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Late Night Erfurt – jung, protzig, selbstbewusst

Es darf niemals Zweifel daran bestehen, dass Jugend, Nonkonformität und Provokation Tugenden sind, auf deren tragischen Verlust nur Langeweile folgen kann – auf dieser Annahme basiert letztlich auch das UNGLEICH magazin. Wir sind deshalb nicht gänzlich unbefangen, wenn wir über Erfurts erste eigene Late Night-Produktion schreiben. Und nicht ganz ungleich unserer eigenen Gründung ist der Start der ProtzeGlotze keinesfalls geprägt von außerordentlichem Handwerk, komödiantischem Feingeist oder herausragendem Fingerspitzengefühl, sondern vor allem von der Lust, mit der Öffentlichkeit und einer Kamera zu spielen.

Tatsächlich sollte eigentlich niemand, der bei der ProtzeGlotze arbeitet, auf dem Papier formell dazu befähigt sein, eine knapp einstündige Fernsehsendung auf die Beine zu stellen. Einige wenige Mitglieder der Gruppe studieren Medienkulturwissenschaft in Weimar und können deshalb Einspieler planen und mit einem Schnittprogramm umgehen. Ansonsten sind alle an der Sendung unmittelbar beteiligten Personen eher fachfremd. Umso beeindruckender ist deshalb der Umstand, dass am 15. Januar um 22 Uhr mit der ProtzeGlotze auf dem YouTube-Kanal von Don’t Panic TV tatsächlich eine vollständig produzierte Late Night aus Erfurt gesendet wird.

Was steckt hinter der ProtzeGlotze?

Yao-Bruno Protze (Moderation) und Frank Hebestreit (Redaktionsleitung) schenken sich gerade ihren zweiten Sherry ein, als wir sie im Anschluss an die offizielle Pressekonferenz zum Nachgespräch im Backstage des Kalif Storch treffen. Kalter Zigarrenrauch vernebelt den Raum und wir nehmen auf schweren, durchgesessenen Sesseln Platz. Neben einer nadelnden Weihnachtstanne flimmert auf einer Glotze Ingo Nommsen über den Bildschirm, der gerade seine letzte “Volle Kanne” abmoderiert. Ein kurzer, verächtlicher Blick Yaos lässt den Fernseher, wohl aus Schreck oder Ehrfurcht, schnell beschämt verstummen. 

Die ProtzeGlotze ist eine Produktion in Zusammenarbeit mit dem ENkL e.V. und Don’t Panic TV, und wird in den Räumlichkeiten des Kalif aufgezeichnet. Das Redaktionsteam fand sich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Yao zusammen. Nachdem Yao auf einer StuRa-Freizeit die ersten Kompliz*innen gefunden hatte, ging es schnell: damit die Förderfrist eingehalten werden konnte, musste innerhalb einer Woche ein förderfähiges Konzept samt Kostenaufstellung stehen. Ungewohnt unbürokratisch stimmt der Stura der Finanzierung schließlich zu und legt die ProtzeGlotze auf ein sagenhaft weiches Kissen aus sehr sehr viel Geld. So überraschend viel Geld nämlich, dass auch Yao verständlicherweise gar nicht anders kann als in seiner Sendung damit zu protzen: 33.000€ sind dem StuRa – der gesamten Studierendenschaft also – sechs Folgen der monatlich erscheinenden Sendung wert.

Wer will, wird unterhalten

Die ProtzeGlotze, da sind sich Yao und Frank einig, soll unterhalten, Spaß machen und den Weg aus der Tristesse erlauben, die die Wochenenden dieser Tage unweigerlich definiert. Und während man sich auf Themen für kommende Sendungen noch nicht so recht festnageln lassen will, hat man sich über die ferne Zukunft der Sendung schon vor der Premiere der ersten Folge konkretere Gedanken gemacht. “Wenn der MDR käme und uns einen Sendeplatz anbieten würde, würden wir nein sagen – wir warten lieber auf das ZDF”. Erst auf Nachfrage gibt Yao zu, dass ZDFneo vielleicht auch okay wäre. Protze ist kein Mann der kleinen Worte.

Die erste Folge der Late Night Erfurt gibt dennoch einen Einblick in das, was das etwa zehnköpfige Kernteam einmal im Monat mit einer Stunde unserer Zeit vorhat. Mit einem Stand-Up als Opener, einer Studio-Jazzband, Außenreportagen, Gast und Spiel hat die Late Night alles zu bieten, was man auch aus dem linearen Fernsehen kennt. Der thematische Fokus der ersten Folge liegt auf Catcalling, – sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit –, das mit einem Beitrag bedacht und danach mit Donata Vogtschmidt (Die LINKE) diskutiert wird. Je nach Geschmack kann aber auch geschmunzelt werden: fester Bestandteil der Sendung ist ein Döner-Test, in dem ein Döner vor der Kamera verspiesen und bewertet wird. Wer auf Döner mit Fleisch steht, bekommt hier einen umfangreichen Guide Michelin an die Hand.

Und wie das bei Pilot-Folgen oftmals der Fall ist, gelingt das alles mal mehr und mal weniger reibungslos. Auf das wirklich hervorragend produzierte Intro folgt ein recht mutiges Stand-Up. Ob die Platzierung von Jürgen Bartels aka Mensa Jürgen an der Theke wirklich gelungen und angebracht ist – insbesondere nach einem Beitrag zu sexueller Belästigung – bleibt fragwürdig. Und auch das auf eine Diskussion über sexuelle Belästigung folgende Spiel “Schwanz oder Schwarzbrot” mit Studiogästin Donata Vogtschmidt ist nicht in der Lage, diesen Missstand aufzufangen.

Ein spannendes Projekt mit Zukunft

Trotzdem: es ist die Unausgereiftheit, die das Projekt so spannend macht. Die ProtzeGlotze gibt uns allen die Möglichkeit, einem jungen Team an Menschen dabei zuzuschauen, wie es sich ausprobiert und aus Fehlern lernt. Wer sich daran stört, darf sich natürlich ärgern und die Sendung meiden. Damit würde man jedoch die Chance verpassen, selbst von der Offenheit der Struktur hinter der ProtzeGlotze zu profitieren – das Team ist über neue Gesichter immer froh. Wer’s besser kann, soll’s besser machen. Bis dahin ist die erste Folge ein ambitioniertes Projekt, dem wir gern die Daumen drücken für Erfolg, Weiterentwicklung, und aber besonders für deutlich mehr weibliche Unterstützung auch vor der Kamera. 

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