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Die alten Hasen sagen leise tschüss

Uff. Was ein Jahr. Die Zeit verging wahlweise sehr schnell oder sehr langsam, mitunter beides gleichzeitig. Egal jedoch wie man es betrachtet: es wirkt für uns wie völliger Unsinn, dass das UNGLEICH magazin inzwischen seit zwei ganzen Jahren existiert. Nachdem wir schon unsere Pläne für das erste Jubiläum im April 2020 absagen mussten, wäre der zweite Jahrestag unserer Gründung am 18. April 2021 ein guter Grund für eine große Feier gewesen. Da die Corona-Pandemie aber weiterhin jedes fröhliche Beisammensein unmöglich macht, mussten wir auch zu diesem Jubiläum aus der Ferne mit euch anstoßen. Das macht uns nicht nur traurig, weil wir viel lieber Konzerte oder Ausstellungen veranstalten, als zuhause auf bessere Zeiten zu warten, sondern auch, weil wir einen kleinen Aufbruch zu verkünden haben. Dazu aber gleich. Erstmal wollen wir feiern, was wir dieses Jahr erreicht haben.

Im Letzten Jahr ist unter anderem passiert (schaut einfach selbst nach):

Wenigstens was, worauf man’s schieben kann

Im Rückblick muss man wirklich zugeben, dass bei uns selten irgendwas nach Plan lief – wenn wir denn einen hatten. Dieses Jahr hatte aber natürlich auch in dieser Rubrik eine ganze Reihe neuer Tiefpunkte in petto. Während man im ersten Jahr UNGLEICH Artikel nervigerweise nur so lange rausschieben konnte, wie man sich Gründe für eine “Schreibblockade” oder “Unistress” ausdenken konnte, lässt einem dieser Tage jede:r Unproduktivität einfach irgendwie durchgehen. Das ist menschlich spitze – für Fortschritt aber wirklich alles andere als förderlich. 

Und so sind auch dieses Jahr einige der Projekte, die wir uns in jugendlichem Eifer zur Gründung vorgenommen haben, einfach nicht passiert. Immer noch haben wir keine Ahnung, wer den lautesten Traktor in Tambach-Dietharz hat. Noch hat keiner der umliegende Winzer von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich mit einer redaktionsüblichen Menge Wein ein lobendes Lallen auf unserer Seite einzukaufen. René ist immer noch der großen Überzeugung, dass es eine extrem gute Idee ist, Bodo Ramelows Hund Attila einen Tag lang auszuführen, aber genauso wie bei Helens professioneller Einordnung Erfurts in der thüringer Pommeslandschaft lahmt das Zugpferd gewaltig. Annka und Fabian haben bis heute die Bilder der Erfurter Straßenbahn-Stationen auf ihrem Handy, aber der lyrische Geistesblitz für einen Artikel bleibt nach wie vor aus. Jan hingegen hat seit Monaten einen fast fertigen Bericht über die Entstehung des neuen Wir-Quartiers auf seinem Rechner liegen, war aber nicht in der Lage ein Foto von diesem zu machen. Und wo die schwarz-weißen Sticker sind, weiß inzwischen vermutlich nicht mal mehr Samuel.

Es tut uns leid 

Machen wir uns nichts vor: Die Gründung von UNGLEICH war zuerst mal ein Dienst an uns selbst. Mit dem Magazin haben wir uns die Perspektive gegeben, die Erfurt uns nicht geben wollte. UNGLEICH hat uns einen Grund gegeben, Erfurt nicht nur als Tunnel zu verstehen, an dessen Ende ein Licht namens Leipzig oder Berlin wartet – und wir hoffen, dass wir dieses Gefühl auch in unseren Leser:innen auslösen konnten. Wir machen in unserem Mission Statement klar, dass Erfurt für uns eine Stadt ist, in der es sich zu leben und zu bleiben lohnt; eine Stadt mit, wenngleich strukturell spärlich unterstützter, aber großartig gelebter Subkultur. Eine Stadt, die einem die schnelle Flucht ins Thüringer Umland erlaubt, falls einem in der Stadt mal der Himmel auf den Kopf fällt. 

Beinahe verschämt müssen wir jetzt aber zugeben, dass inzwischen keine:r der Gründer:innen mehr in Erfurt lebt. Wir sind nun selbst alle abgehauen und sagen ehrlich: es tut uns leid. Und mit Reue geben wir zu, dass es neben Austin und Dresden eben doch Leipzig und Berlin sind, in die wir uns haben locken lassen. Wir sind unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden. 

