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Helen hat geredet.

Bei der großen Festrede zum UNGLEICH release am 18. April 2019 haben wir angekündigt, die Geschichte von Erfurts berühmtestem Heiratsantrag zu erzählen. Das war mutig – tatsächlich hatten wir überhaupt keine Ahnung, wie wir an die Geschichte rankommen sollen. Also starteten wir eine monatelange Suche mit Aufrufzetteln. Uns ist nun gelungen, was keinem vorher gelungen ist: wir haben Helen gefunden und gefragt, ob sie reden will.

Sie wollte. Eine Geschichte von Liebe, die stärker ist als das Gesetz.

Das ehemalige Redaktionshochhaus der Thüringer Allgemeinen ist ein ganz und gar unromantischer Anblick. Allenfalls die Graffitis laden vielleicht dazu ein, das Haus genauer anzuschauen; Meisterwerke sind allerdings auch die nicht wirklich. So genau muss man das Gebäude aber tatsächlich nicht anschauen, um sich einmal grundlegend zu wundern. Heiratsanträge, das verrät ein kurzer Blick auf YouTube, gibt es in ganz vielen ganz peinlichen Variationen. Selten geht ein solcher Antrag aber in Schriftform bei dem oder der Adressierten ein. In Erfurt hat man nun mit dieser Konvention gebrochen – ein Heiratsantrag schmückt die Fensterfront der 8. Etage. Was ist passiert?

Es muss eine Geschichte geben. Zumindest haben wir Fragen. Ist der Antrag ernst gemeint oder ist das alles nur ein großer Gag? Was macht er da am Hochhaus und wie ist der da drangekommen? Was ist danach passiert und wie sieht es heute aus? Und wer ist Helen? Wir wollen begreifen, was das für ein Mensch ist, der einen anderen so sehr begeistert, dass er einen Heiratsantrag riesengroß, für alle sichtbar auf einem Hochhaus platziert. Und gleichzeitig finden wir, dass einem öffentlichen Heiratsantrag eine nicht minder öffentliche Heiratsantragsannahme folgen muss. Der interessierte Privatier mit den offenen Augen wird sonst gnadenlos hängengelassen.

Stock 8 ist der spannendste

Vom Hochhaus aus verlaufen die Indizien über Tathergang, Täter oder Motive allerdings schnell im Sande – es gibt keine weiteren Hinweise darauf, wie Helen zu finden ist. Wir starten eine große Suchaktion, eine Rasterfahndung mit Flyern. Und erstmal kommt: nichts. Die Leute feiern die Aktion, kennen den Schriftzug, aber keiner kennt Helen. Erst nach ein paar Wochen haben wir Glück. Wir sprechen eine junge Frau an; wir drücken ihr unseren Suchflyer in die Hand und fragen, ob sie Helen kennt. Und tatsächlich: Sie kennt Helen. Auf einer WG-Party mal gesehen. Wir geben ihr unsere Nummer, bitten um Weitergabe und warten ab. Die Geschichte bekommt Rückenwind, eine Woche später treffen wir eine Person, die eine ähnliche Geschichte erzählt – auch sie war auf dieser Party.

Wir bekommen bald Antwort auf unsere SMS – Helen wolle reden, erzählt man uns. Den Namen des Kontaktmannes bekommen wir nicht, aber dafür eine Uhrzeit und die Adresse eines verlassenen Hauses nahe dem Industriegebiet. Dort sollen wir auf jemanden treffen, der uns zu Helen führt. Wir haben genug Alarm für Cobra 11 gesehen, um das mehr als nur geheimnisvoll zu finden. Wir akzeptieren die Bedingungen und versprechen, die Polizei aus dem Spiel zu lassen. Kurz vor Aufbruch reichen wir die Adresse an zwei enge Kontakte weiter, die Hilfe schicken sollen, wenn wir uns nach zwei Stunden nicht gemeldet haben. Safety first.

Polizei bleibt aus dem Spiel
Helen will erzählen.

