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“Is’ mir (nich’) Platte”

Quandts Recordstore – Der Plattenladen ohne Laden

Dass die runden Scheiben aus Vinyl ihr großes Comeback feiern, ist längst keine Neuigkeit mehr. Neue Plattenläden mit alten Scheiben finden so langsam ihren Weg zurück in das von Mode- und Bäckerketten geprägte Stadtbild. Einer dieser neuen Player im Game hier in Erfurt ist Daniel Quandt, seines Zeichens Plattenhändler. Ihn sucht man jedoch vergeblich, wenn man nach althergebrachten Vinylfachgeschäften sucht. Wenn man jedoch genau hinschaut, kann man ihn auf seinem Mifa-Rad mit der neusten Plattenbestellung in den Straßen Erfurts spotten. Im Gespräch mit Daniel Quandt (im Folgenden nur Quandt genannt) reden wir über seinen und den Werdegang seines Einzelunternehmens ebenso was dieses so einzigartig macht. Vor einem Jahr  begann das Abenteuer Quandts Recordstore. (An dieser Stelle einen Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen!)

Ich kenne Quandt seit Anfang Mai von unserem gemeinsamen Arbeitsplatz am Gemüsestand am Domplatz. Ich besuche ihn zu Hause an seinem Arbeitsplatz, dem Dreh- und Angelpunkt seines Unternehmens. Ich sehe als erstes schicke alte Möbel und Regale voller Schallplattenkisten, daneben weitere Kisten mit seinem Merch – Jutebeutel, Hoodies, Shirts, Sticker und Lakritzschnecken. Neben dem aufgeräumten Schreibtisch steht ein altes Grammophon und im Hintergrund läuft Air (Moon Safari).

Der Himmel aller Plattenliebhaber*innen: Quandts Lager
@Carolin Eidam

Bürojob und Punker-Träume

Was treibt einen heute dazu, einen Plattenladen zu eröffnen? Die Antwort ist recht einfach. „Ich war 32 Jahre alt, hatte einen Bürojob und mit der Zeit einfach die Schnauze voll davon, ziellose Arbeiten zu verrichten, sondern wollte mein eigenes Ding machen“, sagt Quandt. Als logische Konsequenz folgte kurz darauf die Kündigung und er fing an, sein eigenes Ding zu machen und den Traum seines 16-jährigen Punker-Ichs zu verwirklichen: Und so gibt es nun seit dem 6. Januar 2020 mit Quandt’s Recordstore einen neuen Player auf dem Erfurter Konsumspielfeld.

Dabei war der Anfang alles andere als einfach, da Quandt als klassischer Selfmademan starten wollte, ohne Kredit und daher unweigerlich auch ohne Ladengeschäft. Alles begann mit 300 Euro, welche in Second Hand Platten investiert wurden und mit deren Verkauf wiederum neue Scheiben gekauft wurden. So ging es mit kleinen Schritten los, bis dann Anfang Februar mit der 50 Jahres Jubiläum Reissue von Abbey Road der Beatles die erste neugepresste Vinyl ausgeliefert wurde. Auf diese Weise ging es auch ganz ohne Kredit mit stetigem Wachstum immer weiter, Kontakte wurden geknüpft und im Sommer war Quandt auch ab und an mit seinen Platten am Stattstrand/Zughafen anzutreffen.

„Viel Geld, das nicht in Kneipen gelassen werden konnte, floss stattdessen in die Plattensammlungen.“

Aber auch Corona ging nicht spurlos an Quandts Recordstore vorbei. Die Krise hat Quandt vor allem Vorsicht beigebracht, sagt er. Viele Unternehmen und Kultureinrichtungen sind kaputt gegangen oder haben großen Schaden erlitten. Einen Vorteil hatte es jedoch für ihn: „Viel Geld, das nicht in Kneipen gelassen werden konnte, floss stattdessen in die Plattensammlungen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Fans“.

Wer jetzt denkt „Bah, noch so’n Onlineshop“ der hat weit gefehlt. Im Zentrum steht, so Quandt, die Dienstleistung um den Plattenkauf herum. Das fängt schon bei der Bestellung der neuen Lieblingsscheibe an. Kontakt wird einfach persönlich über Facebook, Instagram oder für die Altmodischen telefonisch aufgenommen. Ganz unkompliziert darf man seine Bestellung aufgeben, es folgt ein Preisangebot und möglicher Lieferzeitpunkt und die schwarzen Scheiben werden schließlich von Quandt persönlich mit dem Radl direkt an die Haustür geliefert. Wer es ganz unkonventionell möchte, kann seine Bestellung auch mit einem Gemüsekauf auf dem Wochenmarkt auf dem Domplatz verbinden. Hier arbeitet Quandt zusätzlich fünf Tage die Woche.

