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Von Kleiderschränken und Regenbogen-armbändern

UNGLEICH X QueErfurt

Regenbogenflaggen vor dem Rewe, eine Welle von Coming-Outs deutscher Schauspieler:innen. Die LGBTQ-Community wird immer größer und scheint endlich im Mainstream der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber wie sichtbar sind wir wirklich? 

Wenn du dich an einem ganz normalen Tag durch die Stadt bewegst, bekommst du erstmal gar nicht so viel von LGBTQ als Community mit. Pride-Month und der Erfurter CSD sind vorbei und somit auch die Zeit der großen Bekenntnisse und Regenbogenflaggen an Geschäften. Du musst wieder genauer hingucken, einzelne Menschen rücken mehr ins Bild. Mein Geschwister und zire1 Freund:innen machen sich ein Spiel daraus, möglichst viele auffällig (gender-)queere Menschen zu zählen. Vans, umgekrempelte Jeans und ein Regenbogenarmband hier, bunte Haare und auffälliger Eyeliner da. Aber wie viele Leute sind schon so sichtbar? Ich selbst würde in dieser kleinen Statistik wahrscheinlich auch nicht auftauchen, obwohl ich weit davon entfernt bin, mich verstecken zu wollen. Wie viele queere Menschen gibt es dann, die wir gar nicht erst wahrnehmen? Prägt die Community das Stadtbild? Können wir das, ohne sichtbar zu sein und vor allem: müssen wir das überhaupt?

Ich bin nicht für mich selbst sichtbar, sondern für meine jüngeren Geschwister.

Ich möchte ich selbst sein, und mich, so wie ich bin, in der Welt und in meinem Umfeld bewegen können. Dazu gehört für mich eben auch queer sein. Das bin ich mal mehr und mal weniger auffällig. Genauso, wie mein Outfit zum Ich-Sein dazugehört, gehören LGBTQ-Symbole dazu. Aber an manchen Tagen traue ich mich nicht ganz, das Kleid zu tragen. Was ist, wenn ich damit übertreibe? Was, wenn sich andere lustig machen? So und so ähnlich überschlagen sich meine Gedanken auch, wenn ich mein Regenbogenarmband trage. Nur, dass es dabei im Zweifelsfall nicht nur um belustigte Blicke geht. Wenn ich schon für eigentliche Kleinigkeiten angepöbelt wurde, während ich aussah wie jede:r andere auch, was passiert, wenn Pride-Pins auf gewaltbereite Nazis treffen? Da fehlt vielleicht nur ein bisschen Pech, und dann was? Ich denke lieber gar nicht erst dran. Aus einer andern Perspektive darüber nachdenken ist da schon besser. Zumindest mitten in der Stadt kann nicht viel passieren. Homophoben Leuten bleibt kaum was anderes übrig, als sich still vor sich hin zu ärgern. Sollen sie doch gerne daran verbittern, dass ich mein Leben lebe, wie ich möchte. Ich finde es wichtig, dass die Community im öffentlichen Raum Platz für sich beansprucht und klar macht, dass sie hier ist und auch nicht vorhat, wieder zu gehen. Gleichzeitig sehen uns dabei aber nicht nur diejenigen, die schon wissen, dass sie queere Menschen nicht verstehen wollen, sondern auch die, die sich noch gar keine Meinung bilden mussten. Indem wir einfach jeden Tag ein kleines bisschen sichtbar sind, werden andere Leute fortlaufend mit queeren Menschen konfrontiert. Auf lange Sicht können so Vorurteile abgebaut werden. Das könnte bedeuten, dass – während es etwa vor fünfzig Jahren Homosexualität im Umfeld meiner Oma „einfach nicht gab“ – Großeltern in Zukunft direkt wissen, was das Enkelkind meint, wenn es sich als nichtbinär outet.                  

Darin liegt auch so ziemlich der Hauptgrund, aus dem ich persönlich sichtbar sein möchte: Kinder und Jugendliche sollen sehen, dass es noch andere Menschen gibt, die so sind wie sie und dass das ganz normal und völlig in Ordnung ist. Das ist nämlich genau das, was ich mir vor zehn Jahren gewünscht hätte und was ich an meine Schwester und mein Geschwister weitertragen möchte. Ich bin also nicht für mich selbst sichtbar, sondern für meine jüngeren Geschwister und damit stellvertretend für mein jüngeres Ich.

Ist outen nicht eigentlich längst überholt?

Egal wie sich jede:r Einzelne am Ende entscheidet, sichtbar bist du gleichzeitig als Teil der Commnity und als du selbst. Jedes Mal Zugehörigkeit zeigen, das ist wieder ein Coming-Out. Wir sagen wildfremden Menschen: Übrigens, ich bin queer. Und das ist gut so. Aber gerade am Anfang ist das gar nicht mal so leicht. Und mal klar als queer identifizierbar an ein paar Fremden vorbeigehen ist die eine Sache. Wenn es um das erste „richtige“ Coming-Out, etwa vor Freund:innen oder Familie geht, sieht es unter Umständen schon anders aus. Durch Erzählungen von Anderen kommst du vielleicht ins Überlegen, daraus ergibt sich dann im schlimmsten Fall eine ganze Spirale von überzogenen Horrorvorstellungen. Statt dem ganzen Umfeld die Situation erklären zu müssen und dem ganzen „ja, ich bin immer noch genau die gleiche Person wie vorher, nichts hat sich geändert“, könntest du das Ganze auch auf unbestimmte Zeit verschieben.

