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Bauhaus, Frauenbilder und 100 Jahre Vorurteile

Der Autor des Textes hat im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums an der unten beschriebenen Ausstellung mitgewirkt.

Die Kombination von Kunst und Handwerk zu einem größer als seine Teile werdenden Etwas, das das eigene Aggregat überragt und etwas völlig Neues wird. Es geht um das Bauhaus, die Kunstschule, die in diesem Jahr 100-Jähriges zelebriert, in ganz Deutschland, in quasi jeder Stadt. Sei es Weimar, Berlin natürlich, Dessau oder: Erfurt!

Das Bauhaus ist bis heute berühmt. Eine Kunstform, die in den meisten Kunststunden an deutschen Regelschulen keine oder nur eine geringe Beachtung findet zwischen Expressionismus, Klassizismus und Barock. Aber dennoch: Bauhaus ist bekannt und Bauhaus war wichtig. Der wirklich herausragende Ruf eilt der Kunstschule dabei zurzeit auch in den letzten Winkel Deutschlands voraus. Überall heißt es „100 Jahre Bauhaus“, „diese wichtige Kunstschule“, „yeah nice män, wir feiern Jubiläum“.

Aber was ist Bauhaus eigentlich? So richtig? Abgesehen von der Bauhaus-Uni in Weimar, die wir alle schon mal gesehen oder von der wir zumindest gehört haben und Bauhaus-Kunstwerken?

Kunst, Architektur, Design und Handwerk

Es muss eine ganz besondere Epoche gewesen sein damals, etwas wirklich Neues. Innovationen, Kreativität und Freigeist. 1919. In Weimar. Erster Weltkrieg gerade vorbei. Aber da war doch noch was anderes? Richtig! Gründung Weimarer Republik, Zentrum des Deutschlands der Goldenen Zwanziger und mitten drin das Bauhaus. Es wurde im Jahr 1919 in Weimar als Kunstschule gegründet. Das war damals phänomenal. Das erste Mal, dass Menschen Kunst und Handwerk zu einer neuen Art, Architektur, Design und Kunst zu denken, nivellieren ließen. Das Aggregat wurde abgelöst von einer Eigenlogik der pragmatischen Eleganz, die das Bauhaus auszeichnet und sich im Design von Salzstreuern und Butterschalen, die sich in vielen Haushalten bis heute wiederfinden, im Hausbau, in Möbeln und in unzähligen Kunstwerken niederschlug. Die Devise war so einfach wie klar. Kunst ist schön und gut. Aber sie muss praktisch sein, sie muss uns etwas nutzen, sie soll gar die Industrie unterstützen – industrialisierte Kunst sozusagen. Ein Beispiel dafür ist die Massenware an Designmöbeln des Bauhauses. Der Gedanke klingt jetzt erstmal nicht ganz so blöd. Im Jahr 1919 war er aber völlig neu. Das Bauhaus ging mit diversen anderen Kunstrichtungen einher, ich weiß. Es heißt auch, man soll das Bauhaus nicht isoliert betrachten, sondern Funktionalismus, Internationalen Stil und die anderen modernen Kunstrichtungen mitberücksichtigen – denn, Bauhaus war so groß, dass es von vielen Seiten Einflüsse gab. Das stimmt. Aber es soll hier nicht um eine kunstgeschichtliche Einordnung gehen. Wir sind kein Magazin für promovierte Kunsthistoriker*innen, beziehungsweise nicht nur das. Wir sind ein Kulturmagazin in Erfurt.

Also, Erfurt und Bauhaus heute: Also, Erfurt und Bauhaus heute: Es gibt in Weimar eine Ausstellung im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums. Am Fischmarkt in Erfurt gibt es auch eine: „Bauhaus Frauen“. Die beschäftigt sich mit den Absolventinnen und Dozentinnen der Bauhaus-Universität. Und in der Uni-Bibliothek in Erfurt gibt es ebenfalls eine – angelehnt an die am Fischmarkt, unter dem Titel „Es kommt die neue Frau“. Ganz unbemerkt und klammheimlich hat sie sich dort breitgemacht. Die Ausstellungen, besonders die in der Uni, zeigen, dass die kleine Stadt Erfurt kulturell nicht nur interessiert ist, sondern gute, relevante und neue Projekte in die Tat umsetzt und ein diverses kulturelles Angebot liefert. Zwischen Glasbox-Katastrophe und Nordhäuserstraßenfahrradkampf durchstoßen durch „Kaffee Warschau“ und „Es kommt die neue Frau“, hat auch Erfurt erhellende Ideen, wohltuende Rationen für Genussmomente des Alltags.

