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Rechtsrock-Konzerte in Deutschland – Ausgangspunkt des Rechtsextremismus

Das im folgenden behandelte Thema Rechtsrock ist sehr heikel und für die meisten fernab des Alltäglichen. Diese Tatsache habe ich mir als Ausgangspunkt genommen, um einmal näher hinzuschauen und darüber zu schreiben, was der älteren Generation meist nur ein „…ach, ist doch nur eine Randerscheinung, die Mehrheit interessiert sich dafür doch eh nicht“ wert ist.

Rechtsrock-Konzerte sind…

Rechtsrock-Konzerte haben meistens nichts mit bekannten oder talentierten KünstlerInnen, die für ihr Können in Gesang oder am Instrument bekannt sind, zu tun. Die Bands, die hier auftreten, haben nur eines gemein: Sie teilen die gleiche Ideologie und glorifizieren in ihren einschlägigen Liedern den „völkischen Zusammenhalt und die ethnische Homogenität Deutschlands“ im dritten Reich. Ab und an erklingt dann ein Lied, in dem es explizit um die „großen Taten der deutschen Wehrmachtssoldaten“ geht oder das Rudolf-Hess-Lied, welches dann in etwas abgeänderter Form sowohl von SängerInnen als auch von TeilnehmerInnen mitgegrölt wird. Zufällig demonstrieren die FestivalbesucherInnen dann bei diesen Liedern noch mit ihrem rechten Arm, wie hoch ihre Zimmerpflanze ist und begeben sich somit ins Abseits der Legalität. Und wenn man das so über die Zäune, die um ein Festivalgelände stehen, um Öffentlichkeit und Medien auszuschließen, sieht, fragt man sich, wo denn gerade die Rechtsstaatlichkeit hin ist und ob die Exekutive nur zur Deko da ist.

Rechtsrockland Deutschland? Das Schild und Schwert Festival in Ostritz.
© recherche-nord

Rechtsrock-Konzerte haben in den letzten zehn Jahren immer mehr an Popularität gewonnen, das liegt wohl daran, dass die BesucherInnen der Festivals eines eint: die Unzufriedenheit mit dem Deutschland wie es heute ist. Für manche ist es angebliches „Nichts-Tun“ unserer Regierung, wenn es um Geflüchtete geht, da es für die AnhängerInnen der rechten Szene keine ethnisch heterogene Gesellschaft geben kann oder eine insgesamte Unzufriedenheit mit sozial-politischen Entscheidungen unserer Bundesregierung. Das beinhaltet leider auch die Konsequenz, dass gerade jüngere Menschen, die weder einen Krieg noch eine andere größere Krise miterleben mussten, den „völkischen Zusammenhalt“ im dritten Reich idealisieren und sich diesen gerne in der heutigen Zeit wünschten. Mittlerweile sind diese Rechtsrock-Happenings (so hip wie das auch klingt, ist es für die TeilnehmerInnen wirklich) zu einem festen Bestandteil im Veranstaltungs-Jahreskreislauf der rechten Szene geworden. Mehr und mehr Nachwuchs aus der Identitären Bewegung verstärkt die Reihen der Neonazis und macht die Rechtsrock-Veranstaltungen von außen gesehen zu dem, was wir heute von Konzerten oder Festivals verstehen. Stände, die sowohl Merchandise, beschriftet mit verschiedenen Mottos und Symbolen an der Grenze zur Legalität und CDs der Bands anbieten, als auch Foodtrucks kann man auf den Veranstaltungen finden. Also alles, was rund um so ein Konzert heutzutage Standard ist. Massentaugliche Mainstreamangebote, die mehr und mehr BesucherInnen anlocken.

Doch hinter all diesen nach außen hin harmlos wirkenden Eigenschaften verbirgt sich eine Maschinerie, die exponentiell Erfolge einfährt und im Moment nicht gestoppt wird.
Rechtsrock-Konzerte sind mehr als nur eine Randerscheinung.
Rechtsrock-Konzerte sind Grundlage für rechte Netzwerke, die in terroristische Strukturen verwickelt sind.

Rechtsrock-Konzerte sind mehr als nur eine Randerscheinung.