Ich habe es letztendlich genau so gemacht: Anstatt eines offiziellen Coming-Outs vor versammelter Familie und Freund:innen zieht sich mein Coming-Out schon über Jahre und ist wahrscheinlich auch noch nicht ganz abgeschlossen. Ich bin in einer gemütlichen Position, in der ich mit kaum jemandem darüber sprechen muss. Natürlich geht es hin und wieder um die Community, das ist schließlich ein Teil meines Lebens. Aber ich muss nicht mehr die Funktion von Google übernehmen und für alle Fragen zur Verfügung stehen. Es hat sich einfach lange genug angekündigt. Allerdings hatte ich dabei auch Glück. Ich habe ein offenes Umfeld, das mir die Zeit gegeben hat, die ich brauchte, und mich und meine Identität dabei nicht ein einziges Mal angezweifelt hat. Als ich neulich mit meiner Oma darüber geredet habe, warum mein Geschwister eben mein Geschwister ist und kein Bruder und keine Schwester, wusste sie direkt, worum es geht. Und, dass es nicht nur zwei und auch nicht drei, sondern gleich eine ganze Menge Geschlechter gibt, die alle ihre Berechtigung haben.  
Aus diesem Grund war „Outen“ in meiner Situation überflüssig und hätte queer sein höchstens als etwas Abnormales dastehen lassen, von dem du lieber erst mal nur den Menschen erzählst, denen du vertraust. Nur ist genau das für manche die Realität. Und auch wenn das nicht in Ordnung ist, solange sich nicht jede:r der Community im eigenen Umfeld sicher fühlen kann, solange ist outen auch noch nicht überholt. Und ob es nun etwas Nebensächliches, gruselig oder ein Grund zu feiern ist, wie und ob du Andere an deiner Queerness teilhaben lässt, ist deine ganz eigene Entscheidung. Solange Gender und Sexualität einen Einfluss auf unser Leben haben, so lange wird „übrigens, ich bin queer“ wohl auch nicht ganz überholt sein. 

Dann trete ich halt auf den ein oder anderen Schlips

In ein paar Fällen wird das einander-Zeit-lassen auch in meinem Umfeld langsam zu einem lauten Schweigen. Auf Familienfeiern steht es manchmal im Raum. Auch, wenn niemand offen homophob ist, ist es nicht schwer, zu merken, dass einige Teile meiner Verwandtschaft niemals freiwillig über queere Themen reden würden. Darüber könnte ich mich manchmal aufregen. Als würden wir einfach aufhören zu existieren, wenn sich Konservative nur lange genug die Augen zuhalten. Mittlerweile komme ich aber besser damit klar. Ich habe keine Lust, mich durch unausgesprochene Kompromisse einschränken zu lassen, und fast genauso wenig Lust darauf, doch wieder in Lexikonmanier zu erklären, dass die LGBTQ-Community durchaus existiert, sogar hier bei der Familienfeier auf dem Dorf. Wer sich daran stört, ist selbst schuld. Mindestens, solange es um mich persönlich und nicht die ganze Community oder sogar meine Geschwister geht. Grundsätzlich will ich mich selbst aber an erste Stelle setzen. Wer sich nicht klar gegen Homo- und Transphobie – und somit für Menschenrechte – positionieren kann, für die Person werde ich so wenig Energie wie möglich aufbringen. 

Persönliche Sichtbarkeit ist wichtiger als große Bekenntnisse

Letztendlich denke ich, dass es durchaus auch darauf ankommt, dass einzelne Mitglieder der Community als solche erkennbar sind. Während Flaggen vorm Supermarkt Außenstehenden vermitteln, dass es uns schon irgendwo gibt und dass das Thema relevant genug ist, um mit dieser Positionierung Kund:innen in das Geschäft zu locken, sind Regenbogenflaggen unter Fensterbänken ein Beweis dafür, dass hier echte, queere Menschen leben.                  
Wir können einander mit kleinem Aufwand, aber großen Auswirkungen unterstützen und Mut machen – einfach, indem wir sichtbar sind. 

1 Neopronomen: nichtbinär-Sein heißt, weder männlich noch weiblich zu sein. Im Englischen ist das im Sprachgebrauch relativ einfach, mein Geschwister benutzt da einfach das singuläre they/them. Deutsch kennt neben sie und er noch das Neutrum. Das wird aber oft als entmenschlichend wahrgenommen, sodass die meisten nichtbinären Leute entweder die alten Pronomen weiterbenutzen oder sich für ganz neue Pronomen entscheiden. Noch ist aber keins von denen etabliert, neben zir/zire gibt es also noch unzählige weitere Neopronomen. Sichtbarkeit queerer Personen, oder besser Hörbar- und Lesbarkeit im Sprachgebrauch ist also ein eigenes Unterthema, das einen eigenen Diskurs benötigt und verdient hat. 

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