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Erasmus und Engagement während Corona – ein Bericht aus Thessaloniki

„Sag mal Sophia, würdest du eigentlich lieber nach Hause kommen?“, schrieb meine Mutter mir am 19. März. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Wäre es euch lieber, wenn ich nachhause komme?“. Ich verließ letzten September erst Erfurt und dann das elterliche Heim, um ein Erasmus-Jahr in Thessaloniki, Griechenland, zu verbringen. Auf dem Weg hierher ließ ich mir die ein oder andere möglicherweise auftretende Extremsituation durch den Kopf gehen. Darunter war definitiv kein Ausbruch einer globalen Pandemie, die jegliches normales Alltagsleben lahmlegt.

Aber das zuvor Undenkbare ist bekanntlich eingetreten und hat die Realität vieler (potenzieller) Erasmus-Studierenden verändert, inklusive meiner. Die Freude über das Entdecken einer anderen Stadt, Natur und Mentalität oder das was manche „die beste Zeit ihres Lebens“ oder „bezahlten Urlaub“ nennen, muss überdacht werden. Ich habe einen recht pragmatischen, gelassenen Umgang mit der derzeitigen Situation, was aber auch an gewissen Privilegien liegt, die ich derzeit genieße. Daher möchte ich betonen, dass jegliche andere emotionalen Reaktionen und Herangehensweisen ebenso legitim und nachvollziehbar sind.

Vor der Frage, ob sie bleiben oder abreisen sollen, stehen derzeit (oder standen vor einigen Wochen) viele Erasmus-Studierende und auch diejenigen, die sich aus anderen Gründen im Ausland befinden. Es ist eine sehr individuelle Frage, die davon abhängt, aus welchem Land man kommt und wie sicher man sich auch im derzeitigen Aufenthaltsland fühlt. Ich habe meine Entscheidung getroffen und bleibe vorerst in Griechenland. Bei diesem Entschluss hat mir nicht nur meine Wohnsituation, sondern auch mein Engagement bei der Obdachlosenhilfe Wave geholfen, für die ich seit November arbeite.

In vielerlei Hinsicht konnte ich mich glücklich schätzen. Ich habe hier meinen Lieblingssupermarkt gefunden (ich glaube, ich werde erwachsen) und ich weiß, dass ich zwölf Minuten vor Sonnenuntergang noch das Haus verlassen und rechtzeitig oben auf der Mauer sein kann, um ihn zu genießen. Ich habe mich schon mit den zu vielen Online-Plattformen der Uni und Erasmus-Papierkram vertraut gemacht, mein Browser hat sich kürzlich automatisch auf Griechisch umgestellt. Unsere geräumige Wohnung in einer kleinen Seitenstraße ist für mich eine absolute Komfortzone geworden. Mit meinen Mitbewohner*innen machen wir jetzt eben Familienausflüge auf die Dachterrasse, haben dort einen Kräutergarten gepflanzt und finden verschiedenste Wege die Stimmung aufrechtzuerhalten. Eine Babykatze adoptieren zum Beispiel. Hier stand nie wirklich zur Debatte, ob jemand vielleicht abreist.

Trotzdem musste ich mich aufgrund der aktuellen Situation mit der Frage beschäftigen: gehen oder bleiben? Da schalten sich natürlich auch unsere Familien ein, deren Reaktionen mal aktiver, mal passiver in die Abwägung einfließen, wenn sie am Telefon besorgt Fallzahlen aus Jordanien durchgeben, oder Freunde auffordern, doch zurück nach England zu kommen. Ich aber bleibe, trotz der drastischen Maßnahmen, welche die Regierung hier schon sehr früh eingeführt hat.

Ich bin noch nicht bereit alle meine Sachen zu packen, weil ich hier immerhin die eingeschränkten Bedingungen ein wenig genießen kann. Außerdem habe ich als deutsche Staatsbürgerin das Privileg, trotz geschlossener Grenzen immer noch nach Deutschland zurückkommen zu können. In den kommenden Monaten nach Griechenland reinzukommen, ist jedoch eher unwahrscheinlich.

Quarantäne auf Griechisch

Wegen der begrenzten Belastbarkeit des griechischen Gesundheitssystems und weil viele die Stadt in Richtung der vielzähligen Dörfer verlassen haben, hat die Regierung schon sehr früh, sehr strikte Maßnahmen eingeführt. Als am 22. März für den folgenden Tag der Beginn der Ausgangssperre angekündigt wurde, waren schon alle Tavernen, Cafés, Social Spaces geschlossen, die lebendigen Orte der Stadt. Das laufende Semester war bereits zwei Wochen unterbrochen und ab der folgenden Woche fand alles online statt. Das hat aber auch manchmal seine Vorteile – man kann seinen Professor*innen mit einem Kaffee auf der Couch zuhören.

