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Internationalität an der Uni Erfurt wird groß geschrieben

“Internationalisierung” ist auch an der Uni Erfurt ein großes Thema. Doch was tut die Uni wirklich, damit sich internationale Studierende in Erfurt wohlfühlen und zurechtfinden. Unsere Autorin findet, dass es noch einiges zu tun gibt.

Donnerstag, Nachmittag, 14:01. Kurs „International English“. Ich sitze auf meinem altbewährten Platz in der letzten Reihe, neben mir meine Freundin Melis, eine Austauschstudentin aus der Türkei. Wir sprechen über die anstrengende Klausurenphase, das vegane Gyros aus der Mensa mit fraglicher Konsistenz und sie fragt mich, wann denn das Sommersemester beginne. Laptop aufgeklappt, gespeicherte Tabs und ich öffne Elvis, das Studienportal der Uni Erfurt.

Dann der Schock: Elvis existiert nur in deutscher Version.
Die Frustration ist vergleichbar mit Mittwoch 16:02, wenn man realisiert, dass man für die Eintragung in die Unisportkurse ganze zwei Minuten zu spät ist und sich höchstens den letzten Slot in „historischem Fechten“ sichern kann. Genau diese Gefühle der Enttäuschung und Unzufriedenheit durchströmen mich, als ich meiner Freundin die Worte „vorlesungsfreie Zeit“ und „Semesterende“ erklärte. Wie sollen sich unsere internationalen Studierenden denn bitte in der Bürokratie Deutschlands zurechtfinden?

Wie international ist unsere Uni wirklich?

„Es gibt viele gute Gründe für international Studierende zum Studium nach Erfurt zu kommen!“ Liest man diese Aussage auf der Uniwebsite, bekommt man doch schon einmal einen soliden Eindruck. Erfurt, als kultureller Ballungsraum, in dem schon viele Altprominente (Bach, Goethe, Schiller usw.) mindestens einmal in ihrem Leben den Fuß in die Stadt gesetzt haben. 
Obwohl unsere Uni an der Nordhäuser Straße 63 definitiv zu den kleineren Bildungseinrichtungen in Deutschland gehört, zählen wir im Wintersemester 19/20 immerhin 509 Studierende aus 89 Ländern (Masterstudierende von der Willy-Brandt-Schule eingeschlossen). Bei einer Gesamtzahl von 5928 Studierenden braucht man keinen Doktor in Mathematik, um zu sehen, dass fast 10% der Gesamtanzahl aller Studierenden „Internationals“ sind. Das ist schon ordentlich.

Und es wird noch ordentlicher, wenn man realisiert, dass ein Großteil dieser 10% ohne besondere Vorkenntnisse über die Menschen und das Bildungssystem nach Deutschland kommen. Und seien wir mal ehrlich, wir Deutschen sind auf der „Freundlichkeitskala“ noch verbesserungsfähig. Das liegt größtenteils überhaupt nicht daran, dass wir nicht nett sind, aber uns fällt es manchmal doch schwer impulsiv freundlich zu sein, den ersten Schritt zu machen. Es ist für Außenstehende schwer in die „deutsche Bubble“ hineinzugelangen, ohne die Seifenblase zu zerstören und eine künstliche Situation zu erschaffen. Oft wirken wir fremden Kulturen gegenüber distanziert und nicht gerade einladend.
Gegenfrage: Jeder der schon in einem kulturandersartigen Land unterwegs war, kennt es, Startschwierigkeiten zu haben. Man ist nicht zu Hause, möchte sich aber so fühlen. Und wer kann dieses Gefühl besser vermitteln, als die Einheimischen?
Drehen wir das Szenario wieder zurück, jetzt sind wir die Einheimischen und unsere Internationalen die „Fremden.“ Sollten wir nicht versuchen den Campus offen und vielfältig zu gestalten? Es ist gut, wenn unser Unileben divers ist. Der Austausch wird interessanter, wenn wir verschiedene Kulturen repräsentieren.

Hierzu müssen allerdings erst einmal die strukturellen Gegebenheiten eine Revolution erleben.
Wie sollen Internationale etwas über ihr Vorlesungsverzeichnis oder ihre Prüfungsordnung erfahren ohne für die Pro Version von leo.org zu zahlen? Dass die Nutzung von Elvis besonders in den ersten Semesterwochen eine große Rolle spielt, ist unbestreitbar. Als ich mich also so ein bisschen auf der Uniwebsite umschaue und ausschließlich die englische Version verwende, fällt mir zudem auf, dass drei der vier Fakultäten keine englische Website besitzen. Einzig allein die Staatswissenschaftliche Fakultät bietet nichtdeutschsprachigen Personen Einblicke in die Aufstellung und Lehre.

Könnte sich also durchaus schwierig für einen internationalen Studenten gestalten, etwas über unseren Unialltag zu erfahren, ohne einen Sprachkurs in „general defintions of german university culture“ zu belegen.  Wie schwer kann es schon sein, nach etwas mehr „internationaler Verständlichkeit“ zu streben, wenn doch die Bibliothekswebsite mit drei wählbaren Sprachen den Maßstab setzt?
Campusschilder, ehrlich? Schon als deutsche Muttersprachlerin fiel es mir am Anfang schwer das richtige Gebäude zu finden. Und obwohl einige Wörter wie „Toiletten“ wohl universal sind, wäre es doch ein herzliche Willkommensgeste, neben dem deutschen Schild ein Englisches aufzustellen. Jetzt aber mal ernsthaft: All diese „struggles“ begleiten unsere ausländischen Studierenden in ihrem Werdegang an der Uni Erfurt und vereinfachen die soziale Situation nicht unbedingt.

