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Aufbruch – Trans, Hormone und Selbstbestimmung

UNGLEICH X QueErfurt

Disclaimer: Bei diesem Text handelt es sich um einen persönlichen Erfahrungsbericht.

Die Grundpfeiler unserer Gesellschaft liegen fundamental im Wandel. Verzweifelt versucht der Mensch den verloren geglaubten Halt seiner Identität in altbewährten Denkstrukturen zu stabilisieren, ohne sich dabei die Folgen seines Handelns am Wohl seiner Mitmenschen rückblickend bewusst zu machen. Die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht wiederholt werden, weshalb es die Aufgabe unserer Zeit ist aufzubrechen und die universellen Menschenrechte als unser wertvollstes Erbe zu bewahren, auszuweiten und – Kraft unseres verborgenen Potentials – sie in einer gerechteren und menschenwürdigeren Zukunft zu vollenden. 

Der folgende Entwurf soll die Hürden aufzeigen, welche mitunter Trans-Personen vom Staat und von der Gesellschaft auferlegt bekommen. Hindernisse durch die ihr grundlegendes Recht auf freie Entfaltung der Identität systematisch verwehrt bleibt. Hierzu werde ich den Wert der Selbstbestimmung an meinem Weg zur Hormonersatztherapie begleitend aufzeichnen und mich an einem eigenen Konzept versuchen, den Geschlechter-Begriff neu zu denken. Ich möchte den Fokus auf die gegebenen sozialen Strukturen legen, welche notwendigerweise neu definiert werden müssen.

Identität: Transition der Gesellschaft:

Trans ist die „radikale“ Idee, dass Menschen selbstbestimmt über ihr Leben und ihren Körper entscheiden dürfen, während zuvor die Identität eines Menschen bei der Geburt, anhand von äußeren primären Fortpflanzungsmerkmalen, extern festgelegt wurde.Die Veranlagung zur Ausprägung beider Merkmalsvarianten sind in jedem Menschen zugleich vorhanden, welche allgemein als männlich und weiblich definiert werden. Welche Merkmale in der Schwangerschaft ausgebildet werden, ist in einem komplexen Zusammenspiel chromosomal wie hormonell bedingt und in ihrem Ergebnis nicht immer eindeutig binär ausgeprägt. So muss das biologische Geschlecht vielmehr als ein Spektrum mit einer stärkeren Häufigkeitsverteilung an den Polen verstanden werden muss und ist als Kriterium für die Identität eines Menschen nicht ausreichend.

Identität ist eine abstrakte und dem Erfahrungsvermögen Zweiter unzugängliche Entität, welche fundamental und unveräußerlich dem Wesen eines Menschen zugrunde liegt.

Jedes Gehirn ist individuell vernetzt und beeinflusst maßgeblich das vielfältige Wahrnehmen und Denken von Individuen, deren Unterschiede untereinander immer signifikant größer liegen als die Gemeinsamkeiten innerhalb jeglicher willkürlichen sozialgeschlechtlichen Kategorisierung. Wenn wir uns das nicht bewusst machen, geht ein gewaltiges gesellschaftlichen Potential verloren – und es bliebe in uns verborgen. Es braucht eine neue Perspektive und die Anerkennung neuronaler Vielfalt, um die alten verkrusteten Strukturen und Schranken aufzubrechen, die wir uns selbst nach der alten Konzeption von fremdbestimmter Identität auferlegt haben. 

Der erste Schritt: Vor der „Dämmerung“

Im Frühjahr diesen Jahres habe ich meinen Gedichtzyklus vollendet, an dem ich seit drei Jahren geschrieben habe. Die Gedichte erzählen mein gesamtes Leben bis hin zu dem langersehnten Tag, an dem ich das erste Mal wirklich frei über die künftige Entwicklung meines Lebens entscheiden durfte. 

Trans ist ein Attribut, welches meinen aktuellen Lebensabschnitt beschreibt. Es beschreibt dem Wortlaut getreu einen Übergang, geradezu einen Aufbruch in ein freies und selbstbestimmtes Leben. Einen Aufbruch, mit dem ich gleichzeitig die sehr leidvolle und ungewisse Vergangenheit endlich hinter mich wissen kann. 