Nun darf man das Haus offiziell nur unter Angabe bestimmter Gründe verlassen, wie ein Arztbesuch, Lebensmitteleinkauf oder um hilfsbedürftigen Menschen zu helfen. Gassi gehen oder draußen Sport machen, ist auch noch erlaubt – trotzdem die Einschränkungen sind extrem: Gewöhnlich schickt man eine SMS an eine Regierungsnummer und durch eine Bestätigungs-SMS wird dir dann „erlaubt“, das Haus jetzt zu verlassen. Oder man trägt einen Zettel mit sich, welcher Angaben zur Person, der Wohnadresse, dem Grund des Rausgehens und dem genauen Ziel beinhaltet. Bei Nichteinhaltung droht eine Strafe von 150 Euro. Die verstärkte Polizeipräsenz ist durchaus spürbar, ich selbst wurde jedoch noch nie kontrolliert. Einige Freunde hatten das Glück, dass die Polizeibeamten manchmal nur geringe Englischkenntnisse besaßen und einen letztendlich ohne Konsequenzen durchgewunken haben.

Weitere Einschränkungen folgten später auf die Ausgangssperre. Nachdem an einem besonders schönen Sonntag eine ganze Menge an Sportler*innen, Hundebesitzer*innen und in Sportklamotten getarnte Spaziergänger*innen (der Freddo Espresso in der Hand ließ die Tarnung auffliegen) die Promenade aufsuchten, wurde sie nur noch von 8 bis 14 Uhr geöffnet. Meiner Meinung nach eine sehr fraglichen Einschränkung. Zu vielen Informationen haben wir Nicht-Griech*innen zudem nur schwer Zugang, da vieles nur auf Griechisch veröffentlicht wird.

Einige Beschränkungen sind hier auch schwer durchzusetzen: In Griechenland sind Religiosität und der Einfluss der Kirche tief in der Gesellschaft verwurzelt. Trotz der Hinweise von Virolog*innen hat die griechisch-orthodoxe Kirche weiterhin die traditionellen Zeremonien, wie Trinken aus dem gleichen Silberlöffel und Küssen derselben Ikone praktiziert. Um zu Ostern zu verhindern, dass die Menschen zu Prozessionen in die Kirchen oder einfach auf die Straße strömen, hat die Regierung alle Register gezogen und eine strikte Ausgangssperre von Ostersamstag bis Ostermontag verhängt. Dreifache Geldstrafen, alle verfügbaren Polizeikräfte im Einsatz und die Straßen im Sonnenschein geisterhaft leer, als ich auf dem Fahrrad zu dem Projekt fuhr, für welches ich arbeite.

Obdachlose und Geflüchtete in besonderer Not

In dem Projekt, für welches ich arbeite, wird an 365 Tagen im Jahr denjenigen ein Essen gekocht, die keinen Platz in den überfüllten Camps finden, welche außerhalb der Stadt liegen. In diesen kommen vorrangig Familien, Frauen und Kinder unter. Zu unserer Essensausgabe kommen nahezu ausschließlich junge Männer, unsere „beneficiaries“. Manche von ihnen bevorzugen es auch einfach auf der Straße oder in den leerstehenden Waggons des alten Bahnhofs zu leben, was viel über die Zustände der Camps aussagt. Viele haben keine Aussicht auf eine langfristige Aufenthaltserlaubnis, werden nicht als “nützlicher Teil der Gesellschaft” angesehen.

Vor der Corona-Zeit ging ich ein bis zwei Mal wöchentlich zu einem als „social place for refugees and migrants“ kooperativ gestaltetem Haus. Dort wurde das größtenteils gespendete, vegane Essen vorbereitet und für über 200 Menschen gekocht. Neben dem Hauptgericht gibt es Brot, Obst und Müsliriegel, insbesondere im Winter auch materielle Spenden wie Schlafsäcke, Decken, Socken oder Schuhe.

Die Ausgabe des Essens erfolgte zuvor in einem angemieteten Stockwerk im Rot-Licht-Distrikt etwas außerhalb des Zentrums. Die Berlinerin Justyna war seit über einem Jahr zusammen mit Hope Koordinatorin des ursprünglichen Projekts, nun haben sie die Organisation umstrukturiert und neu gegründet. Für sie war der größte Erfolg des vergangenen Jahres, das Projekt endlich von der Straße nach drinnen zu holen. Nicht mehr mobil, sondern fest. So konnte auch die entstandene Zusammenarbeit mit Medical Volunteers International (MVI) vertieft werden. Deren ehrenamtliche (angehenden) Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen können so in einem separaten Raum unter der Koordinierung von „Mama Rosa“ medizinische Hilfe leisten. Wenn die Geflüchteten Zeit mit uns in diesen Räumlichkeiten verbringen können, wirken sie entspannter als wenn man ihnen auf der Straße begegnet. Sie genießen es offensichtlich, sich mit „Mama Rosa“ oder uns zu unterhalten, in Ruhe zu essen, sich dabei hinzusetzen und sich dabei einen kurzen Moment zurückzulehnen und sicher zu sein.

