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Willst du mit mir Pornos schauen?

Ein Feministischer Pornoabend mit inspirierender Diskussionsrunde und Videomaterial der Jusos HSG Erfurt, den Jusos Erfurt und den Jusos Thüringen.

Eigentlich wollte ich ja nur das coole Plakat vom schwarzen Brett in der Bib klauen, doch nach dem Motto: “never apologize for being a powerful woman”, war ich dann wirklich dort. Wer das Plakat in der Uni Erfurt gesehen hat, fragte sich wahrscheinlich zunächst: feministischer Pornoabend? Was ist das denn?
Ein gemeinsames, mal etwas anderes, Pornogucken im Naturfreundehaus Thüringen? Ganz schön weird. So viel sei gesagt: Am Ende war der Abend gar nicht mal so von der Realität und dem entfernt, was man sich darunter vorstellt.

Was stelle ich mir unter Pornografie vor?
Wie beeinflussen Pornos meine Sicht auf Menschen anderen Geschlechts oder anderer sexueller Neigung?
Sind Feminismus und Pornografie ein Widerspruch in sich?

Diesen und weiteren Fragen wollten die Jusos gemeinsam mit Dr. Tobias Kasmann, der Uni Leipzig nachgehen. Schon kurz vor 17 Uhr war der kleine Raum mit Studierenden und jungen Menschen gut gefüllt. So viel Andrang hatte niemand erwartet, so dass es sich einige auf dem Boden bequem machten. Frauen waren eindeutig in der Mehrzahl, doch auch einige Männer fragten sich gespannt und mit ungewissen Blicken, was sie nun erwarten würde. Vielleicht kann man sich ja mal „von anderen Pornos“ inspirieren lassen und neue Einblicke zum Thema gewinnen, außerdem sind Grapefruits schön.

Es begann zunächst ganz klassisch (wer hätte es gedacht bei so einem politischen Thema), mit einem Vortrag des sympathischen Dr. Tobias Kasmann, der normative und theoretische Ethik, politische Philosophie und Anthropologie an der Uni Leipzig lehrt.

Was ist denn eigentlich der Unterschied der feministischen Pornos zu „klassischen“ Pornos?

Seine Seminare zu Themen „Rund um Feminismus“, seien sehr beliebt, doch ihm selbst gefiele seine Struktur der Seminare nicht, erklärte er ziemlich zurückhaltend. Mein Eindruck war sehr positiv, da der Fokus nicht auf dem Vortrag, sondern auf den Diskussionen lag. Zunächst wurde nicht klar, ob er von seiner Meinung spricht oder von jenen Autorinnen, der Texte, die er uns vorstellte. Doch am Ende seines Vortrags stellte sich heraus, dass es sich um eine sehr radikale Sicht zweier Feministinnen und nicht um seine persönliche Meinung handelte.

Und was ist der Unterschied?

Zwei Namen stehen seit Ende der siebziger Jahre für eine sehr extreme und radikale, feministische Strömung, die Pornographie vehement ablehnt. Sie meinen, Pornographie führe zu Gewalt gegen Frauen und Abwesenheit von Pornographie sei Voraussetzung für Geschlechtergleichheit.               
Juristin Catherine MacKinnon und die Schriftstellerin Andrea Dworkin.                                                             

Catharine MacKinnon:
„A feminist theory of sexuality […] locates sexuality within a theory of gender inequality, meaning the social hierarchy of men over women. […] A theory of sexuality becomes feminist methodologically to the extent it treats sexuality as a social construct of male power: defined by men, forced on women, and constitutive of the meaning of gender. “ (Toward a Feminist Theory of the State, 1989, S. 127 f.)

Kritisiert wird also die Darstellung der Unterwerfung der Frau (in einem „Mainstream Porno“), dem starken Mann gegenüber und dass dieses Bild schon jungen Menschen vermittelt wird. Ab diesem Zeitpunkt lag der Fokus plötzlich bei uns Zuschauenden. Viele guckten sich um, ihre Freunde an. Was passiert jetzt? Kommen jetzt die heißersehnten „Filmchen“?

Und dann ging es auch los mit einem Ausschnitt aus dem Ersten von insgesamt drei feministischen Pornos. Es wurde unruhiger und man sah in den Gesichtern der Leute, dass es doch etwas peinlich oder ungewohnt war, zu wissen, dass man jetzt mit seinen Kommilitonen einen Porno anschaut, passiert ja auch nicht alle Tage. Es wurde alles gezeigt, wirklich alles. Zuerst gefühltes, peinliches hinschauen müssen. Wie gucke ich bloß? Ich kann ja schlecht so gucken, als würde das mich jetzt geil machen, oder?!