Es geht es um Frauenbilder, um die Darstellung von Frauen in Kunst, Literatur und Medien

Die Ausstellung haben ganz besonders aufmerksame Studierende vielleicht schon entdeckt. Sie hält sich im zweiten Stock der Bib versteckt, ganz hinten noch hinter den Gruppenarbeitsräumen, ziemlich gut getarnt. Dicke, anthrazitfarbene Vorhänge verbergen die Fotografien und Grafiken vor neugierigen Blicken, für die man an den langen dunklen Stoffbahnen vorbei bis ganz ans Ende des Ganges gehen muss. Die Tür geht nach außen auf und dann steht man da erstmal vor einem kleinen Raum, der in seiner Größe erst erkennbar wird, wenn man richtig darinsteht und sich kurz an das dunkle, leise Licht gewöhnt hat.

Rechts liegt ein dickes Buch, in das man schreiben kann, dass man da war und was man gerade so denkt – ein Gästebuch. Auf der linken Seite streckt einem eine junge Frau die Zunge raus und die Brüste entgegen. Daneben eine elegante, ernst schauende Frau, die nackt ist, aber ihre Brust verdeckt. Außerdem dabei: ein sexistischer Flyer vom Pizzaservice Call a Pizza und zwei weitere zeitgenössische Bilder von und mit Frauen. Worum es geht, wird dann allerdings spätestens klar, wenn man die Bilder an der gegenüberliegenden Wand betrachtet und die zeitliche Einordnung derer bedenkt: frühes 20. Jahrhundert. Weiter geht es mit den 20er Jahren, dann die NS-Zeit. Und so weiter. Es geht es um Frauenbilder, um die Darstellung von Frauen in Kunst, Literatur und Medien. In den letzten 100 Jahren. Also seit der Gründung des Bauhauses. Die Bilder sind nicht etwa alle von Bauhauskünstler*innen oder im Kunststil Bauhaus gestaltet. Vielmehr stellt der runde Geburtstag den Anlass für diese Ausstellung dar. Das Bauhaus war eine Form des Aufbegehrens gegen Altes, gegen Prüderie und gegen ein ewiggestriges Kunstverständnis. Gegen den Konservatismus und gegen alte weiße Männer. Das Bauhaus steht also sinnbildlich für etwas, das auch Frauen hart haben erkämpfen müssen, wofür sie noch heute hart kämpfen. Emanzipation. Die Ausstellung beschäftigt sich genau damit.

1925

Die Epoche zu den 20er Jahren verdeutlicht, wie weit die Frauenbewegung vor dem zweiten Weltkrieg schon mal war. Geprägt vom wirtschaftlichen Aufschwung und der Zunahme liberaler Werte erstarkten Kunst, Kultur und Wissenschaft und es bildete sich eine großstädtische Elite. Vor allem in Berlin, dem pulsierenden Zentrum der damaligen Dekadenz. Es entwickelte sich eine neue, selbstständige Frau. So tanzt die junge Frau auf einem der Exponate dem alten weißen Mann auf der Nase. Die Darstellung des aktiven weiblichen Körpers war für viele eine Provokation und es war tatsächlich ein krasser Gegensatz zum geschlechtsspezifischen Vorurteil weiblicher Passivität. Diese sportliche, kulturelle, letztlich freizeitliche Gleichberechtigung setzte sich im Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung in weiteren Lebensbereichen fort. So war das zweite stete Motiv dieser Zeit die alleinstehende, selbstständige Frau, in der Großstadt lebend, die lange unverheiratet blieb und ihren eigenen Weg ging. Hand in Hand mit der Arbeiterbewegung ging es um berufliche Chancen, Selbstverwirklichung, bessere Arbeitsbedingungen und gleiche Löhne.

Die goldenen 20er endeten mit einer Weltwirtschaftskrise, gesellschaftlichen Spannungen, der politischen Radikalisierung und letztlich dem Aufstieg Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten (das war schon ‘ne ziemliche Männerdomäne, daher hier kein Gender*). Sie endeten aber auch mit dem Ende der neu gewonnenen Freiheiten der Frauen.

