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Ein Riese geht: liebes hEFt mach’s gut!

Fünfzehn Jahre lang hat das hEFt über die Erfurter Kulturlandschaft berichtet, hat sie begleitet und sie maßgeblich geprägt. Am 04. Januar erscheint die letzte Ausgabe der altehrwürdigen Dame der Erfurter Kulturmagazine, unsere Ahnin macht Schluss. Es ist Zeit Tschüss zu sagen und auf anderthalb Jahrzehnte Druckgeschichte zurückzuschauen.

hEFt reliest im September 2015 am Angermuseum ©Benedikt Rascop

Aus Gotha ins Herz von Erfurts Literatur- und Kulturlandschaft

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist die Geschichte vom hEFt. Sie beginnt jedoch erstmal im Frühjahr dieses Jahrs, beim Release des UNGLEICH magazins. Wir waren ganz neu, als uns Ben und Thomas vom hEFt schrieben. Sie wären auf uns aufmerksam geworden und würden uns gerne kennenlernen. Also haben wir uns in einer Kneipe getroffen und geredet. Das Gespräch war gut, die Geschichte die Ben und Thomas erzählt haben spanend. Jetzt ist es an der Zeit, diese Geschichte zu erzählen:

Gotha Anfang der 1990er Jahre: Thomas und Alexander waren Anfang Zwanzig, als sie sich gemeinsam auf den Weg nach Erfurt gemacht haben. Sie waren Teil einer Gruppe von Freund*innen, die zwei Dinge gemein hatten: die Liebe zur Literatur und die Stadt Gotha, in der sie damals alle lebten. Mitten in Thüringen gelegen, strahlt diese vieles aus, aber keine kultur- und literaturspezifischen Gelüste, sondern im ersten Moment erstmal viel Nichts. Wenn ich an Gotha denke, fällt mir zuerst ein, dass der Zug von Erfurt nach Göttingen dort seine Fahrtrichtung wechselt und dafür gefühlte 53 Minuten braucht. Viel mehr, als der eintönige Bahnhof ist mir nicht in Erinnerung geblieben, außer einer Nazi-Demo von Thürgida, als ich vor 3 Jahren mal in der Stadt war. Aber es kommt auch sehr Gutes aus Gotha: Anfang der 1990er Jahre machten Thomas und seine Genoss*innen die ersten Gehversuche mit der Gründung einer Literaturinitiative in Gotha. 1993 zog es sie dann zum Studium ins kulturelle Zentrum Thüringens: Erfurt (sorry Weimar!). Dort fühlten sie sich direkt wohl und so blieben sie, um über Literatur, Kultur und Stadtleben zu schreiben. Sie gründeten verschiedene Kulturprojekte im Kulturrausch e.V., boten Schreibwerkschaften für literarischen Nachwuchs an und gingen mit dem Magazin „Die Rampensau“ an den Start. Dieses wurde letztlich 2005 durch das hEFt abgelöst, das seitdem vierteljährlich erscheint.

15 Jahre – wie hält man das durch?

Fünfzehn Jahre später ist in Erfurt kaum noch etwas wie es war. Aber das hEFt ist geblieben, insgesamt sollten es 58 Ausgaben werden. Als das hEFt anfing, war das Nerly noch dort, wo heute Karstadt-Sport am Anger Fußballschuhe verkauft, Clueso sah nicht nur jung aus, sondern war es auch und Kalif Storch sollte noch über 10 Jahre auf seine Eröffnung warten. Man musste sich seine Wege selbst suchen, sagt Thomas. Es gab einige Initiativen, viele Kulturinteressierte aber wenig Vernetzung unter ihnen. Der Auftrag schien klar: es braucht ein Medium, das Literatur und Kultur zu den Menschen bringt und diese wiederum zur Kultur. Die Parallele zum UNGLEICH magazin ist klar erkennbar, wir sehen für uns einen ähnlichen Auftrag. Während wir aber den großen Vorteil haben, online veröffentlichen zu können, musste das hEFt auf den klassischen Print zurückgreifen. Es ging um das Sammeln von Einsendungen, um die Gestaltung von Magazincover und Inhalt, den Druck und das Verteilen der Ausgaben in und um Erfurt, was Thomas und seine Leute übrigens bis heute ehrenamtlich machen – 2000 Exemplare pro Ausgabe. Davor ziehen wir auf jeden Fall den Hut.