Zunächst eine alltägliche Situation im Schlafzimmer, die Frau hat die Macht und Kontrolle und der Mann fühlt sich sehr befriedigt. Gelacht wurde im Publikum, als die Frau dem Typ ihren Fuß in den Mund gesteckt hat und auf ihn spuckte. Soll das jetzt besser sein? „Feministischer“? Nach jedem Porno durften wir ausgiebig diskutieren. Zunächst gab es jedoch peinliche Stille als uns Hannah Brand und Phillip Bönnen, (von den Jusos Erfurt (HSG)), die Moderierenden des Abends, fragten, was wir nun davon halten. Einer traut sich dann ja immer und dann war die Scham wie verflogen. Mehr und mehr wollten ihre Meinungen teilen und so waren die Diskussionen jedes Mal kontrovers, kritisch, spannend und vielfältig.                                                                                                                                                                                                 

Ist das für uns ein feministischer Porno, wenn es einfach genau umgekehrte Rollen und gegensätzliche Dominanz beim Sex gibt? Was war denn der Unterschied?

Die meistens waren sich zunächst einig, dass dies auch nicht besser sein kann, positiv und anders als sonst sei wohl aber gewesen, dass die Frau die ganze Zeit über ihre Unterwäsche anbehalten hat und die Kameraführung sowohl auf die Frau und auch auf den Mann gerichtet war.

Im zweiten Ausschnitt sahen wir – natürlich – einen Fetisch-Porno. Der durfte bei so einer Veranstaltung nicht fehlen (schließlich ist es eines der beliebtesten Schlagwörter der Deutschen, wenn es um Pornos geht). Jetzt fragt ihr euch bestimmt was der Fetisch war. Im Titel: Wein als Gleitmittel (was?) oder auch besser gesagt: der Mann steht auf Frauen, nein französische Frauen, die gerne Wein trinken. Klischeehaft war (anders als im ersten Porno) die Frau sehr hübsch, im kurzen Rock, lange Haare, der Mann mit Calvin Klein Boxer. Der Sex selbst war ziemlich realistisch dargestellt, es gab verschiedene Stellungswechsel und einen guten Ausgleich zwischen der Befriedigung der Frau und des Mannes. Doch hier gingen die Meinungen auseinander, was logisch ist, da jeder andere Vorlieben und Erfahrungen beim Sex hat bzw. hatte. Die Kamera war auf beide erregte Gesichter und beide Geschlechtsteile gerichtet. (großer Unterschied zur „klassischen“ Pornografie) Hauptdiskussionspunkt danach war, dass es einfach darum geht, dass beide Geschlechter gleich dargestellt werden und nicht auf eines mehr Fokus gelegt wird. Das ganze Drumherum, die Situation, Location: Weinhandlung, das alles war unrealistisch. Doch seien wir mal ehrlich, es ist immer noch ein Porno oder? Ganz ohne Fantasien, Fetischen oder Unrealem turnt einen doch auch nichts an. Das ist auch vollkommen ok. Sonst kann man sich auch einen Erotik- oder Liebesfilm anschauen.
Als die Diskussion einmal angefacht war, ging es heiß her und wir diskutierten über noch mehr Sachen, die ich gar nicht erwartet hätte.

Die Frage stellt sich, ab wann ist ein Porno ein Porno?                  
Ab wann ist er ein feministischer Porno?                                      
Wofür gibt es Pornos?                                                                                 
Wie, von wem, unter welchen Bedingungen, Vereinbarungen wurde dieser gedreht?                                  
Lief alles freiwillig ab?

Die Frage kommt auf: gibt es „faire Pornos“ bzw. „ethische Pornos“, kann es überhaupt sowas geben? Erika Lust (schwedische Regisseurin, ja sie heißt wirklich Lust!) spezialisiert sich auf Pornos, die unter guten Bedingungen produziert werden, der Realität sehr nahe sind und oft auf persönlichen Erfahrungen und Erzählungen beruhen. Pornos sollen bei ihr also die wirklichen, echten Fantasien, Wünsche und Neigungen von Menschen abdecken und zwar von allen. Ich wurde immer beeindruckter, was wir alles aus diesem Abend mitnehmen konnten. Falls ihr nicht da wart, lest in jedem Fall weiter.

Dritter Porno.