Ein verfrühtes Ende

Die Bilder aus der Zeit des Dritten Reichs und der Nazi-Gewaltherrschaft demonstrieren jetzt ein ganz anderes Frauenbild. Ein funktionales, ein dogmatisch-verklärtes, ein nationalsozialistisches. Stramm stehen sie da, aufgereiht wie Säulen. Auf anderen Bildern marschieren sie im Gleichschritt. Auf Weiteren nähen sie Kleidung für die SS. In der Darstellung werden Unterschiede zwischen Vorkriegs- und Kriegszeit deutlich. Während zu Anfang noch das „arische Mädchen“ samt propagandistischem Schönheitsideal dargestellt wird, geht es später nur noch um die Frau, die den Soldaten aus der Heimat unterstützt.


Reigen – 1924

Was in den 20er Jahren hart erkämpft und dann schnell verloren wurde, war erst in der Zeit der 68er und der 1970er Jahre wieder zentral. Nach den Jahren der „Trümmerfrauen“, des Wiederaufbaus und einem Schaukasten, der Frauenbilder in Ost- und Westdeutschland miteinander vergleicht, kommen wir auch in der Ausstellung endlich dazu. Frauenbewegung, 68er. Gesellschaftlicher Aufschrei, sexuelle Revolution, Einführung der Anti-Baby-Pille und der Kampf für Gleichstellung. Emanzipation und Fortschritt. Gleichzeitig wird sexistische Narration in den Werken reproduziert, männliche Befriedigung steht im Mittelpunkt. Ist das einfach zeitgenössisch oder vielmehr eine patriarchische, verzerrte Darstellung der damaligen Zeit? Es scheint beides zu sein. Man findet reihenweise Werke zur Frauenbewegung in Deutschland, ohne dass Bananen in den Rachen geschoben oder nackte Körper fokussiert werden. Die könnte man auch für solch eine Ausstellung nutzen. Gleichzeitig verdeutlichen die Werke eines: Nacktheit wurde bewusst inszeniert – zur Provokation und für Aufmerksamkeit. Es scheint, als hätte sonst niemand (vor allem kein Mann!) zugehört. Themen der Zeit waren Abtreibung, besonders §218, §219 und §219a, Karrierechancen für Frauen und die ungleiche Bezahlung von Mann und Frau. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?


Stern-Cover zu §218 – 1971


Die Bilder der 1970er Jahre beschäftigen sich mit Pornographie und Abtreibung, mit massenmedialen Darstellungen und Cartoons. Sie stehen kurz vor diesem einen Schaukasten. Der mit der Pizzawerbung und der Zunge, die rausgestreckt wird. Und der Frau, die ihre Brust bedeckt. Der Eindruck, der von der Ausstellung bleibt, ist eigentlich viele verschiedene Eindrücke zugleich. Erstaunen darüber, wie emanzipiert Frauen vor dem zweiten Weltkrieg schon mal waren. Entsetzen über das, was sich in der Nazizeit geändert hat. Ein bisschen Ungläubigkeit darüber, dass es dann doch richtig lange gedauert hat, bis man wieder auf Vorkriegsniveau war, dass der Emanzipationsprozess in Wellen verläuft, die stark nach oben und unten ausschlugen. Und absolutes Unverständnis für die immer noch ungleiche Bezahlung und die strukturelle Benachteiligung von Frauen in so vielen Lebensbereichen. Es geht nicht direkt ums Bauhaus, aber das Bauhaus-Jubiläum bietet einen Anlass, zu hinterfragen, sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen und eben Ausstellungen, wie diese, anzubieten.

Was Mensch aus der Ausstellung mitnimmt, ist persönlich und divers. Viele Gruppen aus verschiedensten Kulturen aus unterschiedlichen Gegenden dieser Welt haben an Führungen durch die Ausstellung teilgenommen und dazu diskutiert – die Reaktionen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Dazu kommt bald eine Broschüre heraus, in der die Eindrücke und Diskussionen dokumentiert sind. Bis dahin sei ein Besuch der Ausstellung, die Ende der Woche schließt, jeder interessierten Person dringend ans Herz gelegt.L

Bilder: Die Bilder sind aus der Ausstellung von Prof. Dr. Rössler.
Titelbild: Hauptgebäude © Bauhaus-Universität Weimar, Fotograf: Tobias Adam

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