Plattendealen mit Quandt

Eine weitere Besonderheit, welche ich hier auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte, ist das Plattenabo (Patent angemeldet – joke). „Ich habe festgestellt, dass viele Leute eine Liste von Platten haben, die sie gerne haben möchten. Aber es ist mühevoll, teuer, zeitaufwändig, diese Platten an den Mensch zu bekommen. Deswegen kam die Idee, ihr gebt mir die Liste, es wird ein monatliches Budget ausgemacht und ich suche pro Person eine Platte von der Liste aus. Am beliebtesten ist dabei die Überraschungs-Option, bei der man nicht weiß, welche Platte als nächstes kommt.“ Das ist aber keinesfalls ein nerviges Trickbetrüger-Abonnement in klassischer Sicht, sondern zu jeder Tages- und Nachtzeit schriftlich, mündlich oder per Luftpost kündbar. Kurz zusammengefasst: Ich erstelle eine Liste mit allen Platten, die mir in meiner Sammlung fehlen und Quandt organisiert mir pro Monat eine Platte von meiner Liste und bringt sie mir nach Hause. Nice!

Während wir gemütlich ein Biererfrischungsgetränk in seiner Wohnung/Büro/Lager trinken, kommt Quandt ins Erzählen. Es folgt eine Anekdote (wie sich das gehört), ein Schlüsselerlebnis, das ihm verdeutlicht hat, welche Art von Unternehmer er sein möchte. „Eine Kundin, großer Fan der Band MIA, hat vergeblich eine Schallplatte gesucht. Sie hatte schon alle großen Plattenläden in Berlin und Hamburg kontaktiert, aber keiner konnte helfen. Also hat sie sich bei mir gemeldet. Ich habe dann wochenlang nach der Platte gesucht, zwischendurch sogar mit der Band telefoniert und nach langer langer Suche habe ich sie tatsächlich zu einem guten Preis ergattert.“ Die Euphorie und Dankbarkeit, die er damit auslöste, haben Quandt gezeigt, dass das Versorgen der Kund*innen mit Musik, die persönliche Note für ihn im Vordergrund stehen und nicht die absoluten Verkaufszahlen am Monatsende.

Neben dem ganzen Hinterngepudere seiner Kund*innen ist ihm aber auch der Support sozialer und kultureller Projekte ihm eine Herzensangelegenheit. „Ich mache meine Arbeit ganz nach meiner persönlichen Doktrin: Glücklich sein und Gutes tun“. Klingt simpel, aber durchaus logisch. Nachdem sich über die Zeit ein gutes Netzwerk an Akteur*innen gebildet hat, macht es Spaß und gibt ein gutes Gefühl sich gegenseitig zu supporten, so Quandt. Besonders durch die Coronazeit ist die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich intensiver geworden. Es wurden gemeinsam kreative Projekte entwickelt, für die der ständige gegenseitige Support unerlässlich war. Ein aktuelles Beispiel – Quandts Recordstore war einer der Sponsoren der Weihnachtstombola des EnkL e.V., deren Erlöse unter anderem an das Stadtteilzentrum am Herrenberg und Spirit of Football e.V. gingen. Wer Quandt bereits im Sommer am Stattstrand mit seinen Plattenkisten entdeckt hat, weiß, dass auch dort immer eine kleine Spendenbox für Viva con Agua aufgestellt wurde.

„…mit hausgemachten Lütticher Waffeln, gutem Kaffee und andalusischem Wein..“

Alles schön und gut bisher, ich weiß! Aber wie soll es in Zukunft mit dem Plattenladen ohne Laden weitergehen? „Mein mittelfristiges Ziel hier in Erfurt ist es ein Quandts Plattencafé mit hausgemachten Lütticher Waffeln – eine Seltenheit in Deutschland – gutem Kaffee, andalusischem Wein und diversen anderen Kaltgetränken zu eröffnen.“ Man denkt man betritt einen Plattenladen und kein klassisches Café, es soll viele Rückzugsmöglichkeiten geben und an jeder kleinen Sitzgruppe steht ein Plattenspieler, an dem man allein oder zu zweit Musik hören kann. Das Ganze soll durch ein abendliches Rahmenprogramm mit moderierten Filmabenden oder der allseits beliebten Kleinkunst ergänzt werden. Damit das kulinarische Angebot auch dem anspruchsvollen Gaumen beispielsweise einiger Ungleich-Redakteur*innen gerecht werden kann, wird Quandt einen Barista-Lehrgang in Wien absolvieren, denn: „es gibt zu wenig guten Kaffee in deutschen Cafés“. Unabhängig davon ist natürlich immer das Ziel, weiter zu wachsen, Arbeitgeber zu werden und vielleicht später ein kleines Filialnetz in der Region zu haben. Aber das ist noch ferne (vinyl) Zukunftsmusik.

Also: Wenn ihr demnächst plant, euch eine neue Platte zuzulegen, dann supportet Quandt, damit er seinem Traum vom Plattencafé einen Schritt näherkommt und wir vielleicht schon bald eine neue Anlaufstelle für Musik und guten Kaffee in Erfurt haben.

2 comments

  1. ich hab’ hier noch einen alten Plattenspieler rumfliegen, dessen Reparatur sich für mich nicht lohnt. Vielleicht kann ich den ja in Vorfreude auf den Plattenladen ohne Laden aber dafür mit Café spenden?

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