Am Anfang komisch, man spürte, dass da was war, war es Unwohlsein? Nein vielleicht ist das ja Kunst? Interessant eigentlich wie die das so machen. Etwas verstörend zunächst, doch dann schön, blumig, erotisch, echt, authentisch, liebevoll. Das würde mir dazu einfallen. Zusehen waren zwei Frauen, wobei der Fokus nicht auf ihren Gesichtern lag, sondern auf ihrem gegenseitigen Fingern, dem Anfassen und auf ihrer Lust. Die Körper der beiden waren nicht perfekt, es gab rote Stellen, Körperbehaarung, einer Zuschauerin ist sogar aufgefallen, dass die eine Frau ihre Tage hatte. Zunächst merkwürdig anzuschauen (vor allem mit so vielen Menschen in einem Raum) – eine Blüte wird von der einen Frau in die Vagina der anderen reingedrückt. OMG!! Naja eigentlich spannend. Was sagt man denn dazu? Man muss wissen, dass es sehr viele Blüten gab, ja ein ganzes Blütenmeer. Es wurde nicht ein einziges Mal gesprochen, im ganzen Porno, doch bei diesem brauchte man keine Worte. Mit der schönen Musik im Hintergrund, passte aber alles zusammen.

Zunächst gab es viel Kritik, doch ich habe mich dann auch endlich mal getraut was zu sagen. Zunächst war es interessant, die Meinung der anderen zu hören und man will ja auch nichts Falsches sagen. Oder gibt es bei dem Thema überhaupt falsch und richtig? Vielleicht nicht. Ich meldete mich also und sagte, dass wir nur drei Ausschnitte aus drei feministischen Pornos gesehen haben. Gut, dass mit dem Blütenmeer war krass, aber es ist ja nur ein feministischer Porno unter Tausenden. Da ist sicher für jeden Geschmack etwas dabei und es ist gut, solange beide Parts Spaß haben und es genauso wie es in dem Moment ist, genießen.
Am Ende bleibt vor allem eins: Viele ungeklärte Fragen und die Lust auf mehr Diskussion, mehr Aufklärung zu dem Thema.

Können wir die anfangs gestellten Fragen nun beantworten? Nach den seichten Filmen schon ziemlich harter Stoff. Zunächst ist die Definition von Feminismus schwierig, dazu hat jeder eine andere Meinung. Auch hat jeder andere Vorstellungen von Sex, von Pornos und jeder steht auf etwas anderes. Fakt ist: Pornos beeinflussen oft die Sicht auf Menschen. Sexualität wird öfter falsch dargestellt in unserer Gesellschaft, als man denkt.

Bei dem Thema fehlt es vor allem an Aufklärung und die sollte schon ganz früh beginnen: In Schulen zum Beispiel kann das ganz spielerisch geschehen, da gibt es beispielsweise einen Comic (ACHTUNG unbezahlte persönliche Werbung) „Der Ursprung der Welt“, von der Sexualaufklärerin und Normkritikerin Liv Strömquist, welcher sich mit der gesellschaftlichen Tabuisierung des weiblichen Geschlechtsorgan beschäftigt. DAS WEIBLICHE GESCHLECHTSORGAN. Mal ehrlich, wir haben noch nicht mal einen ordentlichen Namen dafür. Der Comic kann auch Erwachsenen helfen mit den Kindern über ein so tabuisiertes Thema zu reden.

Fast jeder interessiert sich für Sex. Und seien wir ehrlich, jeder und jede hat schon mal Pornos geschaut. Man kann viel lernen aus Erfahrungen anderer, aber gerade hier braucht es eine realistische Darstellung, welche kein falsches Bild vermittelt und es Männern so rechtfertigt, Frauen zu benutzen. Frauen haben auch Lust, haben Sexualität, wollen befriedigt werden, dürfen sich auch Pornos angucken. Welche Frau will aber einen Porno gucken, wo eine andere Frau gedemütigt wird, nichts entscheiden darf oder immer sofort auf den Pizzaboten (der oft in der Diskussion als Beispiel genannt wurde) steht und über ihn herfällt, obwohl sie vielleicht einfach nur „Lust“ auf Pizza hat (nicht zu ernst nehmen).