Viele verlorene Jahre, geprägt von Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und lebensbedrohlichen Ängsten mussten vergehen, ehe ich mich vor zwei Jahren endlich dazu überwinden konnte, den ersten Schritt aus mir heraus zu gehen und mich auf die Suche nach einem Therapieplatz zu begeben. Hierüber würde ich dann die Zulassung für die Hormontherapie erhalten, mit der ich endlich die Richtung der Entwicklung meines Körpers selbst definieren und dysphorische Leiden lindern könnte. 

Der offizielle Weg, als ein wirres Netz von Richtlinien, sieht dabei zunächst vor, sich in psychotherapeutische Begleitung zu begeben und ein Gutachten zu erhalten, welches das innere Empfinden bestätigen soll.  Mit diesem kann nach Vorlage bei der Endokrinologie, einer Facharztpraxis für Hormontherapie, und bei Ausschluss von medizinischen Kontraindikationen durch Untersuchungen, die Hormonbehandlung eingeleitet werden. Doch die Realität gleicht dabei eher einem bürokratischen und perspektivlosen Glücksspiel und blieb zunächst erfolglos. 

Ich musste mich in vielen vergeblichen Telefonaten vor wildfremden Menschen vorführen lassen und wurde immer wieder hoffnungslos abgewiesen, ohne dass irgendwer gewillt war, mir weiterzuhelfen. Ein überlastetes System von kassenzugelassenen Plätzen, welches Menschen würdelos sich selbst überlässt. Ich wusste nicht mehr weiter und hatte trotz meiner psychischen Belastung aufgegeben, weiter nach Hilfe zu suchen. Es sollte noch ein weiteres Jahr und einen studienbedingten Umzug dauern, ehe ich wieder die Kraft aufbringen konnte weiterzukämpfen.

Dysphorie: Ein gesellschaftlich verschuldetes Leiden

Aufbauend auf der potenziellen Fortpflanzungsfähigkeit haben wir angefangen eine soziale Struktur zu begründen, die den Menschen auf wenige vordefinierte Attribute reduzieren soll. Aus diesen erwirken wir soziale Sicherheit auf Kosten der identitären Entfaltungsfreiheit. Die Grenzen dieser Konstruktion zeichnen sich ab, wenn sich ein Individuum, ungeachtet ihrer freien Entscheidung aufgrund eines angeborenen Merkmals, in einer mit Erwartungen und Pflichten gedeckelten Rolle wiederfinden muss. Eine Rolle, die ihr die Persönlichkeit, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung vorkonstruieren soll. Gemeint ist das soziale Geschlecht, welches wir von der Gesellschaft auferlegt bekommen. Wir alle sind sozial geprägt und beziehen unser Selbstwertgefühl aus der Interaktion und Anerkennung anderer, interpretieren Erwartungen an unsere Mitmenschen, berauben sie somit ihrer ureigenen Identität und reflektieren diese Vorstellung zurück auf uns selbst. 

Zu „Sein“ rechtfertigt Existenz und Identität in Selbstbestimmung und Würde.

Nicht alle Menschen können und wollen sich mit ihrem sozial definierten Schicksal abfinden. Trans-Personen leiden besonders unter diesem sozialen Zwang und der fehlenden Freiheit in ihrer Selbstdefinition. Die dabei empfundene Dysphorie resultiert aus ebendieser Disharmonie zwischen dem eigenen Innenleben und der Kategorisierung von Außen. Das  kann nur dann grundlegend reduziert werden, wenn wir den sozialen Geschlechterbegriff durch eine konsequente Neuorientierung im Denken umstrukturieren, und zwar auf Grundlage tatsächlicher Wesensmerkmale eines Menschen! Von dessen Ausweitung und der wiedergewonnenen Freiheit wird letztendlich unsere gesamte Gesellschaft mitprofitieren.

Hormonersatztherapie: Weg in die Selbstbestimmung

Ist der freie Zugang zu geschlechtsangleichenden Hormonen ein Menschenrecht?

Als ich bei der erneuten Suche nach Hilfe wieder davor stand aufzugeben, kam schlussendlich der langersehnte Lichtblick, durch den ich zuletzt mit meiner Hormontherapie beginnen durfte –  auch wenn der ganze Prozess bis zum Schluss auf sehr wackeligen Beinen stand. Ich hatte meinen ersten und bisher auch einzigen Termin bei einer Psychotherapeutin, die mich allerdings nur auf eine einjährige Warteliste setzen konnte. Ich war in Anbetracht der anderthalb Jahre zuvor und dem jahrelangen vorangegangenen Prozess der Selbstakzeptanz froh, zumindest diesen kleinen Hoffnungsschimmer erhalten zu haben und war erschüttert zugleich, auch künftig weiter warten und leiden zu müssen, um endlich frei sein zu können. 

