sich seit einigen Jahren auch der nördliche Stadtteil Ilversgehofen nach und nach zu einem echten Kulturquartier – und das ist kein Wunder. Wer mit den Straßenbahnlinien 1 oder 5 aus der Altstadt die Magdeburger Allee hinauffährt, dem fällt schnell das sich verändernde Stadtbild auf: Den industriellen Erfurter Norden gibt es schon seit der Wende nicht mehr, die Überreste sind seit 28 Jahren Entwicklungsgebiet. Hier kann Strukturwandel noch immer live und in Farbe jeden Tag beobachtet werden.

Ilversgehofen ist ein ehemaliger Industrie- und Arbeiterort, zwischen den gründerzeitlichen Vorstädten im Süden, den Plattenbaugebieten im Norden und einem Industriegebiet im Westen. Auffällig ist die hohe Anzahl von Kulturbetrieben, die sich im und um das ehemalige „Blechdosenviertel“ angesiedelt haben: Der ehemalige Nordbahnhof beherbergt nicht nur den „Verein zur Förderung des kulturellen Lebens in Erfurt“, sondern auch einen Club und Plattenladen, das „Klanggerüst“ hat sich der Förderung musikalischer Künstlerinnen und Künstlern verschrieben und der Bürgerbeirat des Stadtteils organisiert Arbeitstreffen und thematische Workshops, Einwohnerforen und die Vernetzung der unterschiedlichen Kulturbetriebe des Stadtteils. Die Luther- und Martinikirche reihen sich ebenso wie das lange leerstehende Eckhaus „Saline34“, wo nun unterschiedlichste Ideen und Nutzungsformen aufeinander treffen und getestet werden können, in diese Liste ein. Natürlich gibt es noch viel mehr Einrichtungen, die alle ihre eine eigene Strahlkraft im Stadtteil besitzen. Auch die – durch die Erfurter Stadtverwaltung ausdrücklich begrüßte – aktive Mitwirkung der Einwohner macht einen Teil des kulturellen Erfolgs Ilversgehofens aus.

Es kommt Leben in den Norden, das zeigt auch die Einwohnerentwicklung. Deutlich jünger, die größte Bevölkerungsgruppe sind die 18 bis 45-Jährigen, als die umliegenden Stadtteile, wird Ilversgehofen besonders für junge Menschen immer interessanter. Kultur bedeutet hier nicht nur Party, Kunst oder Veranstaltungen – in Erfurt Nord hängt der (Wieder-)Aufbau eines ganzen Stadtgebiets am kulturellen Tropf, es sind motivierte und engagierte Kulturschaffende, die das Leben zurückgebracht haben und noch viel mehr davon sehen wollen. Vergleicht man Ilversgehofen mit anderen Kulturquartieren – etwa der Dresdener Neustadt oder dem Schanzenviertel in Hamburg, um die Messlatte mal ein bisschen hochzulegen – wird deutlich, wie viel Entwicklungspotenzial ein solches Gebiet für eine Stadt hat.

In Erfurt gibt es im Allgemeinen ein vielfältiges Kulturangebot. Es gibt Theater, eine Oper, Kleinkunst- und Varietébühnen, Großveranstaltungen, Konzerte. Zwar würde sicherlich nicht jeder den Erfurter Weihnachtsmarkt oder die anderen Veranstaltungen am Domplatz (Weinfest, Oktoberfest) als kulturelle Veranstaltung ausmachen, doch auch sie haben ihren Stellenwert. Doch wo, wie in Ilversgehofen oder im nun endgültig verschwindenden „Wir Garten“, ständig etwas Neues entsteht, gewerkelt, getanzt, entwickelt und umgesetzt wird, da entsteht auch neues gesellschaftliches Leben – und das braucht jede Stadt immer und immer wieder.

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