Jeder darf seine Sexualität so ausleben, wie er möchte. Ich und sehr wahrscheinlich die meisten haben viel mehr von dem Abend mitgenommen als nur drei Pornos im Kopf: Im „richtigen Sexleben“ geht es um Kommunikation, so wie in vielen Bereichen des Lebens. Vorher klären was ist ok, was will ich, was willst du. Solange jede/r einverstanden ist, kann man das machen was man will und das geht auch niemanden was an und niemand darf darüber urteilen. Ganz egal welche Fantasien oder Fetische man hat. Ihr denkt jetzt sehr wahrscheinlich: klar ist das so, jeder weiß es, doch manchmal ist es trotzdem gut, sich immer mal wieder über seinen eigenen Körper und über Darstellungen im Internet oder wo auch immer, im Klaren zu sein, sie zu überdenken, zu kritisieren.

Feminismus und Pornographie sind demnach kein Widerspruch in sich.

Also vielleicht inspiriert euch dieser Artikel mal einen etwas anderen Porno zu gucken oder vielleicht habt ihr auch gar keinen Bock auf Videos. Dann gibt es mittlerweile so viele andere Sachen, wie beispielsweise Sexpodcasts, erotische Sexgeschichten oder wie schon erwähnt, feministische Comics und,- Bücher. Wenn es was kostet, ist es eigentlich umso besser, es zeigt nur, dass einem auch etwas geboten wird. Schaut einfach mal was es so gibt. Am Ende dieses Artikels werde ich euch die Tipps der Jusos, den Gästen der Veranstaltung und meine persönlichen Empfehlungen nennen. Schaut sie euch an! Es sollte versucht werden etwas für die nächsten Generationen zu verändern. Irgendwann habt vielleicht auch ihr Kinder, denen ihr das mit den Bienen und den Blumen besser erklären könnt als irgendein Schmuddelfilm im Internet.

Ich habe erstmal viel Stoff zum Nachdenken und möchte euch am Ende noch ein Gedankenspiel mitgeben, was nochmal die Ausweite der Pornoproblematik darstellt:

In der Uni lernen wir alles wissenschaftlich zu betrachten und zu hinterfragen. Wie können wir den Wandel der Sicht auf Sexualität, das andere Geschlecht, den Wandel von „klassisch“ zu „feministisch“, von außen, empirisch beobachten, hinterfragen und unterstützen, wenn wir selbst Teil der Veränderung sind, wenn wir selbst im Wandel stecken? Wir sind Gegenstand unserer eigenen Beobachtungen. Post Positivismus = aus welcher Perspektive betrachten wir Pornos? Wir sehen immer nur einen Ausschnitt, nur einen Teilbereich, nicht das vor oder danach. (Zum Thema faire Produktionsbedingungen). Sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass seine eigenen und die Bedürfnisse des Sexualpartners/der Sexualpartnerin zu erfüllen und darauf zu achten ist wahrscheinlich ein erster Schritt. Zum Schluss: Trotzdem sollte man auch nicht zu radikal denken und beim jeglichem feministischen Denken den Mann nicht schlecht machen, es geht um Gleichbehandlung und Gleichstellung in Pornographie.An alle Jusos: Kompliment und Glückwunsch zum sehr positiven Feedback und Danke für diesen inspirierenden, gelungenen, etwas anderen Abend!

Übrigens: Die Pornos wurden von [L50], (ein Raum für Politik und Kultur) zur Verfügung gestellt.
http://l50.wohnopolis.de/

Tipps zu ähnlichen Veranstaltungen:

Radikaler Regenbogen: Queer- feministische Aktionsmonate in Weimar, Netzwerk mit Vorträgen, Frauenfilmreihe, Sportgruppe, Workshops http://www.radikaler-regenbogen.de/

Mit dem Kulturcarré Erfurt findet ihr ganz leicht tolle Lesungen und andere Kulturveranstaltungen, auch zu diesem Thema z.B. im Franz Mehlhose: https://www.kulturcarre.de/erfurt

Literatur:

Wie frei sind wir? Warum fällt es uns leichter, über essen zu reden als über Sex? Margarete Stokowski zeigt, wie sich Rollenbilder und Schamgefühle manifestieren in: „Untenrum Frei“:
https://www.rowohlt.de/hardcover/margarete-stokowski-untenrum-frei.html

„Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist
https://www.avant-verlag.de/comics/der-ursprung-der-welt/

Podcast:

Besser als Sex: https://open.spotify.com/show/3jplYUzOnBFPQE7T7Q0kTs

Deutschlandfunk Nova, Eine Stunde Liebe: https://www.deutschlandfunknova.de/podcasts/download/eine-stunde-liebe

Erika Lust (Produzentin von feministischen Pornos): https://erikalust.com/

Erotische Hörgeschichten für Frauen: https://www.femtasy.com/


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