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Ist mir Platte: der Werkraum denkt Beton neu

In DDR und BRD gleichermaßen wurden sie als Prunkstücke unter den Neubauten gefeiert, heute verkommen sie immer mehr zu Schmähbauten am Rande der Stadt. Vielen Entscheidungsträgern wäre es lieber, wenn die grauen, ästhetikbefreiten Bauten abgerissen werden und kleineren Mehrfamilienhäusern weichen. Die Gebäude stehen einfach nicht mehr für zeitgemäßes Wohnen – das erklärte uns Marcel Helbig schonmal im Interview. Kritik sammeln sie nämlich nicht nur optisch, sondern auch aus praktischen und vor allem aus sozialen Gründen. Aber wie auch immer, noch gibt es sie nun mal. Zahlreich, vor allem im Rieth – und immer noch bieten sie bezahlbaren Wohnraum für einen großen Teil der Bevölkerung.

Logo Werkraum

Weil sie die Platte noch nicht aufgeben wollen und ihr baulich sogar einiges abgewinnen können, haben sich die Architekturstudierenden der Fachhochschule Erfurt von dem negativen Blick auf die Wohnraumthematik verabschiedet und wollen die Potentiale von Gebäudeprojekten möglichst nahe am Thema beleuchten. Sie stellen ihre Ansätze zur Umwandlung der Gebäude dieses Jahr mitten in den Vilnius-Passage im Erfurter Stadtteil Rieth aus, der unter uns Studierenden-Pack, wenn überhaupt für irgendwas, dann für seine Großwohnsiedlungen bekannt ist. Die Absicht: Eine neue Perspektive auf die Platte und den Stadtteil für die Kunst und die Arbeit der Studierenden zu öffnen.

Wir haben einen ersten Einblick bekommen.

Was letztes Jahr zu ähnlichem Anlass fancy Holzdeko und optisch ansprechende, aber schwer denkbare Konzepte waren (wir bebauen
jetzt den Domplatz), schafft dieses Jahr schon beim Nähern eine andere Stimmung: man steigt zur Haltestelle Rieth aus und blickt direkt auf die Vilnius-Passage, eine aus Beton gemanschte Tristesse von Euro-Shops und Dönerläden, die trotz ihrer farbenfrohen Fassade wenig Trost zu spenden scheint. In einem leerstehenden Lagerraum mit Blick auf drei Vorzeige-Platten konnten die Studierenden aus Erfurt in Kooperation mit der Münster School of Architecture hier einen kostenlosen Raum ergattern (wir sind ein bisschen neidisch). Dieser liegt zur Straßenseite im Erdgeschoss, direkt links hinter dem Uhren-Glocken-was-auch-immer-Turm. Wie ein weiterer Laden passt sich der Ausstellungsraum an die Ladenfassade an, wird Teil der Passagenfront. Die Ausstellenden präsentieren ab diesem Donnerstag (27. Juni) Projekte zu ebenjenen Plattenbauten, die den Raum umgeben. Und auch wenn wir keine Ahnung von Dingen wie Nachverdichtung oder thermischer Ertüchtigung (hat nichts mit Sport zu tun) haben – das Konzept spricht eine ungewöhnlich klare Sprache. Und genau das ist die Idee: Für 10 Tage soll es in der Vilnius-Passage einen Ausstellungsraum mit Kunst und Kultur geben; genau da, wo sie eigentlich angewendet werden und unter Einbezug derer, denen sie nutzen soll.

Ausstellungsstücke WERKRAUM

Wir wollen, dass die Leute hier auch mal zu uns kommen und sagen, was sie wollen, wie sie „ihre“ Platte gestalten wollen

sagt Hardi – einer der neun Studierenden, die das Projekt auf die Beine stellen. Geplant sind dabei über die Woche unter anderem ein Werkstattgespräch zum Plattenbau, Vorträge und ein Filmabend in der Ausstellungskulisse. Dass das nicht wieder an die gleichen Elfenbeinturmbewohnenden wie jede andere Ausstellung geht, ist zumindest Hoffnung der Ausstellenden. Die Projekte sind nicht nur an interessierte Dozierende oder Studierende der Architektur gerichtet, sondern auch vor allem an die Bewohnenden des Stadtteils und der Platte. Auch die Laufkundschaft der Passage soll aktiv mit eingebunden werde, mitmachen und ihre Meinung sagen.  „Wir haben auch partizipative Ideen umgesetzt“, erzählt uns Hardi. „Zum Beispiel bieten wir eine Bauwerkstatt an, wo jeder und jede sich einmal ausprobieren kann, einen Zeichenworkshop und auch die benachbarte Salsa-Tanzschule ist mit dabei“ (Das komplette Programm findet ihr hier). Wie die Anwohnenden die Ideen tatsächlich aufnehmen, weiß noch keiner der Mitwirkenden – diejenigen, die schon für einen Plausch vorbeigekommen sind, erzählen aber schon rege, was sie sich an ihrem Stadtteil wünschen, sagt Hardi. „Vielleicht müssen wir die ersten nur an der Hand mit reinnehmen, damit sie sich mal trauen mit uns in Berührung zu kommen“. Und das ist es auch, was der Werkraum mit allen Besucherinnen und Besuchern macht – an die Hand nehmen und Verbindungspunkte schaffen, zwischen Anwohnenden und Studierenden, Betroffenen und Gestaltenden. Den Ausstellungsraum selbst wollen die Veranstaltenden nach dem Projekt am liebsten noch weiter für Kunst und Kultur nutzen – und das am besten von allen Fachbereichen, egal ob FH oder Uni.

Am Donnertag beginnt der Spaß um 18 Uhr und vor allem die Finissage am 6. Juli wollen wir empfehlen. Hier findet ihr nämlich wieder unseren Resident-DJ Schlodde & Söhne (diesmal unter geheimem Decknamen, aber wir sind Insider) an den Decks.

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