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Lasst uns über Müll reden

Es ist Freitagmorgen, noch relativ früh und ziemlich kalt. Ich bin unterwegs zu meinem Treffen mit Benjamin Zeising, dem Initiator des „Kein-Müll-Laden“ in Erfurt, um meinen Tag mit einem Gespräch über das „Kein-Müll“-Projekt und Ressourcenschonung zu starten.

Benjamin bietet mir einen Kaffee an (lauwarm, aber dafür gibt es keine Milch), den ich aufgrund der früh-kalt Situation dankbar annehme, dann steigen wir ein in das Thema „Konsum und Nachhaltigkeit.“
Um gute Grundlagen für einen Diskurs zu legen ist es sinnvoll, mit klaren Definitionen zu arbeiten. Was also ist gemeint, wenn wir von „Müll“ sprechen?
Gemäß dem Verständnis des Ladens: „Unsere Definition von Müll: Alles, was unter keinen Umständen mehr brauchbar ist.“ Alles, was nicht darunterfällt, hat das Potential, noch von Nutzen zu sein.
Der „Kein-Müll-Laden“ bietet eine Plattform für Menschen, die dieses Potential sehen.
Immer freitags setzen sich hier ehrenamtliche MitarbeiterInnen dafür ein, Menschen für Ressourcenverschwendung und Recycling zu sensibilisieren. Jeder Gegenstand, der in irgendeiner Weise weiterverwendet werden kann, kann hier abgegeben oder gefunden werden. Dabei geht es allerdings nicht um alte Klamotten, Möbel oder anderes, was man zu Second-hand-Läden oder zur Tafel bringen würde. Das Ziel ist viel mehr, eine Auffangstelle zu bieten für Gegenstände, für die es sonst keine Alternative gibt, als die Mülltonne.
Die „Produktpalette“ reicht dabei von Briefumschlägen über altes Werkzeug, Alufolie, leeren Flaschen bis hin zu Kugelschreiberminen – Dinge, die noch einwandfrei funktionieren und eigentlich zu schade sind zum Wegwerfen, die man aber mangels eines akuten Verwendungszwecks oder aus Bequemlichkeit einfach entsorgt.

Der Kein-Müll-Laden von Innen
Ein Laden voller Müll

 „Wiederverwenden statt wegwerfen“

Das Problem, erklärt Benjamin, sei nicht, dass Müll existiert, sondern was damit passiere. Im Allgemeinen herrsche ein zu sorgloser Umgang mit Produkten, die noch brauchbar sind.
Das sei deshalb kritisch, weil es keine gute Lösung gebe, was letzten Endes mit diesem Müll geschehen soll. Eine Möglichkeit dem entgegenzuarbeiten, sei, Müll zu vermeiden, indem man Produkte wiederverwendet oder recycled. Sich um Sachen sorgen, statt sie zu entsorgen sei das Ziel, und dabei ganz im Sinne der „Schwarmintelligenz“ gemeinsam neue Wege und Möglichkeiten zur Wiederverwendung finden. Um mit diesem Ansatz so viele Menschen wie möglich zu erreichen, sei es wichtig, das Thema zu sozialisieren.
Klar – Müll ist kein standardmäßiger Gesprächsaufhänger und mit jedem Kilometer, den der Müll weiter gen Entwicklungsländer geschifft wird, rutscht die Problematik auf der Agenda nach unten.
Eine Art, Aufmerksamkeit auf die Situation zu ziehen, ist, Abfallentsorgung zum Alltagsthema zu machen.
Um ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen, hat der Laden es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Produkte anzunehmen und weiterzuvermitteln, sondern auch darüber zu informieren und so einen Zugang zu dem Problem zu schaffen. Hilfe zur Selbsthilfe leisten, quasi.
Jeder, der tiefer in die Müllmaterie eintauchen will, kann sich hier Denkanstöße holen, austauschen und wird bei Bedarf an weitere Ansprechpartner weitergeleitet.

Getragen wird der Laden zu einem Teil von Spendengeldern, hauptsächlich aber vom Welt(t)raum e.V., einem in Erfurt ansässigen Verein, der sich für Nachhaltigkeit und Menschenrechte einsetzt. Die finanzielle Situation sei nicht optimal, erklärt Benjamin, weil man nie wisse, wie lange man den Laden noch weiterführen könne. Beim „Kein-Müll-Laden“ herrsche Ressourcenmangel und das erschwere die Arbeit noch weiter. Trotzdem werde man sich weiter für das Projekt einsetzen, bestätigt auch von der hauptsächlich positiven Resonanz.

Ein Black-Board zum Artikel-Tauschen
Die Artikel-Verrmittlung

Der Laden in Erfurt ist ein Pionierprojekt, das kleine, aber wichtige Impulse sendet. Dass Ziele, wie beispielsweise Großbetriebe zur Nutzung von vollständig recycelten Materialien zu bewegen, erstmal utopisch sind ist klar. „Aber“, sagt Benjamin, „nichts machen kommt nicht in Frage“.
Das wiederum finde ich ziemlich inspirierend und ich nehme mir, bevor ich mich auf den Heimweg mache, einen alten Kugelschreiber mit. Ich habe nämlich keinen mehr und warum neu kaufen, wenn das auch anders geht?

Der Kein-Müll-Laden hat jeden Freitag von 16-19 Uhr geöffnet.

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