Das Haus, vor dem wir Helen treffen, weint kleine Fetzen Beton in den trockenen Boden – vielleicht, weil es zu hässlich ist, um jemals Schauplatz eines Heiratsantrages zu werden. Um Helens Identität zu schützen, können wir nicht sagen wo oder warum, aber auf dem Gelände herrscht geschäftiges Treiben und wir sind nicht die Einzigen, die sich dort aufhalten. Und so wundern wir uns erst nicht, als wir auf der Suche nach einem ruhigen Sitzplatz auf einmal einer mehr sind. Denn Helen redet nicht allein mit uns. Neben Helen setzt sich ein Mann, der sich gar nicht vorstellen muss – der Ring aus Weißgold, der in der gleichen Farbe glitzert wie derjenige an Helens Finger, erzählt uns schon bevor wir das erste Wort gesprochen haben so viel, dass wir gar nicht fragen müssen. Der Mann ist Helens Ehemann.

Es sollte sein.

Wie auch viele andere Paare kennen Helen und ihr Mann, der hier von uns “Don Krawallo” genannt werden will, sich schon viel länger als sie sich lieben. Die beiden haben sich auf einem Bahnhof irgendwo in Thüringen vor vierzehn Jahren das erste Mal getroffen. Der Mann hatte kein Geld für ein Zugticket und wollte dort versuchen, welches zu bekommen. Statt Geld hatte er nämlich einige Gramm feinsten Rasenverschnitt in der Tasche, die er zu verkaufen gedachte. Er bot sie Helen an, die wie er damals Punk und deshalb aus Prinzip schon broke war. Don Krawallo hatte Glück: zufällig hatte Helen just an diesem Tag große Lust auf eine ganze Menge feinsten Rasenverschnitt. Es sollte sein.

An dieser Stelle wird Helens Ehemann beim Erzählen zum ersten Mal rot. „Ja naja, dann bin ich halt da geblieben und hatte immer noch kein Geld, aber war dafür richtig breit in [der Stadt, die wir hier aus Gründen der Anonymität nicht nennen] und hatte eine neue Freundin“. Am nächsten Tag tauschten die beiden Nummern aus und gingen ihrer Wege – verloren sich aber bald aus den Augen.

Erst einige Jahre später kreuzen sich die Wege der beiden wieder. Und wieder scheint es, als sei alles gekommen wie es kommen sollte. Seine damalige Freundin hatte in einem kleinen Ausbruch großer Gefühle sein Handy zerstört. Die SIM-Karte jedoch, auf der damals alle Kontakte gespeichert waren, konnte geborgen werden und wanderte ins neue Handy. Und weil er zum ersten Mal ein Smartphone hatte und es so leicht war, damit einmal alle Kontakte durchzutelefonieren, tat er genau das. Helen bekam einen Anruf, die beiden trafen sich noch einmal. Irgendwie passte das Timing diesmal besser, denn aus einem Treffen wurden zwei, wurden mehrere. „Und irgendwann wart ihr dann zusammen?“ fragen wir. „Ja“, antwortet Helen und schaut ihren Ehemann an, „irgendwann habe ich dann entschieden, dass wir zusammen sind“.

Punk und Ehe sind kein Widerspruch

Sechs Jahre später, an einem Abend im April, fasst Don Krawallo einen Plan. Bewaffnet mit allerlei Gerät, zwei guten Freunden und ausreichend Schnaps wird spätabends in ein Hochhaus in der Nähe eingestiegen. Etwa zehn Stunden dauert die ganze Prozedur. Der Eingang wird aufgebolzt, man steht im Gebäude – die Eingänge zum Treppenhaus sind aber zugemauert. Werkzeug zum Wanddurchbruch fehlt selbstredend. Also nochmal raus, ab ins Auto Freunde und Bekannte abklappern; eine Stunde später ist das entsprechende Besteck organisiert. Der strömende Regen dämpft alle Geräusche – sonst wäre wohl die Polizei gekommen. Als es der Stichsäge irgendwann zu aufregend wird und sie den Geist aufgibt, muss ein Loch, durch das die stattlichen Gefährten passen sollen, mühsam und Stück für Stück mit einer einfachen Bohrmaschine in eine dicke Holzwand gefräst werden. Erst in den Morgenstunden ist man in der richtigen Etage angekommen. Die Fenster werden vom Staub vieler Jahre befreit und die Buchstaben nach und nach in Folie ans Glas geschweißt. Um 8 Uhr wird der letzte Schluck Schnaps getrunken und die Arbeit ist getan. Der Mann ist ziemlich aufgeregt.

