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O du Verbindlichkeit: Wir brauchen die kleinen Kinos

Der zweite Lockdown, der seit Anfang November bundesweit gilt, ist eine Hiobsbotschaft für alle Kulturschaffenden. Die für „kritische“ (sprich: hirnschmalzbefreite) Bürger:innen gerne mal als „Lockdown Light“ verpackten Beschränkungen treffen die Kultur knallhart und unerbittlich. Ob ein Friseurbesuch systemrelevanter und sicherer ist als ein Museumsbesuch, ist eine leidige Diskussion. Fakt ist, dass eine Stadt ohne Kultur nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. „Lasst uns nicht untergehen“ – das fordert die Kulturszene in Erfurt und diese Forderung unterstützen wir selbstverständlich. Neben einer Vielzahl einzelner Akteur:innen sowie Clubs, Bars, Cafés und Galerien sind auch Kinos stark betroffen.

In Erfurt hat der Kinoklub eine wichtige Rolle als Anbieter von Independent-Filmen im kleinen Rahmen. In Weimar, für viele Erfurter:innen ebenfalls relevant, bietet das wunderbare Lichthaus Kino* eine ebenso gemütliche, liebevolle und filmisch hochklassige Alternative zu den Schausälen des großen Kommerz. Beide Kinos vereint das Persönliche und Nischige, was Kinobesuche für mich wieder attraktiv gemacht haben. Während das Lichthaus jedoch vollständig privat betrieben wird, erhält der Kinoklub eine institutionelle Förderung von der Stadt. Somit sind sie zwar auf Einnahmen angewiesen, die wirtschaftliche Situation ist jedoch nicht so verheerend wie bei vielen anderen privaten Kulturschaffenden.

Ohne kiloweise Popcorn – aber mit Klasse

Im Gespräch mit Ronald Troué vom Kinoklub reden wir über den Stellenwert des kleinen Kinos in Erfurt. Neben dem Cinestar ist der Kinoklub immerhin das einzige Kino in unserer schnuckeligen Großstadt. Troué erzählt, wie lange es das Erfurter Programmkino schon gibt. Immerhin 45 Jahre ist es her, dass der Kinoklub in der DDR als kommunales Angebot startete. Nach dem Mauerfall fiel die Entscheidung es nicht weiter als kommunales Kino zu betreiben und es wechselte von der öffentlichen in die private Hand. Aus dem Kinoklub wurde vor 30 Jahren ein Verein mit städtischer Unterstützung und somit eine Art Hybrid-Form zwischen komplett von der Stadt betriebenem Kino (Mon Ami in Weimar) und privatem Kino (belle Lichthaus).

Bildrechte: Kinoklub Erfurt

2020 bietet Raum und Zeit über die Bedeutung verschiedener Kulturinstitutionen nachzudenken: Solche kleinen Kinos, wie der Kinoklub, bieten wichtige Zufluchtsorte in einer von Shopping-Zentren und Bubble Tea Läden geplagten Stadt. Wir werden hier nicht erschlagen mit einer unbegrenzten Auswahl, viel mehr schafft das Programmkino Verbindlichkeit in einer auf netflixige Unverbindlichkeit getrimmten Umgebung. Orte wie der Kinoklub schaffen eine andere Auseinandersetzung mit dem Medium des Films, durch ihre strenge Selektion und den Fokus auf bestimmte Themen abseits des Blockbusterspektrums, aber auch durch das Verweigern von monströsen Popcorneimern und 2 Liter Plastikbechern.

„Ein Korridor“ im Überangebot

Laut Ronald Troué ist das Angebot immer eine Mischung: Filme, die eine verlässliche Einnahmequelle darstellen und solche, die in eine Nische drängen und keine große (mediale) Aufmerksamkeit erfahren: „Französische Komödien laufen meistens ziemlich gut. Dadurch haben wir Luft für Filme, bei denen du weißt: Da sitzen nur zehn Leute drin.“ Insgesamt gebe es den Wunsch nach mehr Unterhaltung. „Anstrengender“ Content treffe hingegen auf weniger Nachfrage. Troué nennt beispielhaft Filme wie „corpus christi“, eine wahre Geschichte über einen jungen Mann in Polen, der sich als Priester ausgibt und die deutsch-bulgarische Produktion „Pelikanblut“, die sich um eine alleinerziehende Mutter und ihre Adoptivtochter dreht.

Generell zehrt der Kinoklub sehr vom alten Stammpublikum „40 plus“, wie Troué sagt. Das ist dann wohl die inoffizielle Vorstufe zum ZDF. Um dem entgegenzuwirken, betreibt der Kinoklub auch viel Kinder- und Jugendarbeit, um auch jüngeren Zielgruppen das Kinoerlebnis näher zu bringen. Dafür werden bspw. in Schulen im Rahmen der „SchulKinoWochen“ sowie der Englischen und Französischen Filmtage diverse Angebote gezeigt.

2020 ist natürlich für den Kinoklub, wenn vielleicht milder als für andere, ein verkorkstes Jahr. Den Sommer geschlossen, am 15. Oktober wiedereröffnet und nun erstmal bis auf unbestimmte Zeit wieder verabschiedet. So gehen einige Filme mit ungünstigem Bundesstart natürlich auch unter. Troué erwähnt dahingehend beispielsweise den Film „Und morgen die ganze Welt“, der kurz vor dem zweiten Lockdown anlief.

Grundsätzlich gibt es aber keine allzu schlechten Aussichten für das Kino am Hirschlachufer 1. Zum einen wird der Kinoklub im Laufe der nächsten Jahre aller Voraussicht nach ins Kulturquartier ziehen und dadurch zwei zusätzliche Säle gewinnen. Zudem sieht Troué auch die kuratierte Auswahl als Zukunftschance gegenüber Streamingangeboten und größeren Kinos. Der Kinoklub, das Lichthaus und andere Programmkinos bleiben für all jene aufregend, die sich ab und an quer stellen wollen gegen den Überangebots-Horror von Netflix und Co. „Kino bastelt dir einen Korridor“, sagt Troué. Ein Film und kein anderer – wie schön kann Verbindlichkeit sein.

* Die Betreiber:innen des Lichthauses reagierten leider nicht auf unsere Interviewanfrage. Deswegen konnte hier nur unzureichend die Perspektive rein privatgeschäftlicher Kinos mit einbezogen werden.

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