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Die Größe der kleinen Kinos

Zwischen den unüberschaubaren Weiten der Streaming-Scrollflächen. Zwischen Netflix-Originals, Matthias Schweighöfer-RomComs und Hollywood-Blockbustern. Irgendwo zwischen Kunst und Kommerz sind die kleinen Kinos. Solche, die Filme spielen, die keine große (mediale) Aufmerksamkeit erfahren. 

So auch der Kinoklub in Erfurt. Das inzwischen älteste Kino der Stadt bietet seinen Zuschauer:innen vor allem Independent-Filme. Eben solche, die keine typischen Publikumsmagnete darstellen, sondern Filmkunst jenseits vom Mainstream und mit kulturellem Anspruch abbilden. 

Bild von NORMAN HERA

Nach einer langen pandemiebedingten Pause für alle Kulturschaffenden und generell den gesamten Kultursektor öffnen mittlerweile auch wieder die Kinos mit den notwendigen Hygienemaßnahmen ihre Säle. Und obwohl die Menschen kulturausgehungert und nach Unterhaltung lechzend durch die Straßen laufen, bleiben einige Plätze der Kinosäle weiterhin leer.

Die Frage nach dem Stellenwert kleiner Kinos beschäftigt die Erfurter Kinokultur schon lange. So auch Lars, Mitarbeiter des Kinoklubs: „Ich habe das Gefühl, dass die meisten Erfurter:innen sich schwer tun, sich auf Erlebnisse einzulassen. Sie wollen ihre Gewohnheiten nicht aufgeben und erkunden kaum neue Orte.“ Sätze wie „Ach, dafür habe ich keine Zeit“ oder „Da ist einfach nichts für mich dabei“ höre er immer häufiger. 

Ein Laptop ist keine Leinwand 

Mhm, problematisch. Liegt es am allgemeinen Kinoverständnis oder vielleicht an unseren Sehgewohnheiten? Schon klar, wir befinden uns in einer digitalen Evolution. Begriffe wie Video-on-Demand und Binge-Watching kennt mittlerweile fast jede:r. Das heutige Kino wird zum Überall-Kino und befindet sich dort, wo die Zuschauenden sind. Zuhause auf dem Sofa oder unterwegs in der Bahn. Auf dem Laptop oder dem Smartphone. Unbegrenzt, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Wir sind es heutzutage gewohnt, dass die Inhalte zu uns kommen, wann und wie wir es wollen. Egal, ob Online-Shopping, Lieferdienste oder eben beim Streaming. 

Und im Zweifel siegt die Bequemlichkeit – man kennt’s. Das Daheimschauen hat seinen Reiz: man hat eine riesige Auswahl an Filmen und Serien, kann zwischendurch kurz pausieren, um Snacks aus der Küche zu holen und auch die technische Qualität von Bild und Sound auf der heimischen Couch hat vielerorts zumindest semiprofessionelle Züge angenommen. Aber ein Laptop ist keine Leinwand, und ein Wohnzimmer ist kein Kino. 

Großes Kino

Dabei hat jeder Gang in den Kinosaal ein Mehrwert. Das Kino ist ein Ort des Genusses, ein Ort des Austausches und der Diskussion sowie ein soziales Ereignis. Besonders Programmkinos, wie der Kinoklub, schaffen eine andere Auseinandersetzung mit dem Medium Film, die mit einfachem Streaming von zu Hause aus nie möglich wäre. 

Mit diversen Filmreihen richten sie den Fokus auf bestimmte Themen. Darunter auch die Reihe PRIMETIME im Schauspielhaus, in der der Kinoklub neben dem Wochenprogramm besondere Werke, aber auch inhaltliche Experimente zeigt. Dabei komme es vor, dass auch „anstrengender Content“ gespielt werde, so Lars. Inhalte, die einen gedanklich beschäftigen und fordern würden. Eine Besonderheit dabei: alle Filme laufen im Original mit Untertiteln. Der Kinoklub steht gerade kurz vor Premiere der nächsten PRIMETIME-Reihe. Einen Monat lang, jeden Mittwoch eine Auswahl aus kuratierten, aufregenden und emotionalen Filmen, die in der vergangenen Corona-Spielpause keine Aufmerksamkeit fanden. 

Bild von NORMAN HERA

„Ich wünsch mir einfach, dass sich die Menschen mehr trauen und zu mehr in der Lage sind, was die Filmkunst angeht. Und sich den Filmen, die wir spielen mehr öffnen.“, so Lars. Ich finde das kann tatsächlich so stehen gelassen werden. Die Programmübersicht zur PRIMETIME gibt’s hier. Karten könnt ihr nur online erwerben. 

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