Als der Virus kam, klingelte bei Mama Rosa pausenlos das Telefon. Ungewissheit, alles musste umstrukturiert werden. Nachdem vier Tage alles still stand: aufatmen. Über MVI hat nun eine begrenzte Anzahl an Personen eine offizielle Arbeitserlaubnis, jede*r kommt mindestens drei Mal die Woche zum Helfen. Die Größe des Teams wurde erheblich reduziert. Die meisten Vollzeit-Freiwilligen oder Erasmus-Studierenden, die wöchentlich kamen, waren entweder abgereist oder haben die Arbeit pausiert. Dafür sind aber einige hier gestrandet, die eigentlich für andere Projekte arbeiten sollten und jetzt mithelfen. Der Rest des Teams besteht aus Migrant*innen, die zum Beispiel aus Algerien, Marokko, Syrien, dem Irak und Pakistan kommen. Sie kochen und verteilen mit uns das Essen oder übersetzen für das Ärzteteam. Manchmal kann man sehen, wie sie in der Beschäftigung und Verantwortung, die sie erhalten, vollkommen in dem sozialen Umfeld des Projekts aufgehen.

Um eine hohe Geldstrafe zu vermeiden und primär die prekäre Gesundheit der beneficiaries sicherzustellen, wurde das Projekt nun nach draußen verlegt. Justyna kocht jeden zweiten Tag ab 8:30 Uhr morgens bei sich zuhause, an den anderen Tagen bereiten wir wie am Fließband Sandwiches vor. Zu Beginn der strikteren Regulierungen kamen schlagartig bedeutend weniger Migrant*innen, anfangs nur etwa 80 anstatt der üblichen mehr als 200. Viele waren verschreckt oder saßen zeitweise im Gefängnis.

Jeden Tag berichten etliche, dass die Polizei ihnen Geldstrafen auferlegt, da sie weder Zettel noch Stift haben, um das notwendige Dokument vorzuweisen, um das Haus zu verlassen. „Das Haus“, welches eigentlich ein verlassener Wagon oder eine Ruine ist und keine Adresse hat. Wenn die Strafe ein zweites Mal nicht bezahlt werden kann, geht es für jede fehlende zehn Euro einen Tag ins Gefängnis. Racial Profiling existiert – natürlich – auch in Corona-Zeiten weiter: Die einzigen Polizei-Kontrollen, die ich bisher beobachten konnte, haben Migrant*innen untersucht. Um diese Personengruppe vor diskriminierenden Handlungen zu schützen, kam das Mobile Information Team (MIT) vorbei und bescheinigte ihnen, dass sie offiziell obdachlos sind und sich deshalb nicht an die Beschränkungen halten können.  Das auf Griechisch verfasste Dokument soll Willkür verhindern und die Migrant*innen schützen. Auch wenn es kein offizielles Regierungsdokument ist, scheint es doch ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

Wenigstens finden die Geflüchteten bei uns noch einen sicheren Platz, um zu essen. Es gibt zwar kein Zusammensitzen mehr, man nimmt das Essen und geht. Trotzdem sind wir froh, unsere Ausgabe auf umgedrehten Kisten und in einer kleinen Seitenstraße, aber mit dem Ärzteteam weiter durchführen zu können. Da sind wir momentan die einzige Organisation in Thessaloniki, die aktiv mit Geflüchteten arbeitet. Auch die einzige, die man momentan unterstützen kann, also wenn du das tun willst, kannst du das hier (mit Info-Video) oder hier machen. Wir sind dankbar für jeden Euro.

Mehr als je zuvor macht mir diese Arbeit bewusst, wie viele Privilegien ich in meinem Leben genießen darf. So ist meine Situation vergleichsweise sicher, produktiv und entspannend. Meine Entscheidung hierzubleiben, war sehr intuitiv. Ich bin vielseitig beschäftigt, während ich darauf warte, dass die Regelungen zumindest so weit gelockert werden, dass wir die Stadt verlassen dürfen. Dann können meine Freund*innen und ich immer noch nicht in den Cafés und Tavernen der Stadt das Leben genießen. Stattdessen müssen wir wohl ein paar Tage an den vielleicht leeren Stränden von Chalkidiki in einer Hängematte die Seele baumeln lassen. Und solange genieße ich es, in einer Stadt zu leben, in der es nur 60 Tage im Jahr regnet und deren Häuser Dachterrassen haben.

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