Die Besucherzahlen von Tagesfestivals oder Konzerten der rechten Szene in Thüringen, wie z.B. Deutschlands größtes Neonazifestival in Themar, steigen rasant an, was zur Folge hat, dass auch das Angebot steigt. So wurden 2018 vom Verfassungsschutz 320 Rechtsrock-Konzerte und Festivals bestätigt. Vergleichbar mit Rockkonzerten rund um die Welt, treffen sich auch hier die TeilnehmerInnen, um einen „lustigen Abend“ miteinander zu verbringen. Hier kommt aber noch erschwerend hinzu, dass diese Personengruppe auf den Veranstaltungen ihr eigenes rechtsextremistisches Lebensgefühl zelebriert und die VeranstalterInnen dies auch nutzen, um Propaganda-Szeneartikel – Merchandise – unter die TeilnehmerInnen zu bringen. Mit dem Verkauf der Szeneartikel erhöhen sich auch die Einnahmen dieser Konzerte, zusätzlich zu den auf „Spende“ basierenden Eintrittskarten. Dieses Eintrittssystem unter dem Tarnmantel der „Spende“, hat den Grund, dass die Veranstaltungen öffentlich werden und so nicht verboten werden dürfen und von der Exekutive geschützt werden müssen. Die jährlichen Einnahmen aus „Spenden“, Merchandise und CD-Verkäufen belaufen sich im Jahr 2019 auf eine bis zu zwei Millionen Euro, Tendenz steigend. Mit diesen Einnahmen werden dann weitere Konzerte in Thüringen, wie die von den „Turonen“ organisierte Veranstaltungsreihe „Back in Black“ im Hotel Erfurter-Kreuz (Kirchheim) oder auch Immobilien für Treffen von Kameradschaften, wie das „gelbe Haus“ in Ballstädt, finanziert. Eine weitere Einnahmequelle der rechtsextremistischen Szene sind die verschiedenen Online-Versandhandel, auf denen man von Kaffeetassen mit eisernem Kreuz bis Bettwäsche mit Konterfei eines Wehrmachtssoldaten alles finden und erwerben kann. Der größte deutschlandweite rechtsextreme Versandhandel ist „Druck18.com“, der von Tommy Frenck, dem Organisator des Neonazifestivals in Themar, betrieben wird.  Sollte man also einen Artikel auf einer solchen Seite erwerben wollen, unterstützt man eine rechte Szene, die neben Konzerten auch Gewalttaten ausübt und gedenkt, die rechtsextremistische Ideologie in die Köpfe einzupflanzen.

“18” – Merchandise und verfassungsfeindliche Zeichen.
© recherche-nord

Rechtsrock-Konzerte sind Grundlage für rechte Netzwerke, die in terroristische Strukturen verwickelt sind.

Die Zeiten sind günstig für eine Reorganisation der Netzwerke. Die AnhängerInnen haben eine stolz geschwellte Brust und einen erhöhten Selbstwert, da man sich mittlerweile als eine Bewegung mit Reichweite ansieht. Sprich, die alten „Kämpfer“, die schon lange der rechtsextremen Szene angehören, treffen sich wieder und bilden auf den Konzerten und Festivals neue Allianzen. Unter anderem ist diese Motivation dadurch zu begründen, dass Europa in den letzten Jahren einen Rechtsruck erfahren hat und der Rechtsextremismus starke Schnittstellen mit dem Rechtspopulismus aufweist. Diese Schnittstellen lassen sich grob in zwei zentrale Ideen aufteilen. Die eine Idee ist, dass man sich im Widerstand gegen „politische Eliten“, „Systemmedien“, „Gutmenschen“ und die Wissenschaft befindet. Diese Ideologie ist anschlussfähig, da sie bei sehr vielen großen Anklang findet, da man ja einfach nur noch unzufrieden ist, und der Unmut so zum Ausdruck gebracht werden kann. Der zweite Grund ist, dass in Europa mittlerweile Parteien, deren Traum „ethnisch-homogene“ Staaten sind, Wahlerfolge verzeichnen. Das lässt natürlich die rechte Szene aufhorchen, da diese Fantasterei auch die Ideologie des dritten Reichs, der national befreiten Zone, war.

