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Zelte in Erfurts Innenstadt als Protest gegen humanitäres Versagen

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: Zelte auf dem Erfurter Fischmarkt. Und nein, hierbei handelt es sich nicht um eine Gruppe von Pfadfindern, die den Platz vor dem Rathaus mit dem Thüringer Wald verwechseln. Grund für die Versammlung mitten in der Innenstadt ist eine Aktion der Aktivist*innen der Seebrücke Erfurt, deren symbolisches Protestcamp noch bis Sonntag steht. Symbolisch, weil sie dadurch auf die katastrophalen Zustände in den Lagern an den EU-Außengrenzen aufmerksam machen wollen. Protestcamp, weil sie damit ihren Unmut über die Migrationspolitik der Bundesregierung und der EU ausdrücken. Neben Erfurt findet die Protestaktion auch in Jena sowie in weiteren deutschen und österreichischen Städten statt.

Das Camp auf dem Fischmarkt.

#EvacEUateNow

Alle Lokalgruppen vereint das Ziel: Aufmerksamkeit schaffen für die menschenunwürdige Situation von Geflüchteten in den Lagern an europäischen Außengrenzen. Vielleicht erinnert ihr euch noch an eine Nachricht Ende des letzten Jahres, einen Tag vor Weihnachten, als das bosnische Camp Lipa abbrannte, woraufhin Tage später rund 900 Geflüchtete in eisiger Kälte unter freiem Himmel ausharren mussten. Zudem haben sich seit dem Ausbruch der Pandemie die ohnehin schon katastrophalen Zustände in den Camps drastisch verschlechtert. Denn wo sich in einem für 2000 Personen konzipierten Lager die sechsfache Anzahl an Menschen befindet, Zelte massiv überbelegt sind und die Ausgabe von Essen und Hygieneartikeln über zentrale Stellen läuft, ist Abstandhalten ein nahezu unmögliches Vorhaben. Und basic Hygiene, wie regelmäßiges Händewaschen oder unser alltäglicher Griff zum Desinfektionsmittel, ist in den Camps oftmals gar nicht oder nur schwer umsetzbar. Das ist nur einer von vielen Gründen, weshalb die Bewegung Seebrücke fordert: #EvacEUateNow.

Gute Frage.

Lukas Stein von der Seebrücke Erfurt betont außerdem: „Alle Lager müssen evakuiert werden.“ Egal ob in dem griechischen Lager Moria, dem bosnischen Camp Lipa oder der Erstaufnahmeeinrichtung im thüringischen Suhl – die humanitären Zustände in jedem dieser Lager seien katastrophal. Deshalb fordert die Bewegung von den Regierungen der EU-Staaten, alle Lager sofort zu evakuieren und den Menschen Zuflucht zu gewähren. Mit der Aktion will die Seebrücke die Politik wachrütteln und sie auf ihre humanitäre Verantwortung hinweisen. Lukas sieht die derzeitige Migrationspolitik der Regierung mehr als problematisch. Es wird in der aktuellen Politik nicht nur zu wenig getan, sondern auch den Ländern die Möglichkeit genommen, mehr Menschen aufzunehmen, wie die Ablehnung der Landesaufnahmeprogramme von Berlin und Thüringen durch das Bundesinnenministerium zeigen. Die Aktivist*innen fordern „ein Europa, das Menschenrechte achtet und zu seinen Grundwerten steht, sich der eigenen Verantwortung in der humanitären Krise an seinen Außengrenzen bewusst ist und dieser gerecht wird.“

Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Solidarität

Mit der Protestaktion soll, neben der Forderung zu sofortigem Handeln der Politik, auch Spazierenden und Einwohner*innen Erfurts der Ernst der Lage deutlich gemacht und ein Bewusstsein für die Problematik an den EU-Außengrenzen geschaffen werden. Es geht darum, einer Ignoranz der Menschenrechtsverletzungen in den Lagern an den Grenzen entgegenzuwirken und sich den Betroffenen gegenüber solidarisch zu zeigen. Das gelingt mit einem Protestcamp, das über drei Tage hinweg auf dem Fischmarkt steht, deutlich besser als mit einer Standardkundgebung an einem Freitagnachmittag. Fragende Blicke, gerunzelte Stirn und interessierte Gesichter ließen sich schon gestern bei vorbeigehenden Menschen beobachten. Auch heute und morgen sucht die Seebrücke das Gespräch und den Austausch mit Erfurter*innen. Die Aktion besteht deshalb nicht nur aus der Installation der Zelte, sondern wird von einer täglichen Kundgebung um 15 Uhr sowie einem vielfältigen Programm aus Podcasts, Film, Lesungen und Rede- und Kreativbeiträgen verschiedener zivilgesellschaftlicher Akteur*innen gerahmt. Also kommt vorbei und schenkt der Seebrücke Erfurt und damit der problematischen Lage an den europäischen Grenzen sowie allen davon betroffenen Menschen ein paar Minuten eurer Aufmerksamkeit.

Informationen zur Veranstaltung findet ihr auch auf den sozialen Netzwerken. Wenn ihr mehr über die Forderungen der Seebrücke Erfurt erfahren wollt, hört rein in die dritte Folge UNGLEICH Audio.

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