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Von Chemnitz nach Erfurt – ein ostdeutscher Kulturschock

Nach fast 22 Jahren sächsischer Komfortzone und kleiner Unterbrechungen über den Tellerrand hinaus, packte ich meine Sachen und machte mich gen Westen auf. „Drüm“ angekommen, stellte ich fest, dass ich mich noch immer in Ostdeutschland befand – genauer in Erfurt, Thüringen.

Doch die Stadt ließ mich auf den ersten Blick nicht so recht spüren, dass ich mich eigentlich noch im Osten Deutschlands befand. Während man im Zentrum von Chemnitz den Charme vergangener DDR-Zeiten Fabriken-Skyline gewohnt war, genießt der Betrachter Erfurts eine kleine historische Altstadt und einen malerischen Fluss, der den innerstädtischen Kreis durchzieht. Dabei weiß Erfurt seine Plattenbauten gut zu verstecken. Zwischen den alten Fachwerkhäusern und kleinen Gässchen sind immer wieder interessante Orte für Freunde des Kaffeegenusses und gepflegter Konversation zu entdecken. Eine allgemeine Gemütlichkeit scheint Einzug in diese Landeshauptstadt zu halten. Diese Runde geht an Erfurt.

Stadtleben

Auf den Straßen von Chemnitz finden sich nur einige verlorene Seelen, die durch die Innenstadt huschen. Besonders im Herbst traut man sich kaum noch vor die heimische Haustür und der regnerische November läutet eher den Winterschlaf dieser Stadt ein. Doch Gemütlichkeit und gepflegte Konversation lassen sich in Chemnitz auch ausfindig machen. Da wo sich die alternative Szene der Stadt tummelt und einen parallelen Kosmos erschafft. In den kleinen Cafés auf dem Kaßberg tummelt sich die Chemnitzer High-Society und genießt, in feinster Kaßberg-Manier, Kuchen und Kaffee. Im hippen Lokomov wird stilvoll das Feierabendbier zur philosophischen Diskussionsrunde eingenommen und der nächste Morgen im Club Atomino (dem Wohnzimmer Kraftklubs) begrüßt. Im Sommer vergnügt man sich bei einem kalten Bier und dem besten Bingo der Stadt mit Jan Kummer im Kaßberger Biergarten. Gleichzeitig bietet die Stadt einen unvergleichlich vielfältigen Freiraum für Projekte und Kulturschaffende: In den Stadtteilgärten kommen Menschen zusammen, bauen Nutzpflanzen an und arbeiten gemeinsam an Projekten; die zahlreichen bunten Vereine (bspw. BordsteinLobby e.V., Chemnitz Open Space oder die Buntmacher_innen), die gemeinnützig und ehrenamtlich geführt werden, gestalten ein kulturelles Kontrastprogramm zum sonstig tristen Alltag der Stadt. Ein weiterer Chemnitzer Kosmos ist die Technoszene der Stadt, die doch nur wenige kennen. In alten verlassenen Industriebauten organisiert das Reset Kollektiv die begehrtesten Partys der Stadt. Bleiben wir kurz bei Techno: Schon mal was von der East Parade gehört? Nein? Die Chemnitzer Version der Love Parade mit Technowagen und einem Zug aus tanzwütigen Menschen durch das Herz der Stadt, ist wohl eines der jährlichen Highlights schlechthin (Was Techno betrifft – Punkt für Chemnitz, würde ich sagen.)

Lost Places in Chemnitz © Natlie Bleyl

Kultur

Die alternative Szene meiner neuen Wahlheimat hat jedoch auch einiges zu bieten! Mehrere verschiedene Kollektive bringen Menschen zum Tanzen, das Retronom oder der Klanggerüst e.V. schaffen Raum für Kunst und Kultur. Im Erfurter Norden bietet aber auch die Frau Korte einen Platz für alternative Kulturangebote. Im Zughafen ist dann noch das Kalif Storch zu finden, der Technoclub meiner Wahl. Studierende und ehemalige Studierende, die sich engagieren, gemeinnützige Vereine gründen und das Stadtleben gestalten, finden sich in beiden Städten. Die junge kulturelle Ader floriert. Nennen wir es ein Unentschieden. Auch wenn Chemnitz mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 etwas mehr Selbstbewusstsein an den Tag legt und die eigene Nase somit wesentlich höher trägt, als man vermutet hätte.