Das Wort Umsetzbarkeit fällt. Zugegeben: Schaut man sich diese „Beweislage“ ohne Realitätsbezug an, verstehe ich den Ärger und die Frustration jedes Einzelnen (mich eingeschlossen). Es stellt sich nun die wichtige Frage:

Sind meine Forderungen überhaupt realistisch?

Einmal wachrütteln bitte. Ich habe fast schon ein schlechtes Gewissen, als ich mich nach meinem Besuch bei dem Dezernat Studium und Lehre, wieder an den Schreibtisch setze. Natürlich wäre die Vorstellung eine englische Version von Elvis zu haben fantastisch, aber wie sieht die Umsetzung in der Realität aus? Eine Universität als Bildungsinstitut bedeutet immer auch begrenzte Ressourcen. Bilingual schön und gut, das eigentliche Ziel jedes Instituts ist es doch, das Studium unter guten Vorrausetzungen, qualifizierte Professoren und Lehrveranstaltungen, zu gewährleisten. Hat man nur eine begrenzte Zahl an Mitteln, Arbeitsstunden und Personal, scheint das Übersetzen einer komplexen Website wie Elvis utopisch. Das würde unter anderem auch bedeuten, dass alle Prüfungsordnungen als amtliches Dokument englisch übersetzt werden müssen. Und wem würde diese ehrenvolle Aufgabe zufallen? Unseren lieben Professoren, die sicherlich nichts Besseres zu tun haben, als seitenlange Schriftstücke in perfektioniertem Englisch zu verfassen. Und schließlich ist Englisch ja auch nicht gleich Englisch, oder? Es müsste sich also erstmal auf eine allgemeine Fachsprache geeinigt werden.
Nach meinem Gespräch mit Herrn Becher kann ich nun erstmal nachempfinden, wie schwierig sich dieses ganze Unterfangen aufstellen würde. Ganz davon abgesehen, dass Thüringen als wirklich kleines Bundesland sicherlich nicht haufenweise Fördergelder an die Universitäten zu verschenken hat. Zudem muss beachtet werden, dass von den 10% international Studierenden viele schon ein C1 Deutschniveau nachweisen müssen, um überhaupt in Deutschland studieren zu können. Das sind insbesondere die Masterstudenten und höhere Semester. Für die übrigen Austauschstudenten unterstützt die STET Woche und die Zuweisung eines Mentors den Einstieg in das Studium.

Es wird also deutlich, dass es nicht so einfach ist, wie es scheint. Der Anspruch „internationaler“ zu werden, lässt eine Menge Fragen nach verantwortlichen Instanzen und fehlenden Ressourcen entstehen. Zudem hat Erfurt als kleine Universität viele andere Baustellen, die Zeit und Geld in Anspruch nehmen (von der Einrichtung der neuen Uniwebsite fange ich gar nicht erst an). Ein großes Unterfangen wie dieses ist also im Moment von geringerer Priorität und schwer umsetzbar, zudem sich auch die Fragen nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen stellt.

Nichtsdestotrotz sollte der Anspruch „Verbesserungen auf internationalem Niveau durchzuführen“ bestehen bleiben, eben nur im realisierbaren Rahmen. Vielleicht widmet man sich erstmal kleinen Verbesserungen, bevor man sich dem Großprojekt ELVIS annimmt. Campusschilder auf Englisch wären da eine gute Sache.
Lassen wir die futuristischen Wünsche einmal beiseite und begeben uns in die Gegenwart zurück. Mir liegt es nun am Ende des Artikels am Herzen, auf ein paar bereits bestehende Möglichkeiten sich zu engagieren, aufmerksam zu machen. Denn:

Es gibt wirklich coole Events für die nationalen und internationalen Studierenden.

Das Programm TANDEM, bei dem man quasi einen kostenlosen Sprachcoach an die Seite gestellt bekommt und dazu vielleicht sogar einen neuen Freund findet, das internationale Café, jeden Dienstagabend im Hörsaal 7. Die Studentengruppe ICE organisiert diese Events mit Leib und Seele und gewährleistet so einen spannenden kulturellen Austausch. Die Türen für Interessierte stehen immer offen.

Unser Campus ist ungleich. Das ist auch gut so. Je mehr Vielfalt wir repräsentieren, desto interessanter werden unser Campusleben, unsere sozialen Kontakte und unsere Möglichkeiten. Und solange wir uns das bewusst machen, eine gute Atmosphäre schaffen und über die strukturellen Gegebenheiten hinwegsehen, wird die Studienzeit fantastisch (bleiben). 
Und wer weiß? Vielleicht schauen wir in 10 Jahren zurück und lachen über diese Forderungen, während wir uns auf der Suche nach dem Semesterkalender durch die englische Website von Elvis klicken.

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