Am Ende sind es doch berufliche und akademische Ziele, die uns in größere Städte treiben. Wir behalten Erfurt keinesfalls einfach nur als irgendeinen Ort in Erinnerung, in dem wir mal studiert haben. Erfurt wird für immer der Ort bleiben, in dem wir uns alle bisher am wohlsten gefühlt und in den wir uns ein bisschen verliebt haben. Trotzdem haben wir es nicht geschafft, uns zumindest eine kurzzeitige Lebensperspektive in Erfurt aufzubauen. Die Probleme sind strukturell und eine Struktur ändert man nicht allein mit einem Kulturmagazin und nicht in zwei Jahren. Solange freie Kulturschaffende von ihrer Arbeit in Erfurt nicht angemessen und ohne Zukunftsangst leben können, wird es aber den meisten an Gründen fehlen, in Erfurt zu bleiben. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für die nicht enden wollende Reihe an talentierten Künstler:innen, die Erfurt für Berlin und Leipzig verlassen. Umso mehr sollte man aber diejenigen unterstützen, die absichtlich hier bleiben, um der Stadt weiter eine alternative Perspektive anbieten zu können. Unterstützt die Gruppe Versus, unterstützt die Kleine Rampe, unterstützt den ENkL e.V., unterstützt das Kalif Storch, unterstützt das Kunsthaus, unterstützt das Café Hilgenfeld.

Die alten Hasen sagen traurig tschüss

Es wäre deshalb zutiefst würdelos und inkonsequent, das Magazin nicht endlich wieder komplett in die Hände von Menschen zu legen, die Erfurt ihr Zuhause nennen. Vor einiger Zeit haben wir die Verantwortung über UNGLEICH vollständig an neue Köpfe übergeben. So sehr wir der neuen Generation vertrauen – es macht uns natürlich alles andere als glücklich, eine großartige kreative Plattform wie das UNGLEICH magazin nicht mehr für unsere eigenen Ideen nutzen zu können. Wir verstehen aber, dass dieser Schritt nötig ist, damit UNGLEICH seiner Mission treu bleiben kann. 

Und diese Mission, davon sind wir überzeugt, bleibt relevant. Wir glauben weiterhin daran, dass ein unabhängiges Kulturmagazin für Erfurt notwendig ist. Die Angebote der Monopolistin FUNKE Medien Thüringen verstehen wir nicht als Konkurrenz, sondern allenfalls als Motivation. Denn die lassen erschütternd viel Platz für Angebote wie uns, die Menschen Freude am Lesen bereiten, politisch aktiv sind und provozieren, wo provoziert werden muss, und das kulturelle Geschehen in Erfurt nicht nur abbilden, sondern aktiv mitgestalten. Auch deshalb bleibt unser Antrieb die Ungleichheit zu Vergleichbarem.

Jede neue Generation UNGLEICH wird das Magazin zweifellos verändern, und das ist gut so. Was bleibt ist die Idee: unangepasst und ehrlich über die Probleme und Chancen sowie die Gegenwart und Zukunft der Erfurter Kultur berichten, sich nicht davor zu scheuen, zu sagen, wenn irgendwas kacke ist und dabei immer, immer, immer Spaß zu haben. 

Heute ist nicht alle Tage. Wir kommen wieder, keine Frage. Spätestens zum Anstoßen, nachträglich, auf den zweiten Burzeltag unseres und eures UNGLEICH magazin sehen wir uns wieder. Vielleicht organisieren wir auch wieder mal eine Party, vielleicht wird sogar was regelmäßiges daraus. Bis dahin wünschen wir der neuen Generation viel Freude an dem, was uns immer eine Herzensangelegenheit war – zu zeigen, dass Erfurt ungleich allem anderen ist, das es da draußen so zu erleben gibt. Habt dabei immer eine Flasche Sekt offen, sie wird euch helfen. Unseren Leser:innen danken wir für euer Vertrauen und hoffen, dass ihr auch Fan unserer neuen Generation werdet. 

Die alten Hasen sagen vorerst trotzdem traurig tschüss. 

In Liebe,
Annka, Fabian, Helen, Jan, Lukas, René und Samuel.

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