Campus

Leben und Studieren in einer Stadt sind jedoch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wer in Chemnitz studiert hat, hatte immer etwas zu meckern: Kleine Uni (11.000 Studierende), kleiner Campus, moderne aber funktionsunfähige Raumausstattung, die neuen Passivhausbauten, die immer kalt waren und das Pegasus-Center, das die Unibibliothek darstellen sollte, aber eher an DDR-Funktionärsbüros erinnert.  Man dachte aber immer: Da ist noch gewaltig Luft nach oben. Doch Erfurt hat mir gezeigt, was wirklich eine kleine Uni ist (6.000 Studierende), ein kleiner Campus, alte Universitätsgebäude und unterdurchschnittliches Mensaessen sind. Mittlerweile vermisse ich die grauen Hallen des Weinholdbaus, der eigentlich immer die perfekte futuristische Instagram-Kulisse bot. Sorry, der Punkt Uni-Campus geht an Chemnitz. Aber der Punkt Unibib geht definitiv an Erfurt (Die in Chemnitz wird wahrscheinlich erst 2050 fertiggestellt). Also eher ein Unentschieden.

Nicht nur in Chemnitz, auch in Erfurt muss man sich Witze über „den“ „strukturschwachen“ „Osten“ anhören und der hiesig gesprochene Dialekt wird nur mit einem Schmunzeln beäugt. Vielleicht wird einem noch ein kleines Wörterbuch zur Hand gegeben, wenn man neu ist, damit man sich mit den „Einheimischen“ auch verständigen kann. Hier ähneln sich die beiden Städte dann doch wieder. Dennoch lässt dies nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Erwähnung von „Chemnitz“ eine noch viele stärkere Reaktion hervorruft. Eine Reaktion, die von ganz tief aus dem Inneren kommt und dem Gegenüber einiges an Kraft abverlangt. Denn dann schießen tausende Fragen auf einen ein und die Mimik verschiebt sich in Schieflage: Ach, sowas hast du wirklich in Chemnitz studiert? Wie war es denn dort? Kann man dort wirklich leben? Nein, ich habe es zum Glück nur überlebt, diese Bürgerkriegsähnlichen Zustände von Chemnitz. Alles Quatsch, Leute.

East Parade © Natlie Bleyl

Chemnitz hat Rechte, ein Fakt. Aber vor allem hat diese Stadt das Recht darauf, einfach wieder Chemnitz sein zu dürfen. Vor den traurigen Ereignissen im Jahr 2018 hatte kaum jemand eine Vorstellung von Chemnitz. Jetzt hat sich in den Köpfen nur das Bild einer Stadt mit Hitlergruß und Rechtsradikalen festgesetzt. Erfurt hat Björn Höcke als Landessprecher der AfD Thüringen und Vorsitzender der Landesfraktion, ebenfalls ein Fakt. Und hiermit hat sich für mich, dann nun doch nicht allzu viel verändert. In Sachsen habe ich die Saxokalypse miterlebt und Thüringen hat mit der letzten Landtagswahl seine ganz eigene Version hiervon geschaffen. Das ist dann wohl ein Unentschieden für beide Städte.

Chemnitz war eher Liebe auf den zweiten Blick. Mit Leipzig oder Dresden konnte es noch nie mithalten. Das muss es aber nicht. Die Menschen, die dort leben wissen genau, wie liebenswert diese Stadt ist. Ebenso verhält es sich mit Erfurt. Diese Landeshauptstadt scheint nicht vergleichbar mit anderen der Bundesrepublik zu sein. Erfurt besteht genau wie Chemnitz aus Widersprüchen, Gegensätzen und Paradoxien. Aber das ist es, was ein Leben in diesen Städten so einzigartig spannend macht! Und ich freue mich, mich in Erfurt zu verlieben.

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