Jedoch sind diese Konzerte nicht einfach nur Veranstaltungen, um die Anhängerschaft zu radikalisieren oder Propaganda unterzubringen. Die Geschichte von „Blood & Honour“, einer Kameradschaft die unter anderem den militanten Flügel „Combat18“ beinhaltet und in Deutschland verboten ist, zeigt, dass man sich am Rande von solchen Veranstaltungen getroffen hat, um Vernetzungstreffen auf Führungsebene abzuhalten. Bei diesen Treffen geht es laut Martina Renner, Sprecherin für antifaschistische Politik der linken Bundestagsfraktion, vor allem darum, terroristische Aktivitäten zu planen, also, wie wird die Zellenbildung vorangetrieben, wer würde Waffen beschaffen und wer wäre in der Lage zur Tat zu schreiten.

Der Organisator des „SS-Festivals“ (Schwert und Schild Festival) in Ostritz, Thorsten Heise, unter anderem Bundesvorstand der NPD, hat enge Verbindungen zu William Browning, dem Gründer von „Combat18“. Die Gruppe ist der militante Flügel von „Blood & Honour“ und hat europaweit mittlerweile 18 Ableger, die vor allem in Griechenland seit 2000 für mehr als 30 Angriffe auf Wohnviertel in denen Geflüchtete leben, verantwortlich sind. „Combat18“ oder kurz, „C18“ steht für „Kampfgruppe A H“, also „Kampfgruppe Adolf Hitler“. Aber nicht nur Organisationen, sondern auch mutmaßliche Einzeltäter, wie Stephan E., der in diesem Jahr den Kasseler Regierungspräsidenten aus nächster Nähe erschoss, sind der Anhängerschaft der Nazifestivals, bei denen sie sich radikalisierten und in Täterkreise kamen, zuzuordnen. Dies zeigt die verheerenden Ausmaße des Rechtsextremismus der heutigen Zeit und den Zusammenhang mit den Festivals, Konzerten und Strukturen in Thüringen, die schon lange Bestand haben, und für Neonazis schon zur Tradition geworden sind.

Die familienfreundliche NPD als Veranstalter solcher Events.
© recherche-nord

Rechtsrock-Konzerte haben neben Rock Musik nur ein Ziel, die Gesellschaft von innen heraus nach ihrer Ideologie umzukrempeln. Es muss ein Bewusstsein für diese überhandnehmenden Propagandaveranstaltungen entstehen und die Öffentlichkeit sollte zu diesem Thema besser unterrichtet werden. Jedoch schaffen es die OrganisatorInnen dieser Veranstaltungen immer wieder, die Medien auszuschließen und im Geheimen ihr Hirngespinst einer, in ihren Augen perfekten Gesellschaft, zu planen. Zudem müssen die Staatsgewalten stärker gegen den Aufschwung von rechter Narrenfreiheit und die Neubildung von Zellen und Netzwerken in der rechtsextremistischen Szene vorgehen. Die Ziele der Netzwerke, Kader und Kameradschaften in Deutschland sind in höchstem Maße verfassungsfeindlich, antidemokratisch und arbeiten auf einen völkisch-nationalen Staat hin, den sie dann mit terroristischen Aktionen zu etablieren versuchen und der Gesellschaft auf diesem Weg oktroyieren wollen.

Rechtsrock-Konzerte sind… Ursprung einer Dystopie, die niemals Wirklichkeit werden darf.

Quellen und Literatur-Tipps:

White Noise: Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour – Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene. 2001.

Kleine Anfrage der Abgeordneten Henfling (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Antwort des Thüringer Ministeriums für Inneres und Kommunales, “Politische Versammlungen und Rechtsrock-Konzerte” 30.01.2017.

Kleine Anfrage der Abgeordneten König-Preuss (Die Linke) und Antwort der Landesregierung Anfragenummer 3932 – Drucksache 6/7704 “Durchsuchungen mit Waffen- und Sprengstofffunden sowie Verbindungen zur rechten Szene in Thüringen? – Teil II” 01.09.2019.

Die Story im Ersten: “Rechtsrockland”
https://www.youtube.com/watch?v=2w7kQPNa0nc

UNGLEICH magazin: Die extrem-rechte Szene am Erfurter Herrenberg

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