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Hausprojekt in Erfurt – Mieten mal anders

Schon lange wird über die Wohnsituation in Deutschland diskutiert. Neben den hohen Mieten ärgern sich viele über unbewohnte Häuser in begehrten Gegenden. In den großen Städten organisieren sich Menschen, um Investoren zu enteignen oder die Häuser zu besetzen. Im beschaulichen Erfurt sind die Mietpreise zwar noch relativ günstig, aber sie steigen. Eine sanierte Wohnung kann auch hier für ihre früheren Bewohner*innen unerschwinglich werden, wie es euphemistisch lautet. Nicht mehr bezahlbar, könnte man unverblümt sagen.

Damit ihr das nicht passiert und weil sie mit Leuten zusammenleben möchte, die sie mag, hat sich Sabine dem Verein Wohnopia angeschlossen. Die Sozialarbeiterin kommt ursprünglich aus Sachsen-Anhalt, lebt nun aber schon seit elf Jahren in Erfurt. Gemeinsam möchten die Mitglieder von Wohnopia ein Gebäude kaufen und nach ihren eigenen Vorstellungen herrichten. Neben der L50 in der Lassallestraße und dem Stattschloss, gegenüber vom Klanggerüst in der Magdeburger Allee, wäre Erfurt dann um ein weiteres Hausprojekt reicher. Im Gegensatz zu klassischen Mietverhältnissen, können die Bewohner*innen dort über alles mitbestimmen, was am Haus ansteht, sie sind aber auch selbst für die mit der Hausverwaltung einhergehenden Arbeit verantwortlich. Die Weisheit „Selbstverwaltung ist auch Verwaltung“ hat Sabine wohl schon häufiger gesagt.

Die Crew von Wohnopia.
Die Crew von Wohnopia e.V. vor der Talstraße 15/16

In der Talstraße, nahe Bergstraße, bietet sich nun für Wohnopia eine Chance: Die Stadt verkauft die Häuser mit den Nummern 15 und 16. Den Zuschlag erhält aber nicht das höchste Gebot, sondern das beste Konzept. Also inhaltlicher anstelle eines finanziellen Wettbewerbs.

Ein Hausprojekt verlangt Geduld

Den Verein hat Sabine 2015 mitgegründet, die Gruppe kannte sich schon länger. Damals ging es darum, zehn Häuser in der Grollmannstraße zu kaufen und zu einem Hausprojekt zu machen. Es scheiterte allerdings, weil die Beteiligten entschieden doch nicht an der Ausschreibung teilzunehmen, da sie beim Bieten keine reale Chance hatte. Ein paar der Interessierten blieben dran und das Verkaufsverfahren in der Talstraße gefällt ihnen nun besser. Ein Gutachter setzt einen Festpreis und es wird in der Auswahl um die Konzepte gehen. „Die Stadt legt dabei Wert auf soziale Aspekte, wie generationsübergreifendes Wohnen, dauerhaft soziale Mieten und eine Kiezanlaufstelle“, erzählt Sabine am Telefon. Die Anlaufstelle soll in der alten Kneipe eingerichtet werden, die sich, momentan ungenutzt, im Erdgeschoss der Hausnummer 15 befindet.

Sollte ihr Konzept im Herbst 2019 angenommen werden, haben sie in der zweiten Phase ein ganzes Jahr Zeit die Finanzen und den Sanierungsplan zu organisieren. Erst dann, wenn auch die Finanzen gut aussehen, wird der Vertrag abgeschlossen. Nach Zeitplan wird also vor dem Herbst 2020 nicht gebaut. „Aber mir wurde erzählt, der längere Zeitraum ist für Hausprojekte gar nicht so unüblich“, sagt Sabine. Die Wartezeit mache ihr nichts aus, denn die Planung bereite jetzt schon eine Menge Spaß.

Geld fällt nicht vom Himmel

Damit sich der Verein das Haus leisten kann, wollen sie einen Bankkredit aufnehmen. Ungefähr 20 Prozent müssen sie jedoch an Eigenkapital stellen. Mit 500 Euro oder mehr kann man sich übrigens selbst beteiligen. Der Bankkredit wird über die Mieten wieder abgezahlt. Möchte jemand sein Geld wieder zurück, werden neue Geldgeber*innen gesucht. Wichtig ist aber, dass die Mieten unter dem Mietspiegel bleiben. Außerdem sollen sie solidarisch unter den Bewohner*innen verteilt werden. Wer mehr hat, zahlt auch mehr.

Wer später Teil des Hausprojekts werden, also in einem der beiden Gebäude wohnen möchte, muss vor allem Zeit mitbringen. Selbst wenn die Häuser bezugsfertig sind, wird es immer etwas zutun geben. „Mindestens am Hausplenum sollte schon teilgenommen werden“, findet Sabine. Dort soll übrigens in einem Konsensmodell entschieden werden.

Gemeinschaft über das Haus hinaus

Schon jetzt, lange bevor sie die Häuser sicher haben, treten die Mitglieder von Wohnopia mit den Nachbar*innen in Kontakt. „Wir haben eine Umfrage gestartet und die Nachbar*innen gefragt, ob sie die Auenthal-Schenke noch kennen und was sie für Ideen haben.“ erklärt Sabine. Außerdem steht Wohnopia mit den anderen Wohnprojekten in Erfurt in Kontakt und ist Mitglied beim Mietshäuser Syndikat.

Der Vertrag ist aber eben noch nicht unterschrieben und die Häuser sind schließlich öffentlich ausgeschrieben. Ein anderes Konzept könnte ebenso den Zuschlag bekommen. „Wir suchen noch immer Mitstreiter*innen, die am Konzept arbeiten wollen“, sagt Sabine, „besonders Menschen älterer Generationen wollen wir ermutigen.“ Wer Interesse hat, kann sich über die Homepage (wohnopia.de) oder die Facebookseite melden.

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