hEFt reliest im Juni 2014 beim Strandgut – ©Thomas Putz

In der Zeit des hEFt in der Hauptstadt Thüringens hat sich die Stadt einer enormen Veränderung unterzogen. Erfurt ist dabei für viele seiner Bewohner*innen aber leider bis heute eine klassische Durchgangsstadt, ein Zwischenschritt für Hipster, die es nach Berlin oder Leipzig zieht. Mit der Zeit kamen die Leute, mit ihnen die Initiativen. Die Leute gingen aber auch wieder – und somit auch die Kollektive, die Clubs und die Magazine. Währenddessen hat sich das hEFt gehalten, das finden wir beeindruckend, denn auch viele Menschen, die Teil hEFt waren sind gegangen. Thomas beschreibt dies als eines der wenigen Probleme, denen sie begegnet sind. Von der Ursprungsbesetzung sind zwar noch ein paar Koryphäen geblieben, sonst gab es aber einen stetigen Wechsel von Leuten, die gingen oder neu dazukamen. Ben, der vor ein paar Jahren zum Team stieß, beschreibt Thomas und Alexander, die das Magazin mitgegründet haben und es maßgeblich mit anführen, als entscheidende treibende Kräfte.

Wie hält man das so lange durch? Trotz Berufsleben, Familie, Kindern, Reisen und Hobbies. Für Thomas ist das Heft fast so etwas wie ein eigenes Kind. Er spricht von der Begeisterung für Literatur, von der Liebe zum Magazin und zur Kultur der Stadt. Die Liebe zu dem, was da auf die Beine gestellt wurde, zu den Menschen mit denen gearbeitet wird, zu den Texten, die in großer Zahl eingesendet werden und zu den Lesungen zur Veröffentlichung der Ausgaben. Tatendrang und Passion, das hat sie solange dabeibleiben lassen.

Zeit zu gehen und was bleibt

Diese Menschen des hEFt haben ihrem Magazin ein Gesicht und ein klares Konzept gegeben. Vierteljährlich mit jeweils eigenem Ausgabenthema und einer Zweiteilung in einen Teil über (Stadt-)Kultur und einen thematisch gerahmten Literaturteil. Für diesen zweiten Teil werden Einsendungen zum jeweiligen Thema ausgewählt, die von Prosatexten bis Lyrik fast alles umfassen, was man sich unter Literatur vorstellen kann. So entstand eine Bühne, ein Forum, für alle, Ein Riese geht: liebes hEFt mach’s gut!l jene, die Kultur schaffen, indem sie schreiben – kreativ und gut. Dieses inhaltliche Konzept ist gerahmt durch die Veröffentlichungsveranstaltungen des Kultur- und Literaturmagazins: das „hEFt reliest“. Bisher 57 Veranstaltungen, an den unterschiedlichsten Orten mit unterschiedlichsten Konzepten. Das hEFt relieste im Kurhaus Simone, mehrfach im Nerly, in einer alten Schule und mit riesigem, an die Festungsmauer gestrahltem hEFt-Logo auf dem Petersberg (wobei leider die Beamerbirne durchbrannte). Bei „hEFt reliest“ wurde gelesen und zugehört, gefeiert und getanzt und Erfurts Kultur zelebriert. So hat das hEFt die städtische Kulturlandschaft mitgeprägt und dabei diese und sich selbst verändert. Man ist gemeinsam erwachsen geworden über all diese Jahre und jetzt zieht das einst noch junge Kind von Thomas und Co. letztlich aus. Das hEFt verlässt die Bühne und hinterlässt ein bestelltes Feld. Mittlerweile gibt es Initiativen wie die Ständige Kulturvertretung, die es neuen und etablierten Kulturinitiativen einfacher machen, die Kultur zu vernetzen. Es gibt Alteingesessene wie das Klanggerüst und Neulinge wie das Kulinarische Kollektiv und es gibt neue, junge Magazine wie das Kind von uns: das UNGLEICH magazin. Wir freuen uns darauf zu sehen, wie die neuen Kinder wachsen und so muss niemandem angst und bange werden, wenn sich Thomas, Ben, Alexander und der Rest der Bande anderen Lebensbereichen widmen. Traurig sind wir natürlich trotzdem.

„hEFt reliest“ Nr. 58: die Veranstaltung findet am 04. Januar ein letztes Mal statt. Erfurterisch in der Alten Parteischule. Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Diese Veranstaltung sei allen dringend ans Herz gelegt.

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