Helen hat derweil ihren Freund die ganze Nacht nicht gesehen und morgens nicht erreicht; und auch keinen der Freunde, mit denen er unterwegs war. Sie schaut aus dem Fenster, ob das Auto noch steht – und sieht: ihn, mit seinen Freunden, alle eine Flasche Schnaps in der Hand.  Helen empfängt ihren Mann mit den Worten: „Du warst doch bei ‘ner anderen Alten, du bist doch verrückt! Pack deinen Scheiß und geh!“. Don Krawallo schaut sie mit leuchtenden Augen an, lächelt und sagt nichts – „und Drogen hast du auch noch genommen!!“. Er schweigt weiter.

„Neee, du meintest ‚Bitte nicht schimpfen, bitte nicht schimpfen‘“, korrigiert Helen ihren Mann, der errötet. Erst als sie den Schriftzug gesehen hatte, wurde sie still. Und das recht lange – so richtig kann sich keiner der beiden mehr erinnern, wann die Antwort kam. Sie sind sich aber einig, dass es nicht am gleichen Tag war, denn Don Krawallo musste erstmal ausschlafen.

Konformität tötet Romantik

Im September 2018 wurde Don Krawallo zu Helens Mann. Helen und ihr Mann sind glücklich, aber – und das merkt man auch an der Art des Antrages – kein Freund der klassischen rote-Rosen-Kitschromantik. Im Standesamt lief „Oase“ von Joachim Deutschland. Dort kein Dresscode und die Braut in Doc Martens. Die beiden leben nicht den Spießertraum vom Vorstadtehepaar mit Doppelhaushälfte in Pastell. Der Antrag am Hochhaus zeugt von gesunder Romantik ohne Kitsch, die Helen und ihren Mann mit mehr Kraft aneinander bindet als es ein gemeinsamer Labradorwelpe (der so schön zur pastellgelben Wand passt) jemals könnte. Helen sagt zum Antrag und ihrem Mann: „Alles andere hätte nicht zu ihm gepasst – im Urlaub beim Sonnenuntergang, das wär‘ nicht er“. 

Dieses Bild hat Helen uns zur Verfügung gestellt und zeigt sie mit ihrem Mann
Helen hat geredet.

Das ehemalige Redaktionshochhaus der Thüringer Allgemeinen ist kein ganz und gar unromantischer Anblick. Es erzählt die Geschichte einer Liebe, die sich über Konformität hinwegzusetzen traut und hat bis jetzt das Geheimnis zweier Menschen gewahrt, die bisher Anfragen anderer Medien zum Thema ignoriert haben. Wir sind stolz und gerührt, dass Helen und ihr Mann sich entschlossen, ihre Geschichte doch noch zu erzählen. Aneignung von Wohn- und Lebensraum verleiht Städten ihre Identität. Wir haben nach einer Geschichte gesucht in der Hoffnung, dass es eine gibt. Wir haben eine gefunden, die wir nicht vergessen werden – und finden: Diese Geschichte ist eine, die Erfurt nicht vergessen soll.

 „Und warum hast du den Antrag genau so gemacht?“, fragen wir Helens Ehemann zum Schluss, „Ist das nicht ziemlich mutig?“. Und zum letzten Mal im Verlauf des Gesprächs wird Don Krawallo rot, und sagt etwas, das in seiner Ehrlichkeit überraschend romantisch ist und viel mehr sagt, als er sagen will:

„Das ist überhaupt nicht mutig. Denkst du ich hätte das gemacht, wenn ich mich getraut hätte, sie das ins Gesicht zu fragen?“.

Spätestens im Jahr 2021 soll das TA-Hochhaus saniert und mit 100 Eigentumswohnungen bewohnbar gemacht worden sein. Der Schriftzug wird damit wohl auch verschwinden.


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