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Wo Erfurt Leipzig schlägt

Es mag ja schon mal vorkommen, dass der ein oder andere neidische Blick aus Erfurt nach Leipzig geworfen wird. Die große aufstrebende Ost-Schwester, mit weniger Ost-Flair irgendwie. Nicht so Osten-Osten wie Gotha oder Chemnitz, eher so Osten-eigentlich-schon-fast-Westen. Aber Erfurt, das werden auch Kultur-Hinterbänkler*innen und Großstadt-Fanatist*innen nicht leugnen, ist ungleich Leipzig. Und das durchaus auf eine sehr positive Weise.

Es ist Samstagabend in Leipzig, als wir, damals noch nicht auf konstanter „Wo liegen Leipzigs Schwächen“- Ungleich-Mission, durch die Stadt spazieren. Während ein spätsommerlicher Samstagabend in Erfurt irgendwo zwischen wunderbarer Cornern-an-der-Krämerbrücke-Nostalgie, abgedrehter WG-Party-Ekstase und hippen Altstadt-Frühlings-Veranstaltungen oszilliert, sollte ein solcher in Leipzig einiges anderes bereithalten. Dachten wir zumindest. Für den Start brauchte es eigentlich nur eins: gutes Leipziger Volksbräu: Sterni. Vom Späti. Und zwar schnell.

Das einzige Problem: Es gab nirgendwo welches. Die anfangs muntere Aufregung verwandelte sich, nach viermaligem Um-den-Block-Gerenne zwischen Hauptbahnhof und Marktplatz, in nervös-neurotische Ungemütlichkeit. Straße um Straße wurde mit geübtem Blick examiniert, Straße um Straße bot sich der gleiche Anblick: hippe Cafés, antike Bücherläden, Museen, Kneipen, spelunkige Kneipen, extrem spelunkige Kneipen, abgedreht teure Restaurants, DDR-Kneipen, DDR-Kneipen mit zu teurem Bier – kein einziger Späti. Im sächsischen Prunk-Bahnhof? Ha, länger als 11 hat doch hier nichts auf (außer Subway, na gut, aber die verkaufen unverständlicherweise nur diese labbrigen teuren Baguettes und verstehen deine Witze nicht).

Sehnsuchtsvoll denken wir an die Zustände im Erfurter Späti-Paradies. Überall zwielichtige Schuppen, in denen dir kalter Glühwein angedreht wird, in denen du zeitgenössische Musikvideos auf leinwandgroßen Fernsehern bestaunen darfst, in denen du gegen einmalige Gebühr von circa fünf Euro Geld abheben kannst (ohne zur Bank 200 Meter weiter rennen zu müssen). Herrlich, wie gut wir es haben!

Nachdem also die Corner-Insolvenz bei der Stadt Leipzig beantragt, mehrere wütende Fanta-Flaschen von Subway gegen das Rathaus geworfen und die Notfallzentrale der DeHoGa Sachsen alarmiert wurde, haben wir dann einen Späti gefunden. Einen süßen kleinen, mit nettem Verkäufer. Nur der eine Kühlschrank war leer. Es gab fast alles. Nur eins nicht: Sterni.

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