Entsprechend lange hätte es für mich noch gedauert, doch ich hatte das Glück, über meinen Endokrinologen an einen externen Gutachter weitergeleitet worden zu sein, dem ich ohne weiteres glaubhaft machen konnte, dass ich wirklich Trans bin. So blieb mir auf diesem Weg einiges erspart. 

Die Richtlinien setzen gewöhnlich 6-12 Monate Psychotherapie, begleitet von einem Alltagstest voraus, in dem geprüft werden soll, ob ich tatsächlich die andere soziale Rolle leben kann. Eine Rolle die nicht selten an veralteten Geschlechterstereotypen geknüpft wird und eine zusätzliche unnötige psychische Belastung darstellt. Das eigene Wohl liegt hierbei in der Willkür einer einzigen Person, von welcher die Betroffene abhängig ist. 

Jegliche Offenheit über Ängste, Wünsche und Unsicherheiten, könnte das Ziel am Ende das Gutachten zu erhalten potenziell gefährden, was in einer psychotherapeutischen Beziehung verheerend kontraproduktiv ist.

Stattdessen konnte ich schon zwei Monate später mit einem externen Gutachten und ohne bestehender medizinischer Kontraindikationen bei den Untersuchungen, nach politisch verschuldeter und unnötig leidvoller Wartezeit, endlich mit meiner Hormontherapie beginnen! 

Estradiol

Wie funktioniert so eine Therapie für Trans-Personen mit weiblichen Sexualhormonen eigentlich? 

In der Regel werden Östrogene (Estradiol) und leider oft auch viel zu hoch dosierte Testosteronblocker verschrieben, welche die körpereigenen Sexualhormone ersetzen sollen, doch sind letztere mittlerweile ziemlich umstritten und sollten möglichst umgangen oder niedrig dosiert werden, um schwerwiegende Folgeschäden zu vermeiden. Ich habe meine Hormontherapie demnach zunächst nur mit Estradiol-Gel gestartet, welches ich jeden Tag auf die Haut auftragen darf, daneben gibt es noch Sprays, Pflaster oder Tabletten. Letztere werden aufgrund der erhöhten Leberbelastung auch immer seltener verschrieben. 

Das Estradiol leitet im Prinzip eine normale weibliche Pubertät, mit typischen körperlichen Veränderung ein. Dazu gehören eine verringerte Körperbehaarung und Muskelmasse, ein stärkeres Gefühls- und Sinnesempfinden, eine veränderte Libido, eine weiblichere Körperfettverteilung, Brustwachstum und eine oft weichere und reinere Haut. Bereits entwickelte Merkmale wie die Gesichtsbehaarung und Stimme bleiben dabei meistens leider unverändert. Die Hormone sorgen insgesamt über einen längeren Zeitraum für ein weiblicheres Erscheinungsbild und können demnach dysphorische Leiden mildern. 

Der teils irreversible Eingriff in den eigenen Hormonhaushalt sollte dabei mit großer Vorsicht und nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen und hat unter der Voraussetzung nachgewiesen das Potential, die Lebensrealität der Betroffenen erheblich positiv zu beeinflussen.

Reflexion

Ich habe versucht, begleitend an meiner eigenen Geschichte den Aufbruch in ein neues selbstbestimmtes Leben als Trans-Person aufzuzeichnen und wollte zugleich die sich selbsterhaltende soziale Werteordnung aufbrechen, die diesem Ideal und damit einem strukturellen Wandel der Gesellschaft seit jeher gegenübersteht. Selbsterkenntnis sollte hierfür wie schon gesagt als Kriterium für die eigene Identität ausreichend sein. 

Die Gesellschaft ist hiermit gefordert, insbesondere jungen Menschen in Not nicht durch unüberwindbare Hürden – mit oft irreversiblen psychischen Folgen – sich selbst zu überlassen! Wir sollten aufklären und unterstützen, wo Hilfe gefordert ist, um dieses unnötig erzeugte Leid präventiv angehen zu können. Dem soll hiermit Anstoß gegeben sein.

Ein Text von Felizia Möhle

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