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Mehr als nur ein Bio-Laden – das Clärchen in Erfurt

Im Herzen von Erfurt, auf dem Weg zwischen Anger und Wenigermarkt, versteckt sich hinter einem grün-weiß gestreiften Schild ein Einkaufsladen der etwas anderen Art. Der BioKaufladen Clärchen bietet auf 70 Quadratmetern regionale und saisonale Produkte aus kleinbäuerlichen Betrieben. Der Laden hat es sich zum Ziel gemacht, die Kontaktstelle zwischen Produzent:in und Konsument:in zu sein und dabei die Lieferkette möglichst klein zu halten. Das Team des Clärchens kennt die landwirtschaftlichen Betriebe, deren Produkte angeboten werden, persönlich, mitsamt der Entstehungsgeschichte der Erzeugnisse. „Ich habe gestern einen Sack Mehl und Kartoffeln von einem Bauern aus der Region abgeholt“, erzählt Inhaber Tim Borgmann. Am nächsten Tag schon werden die Produkte im Laden zum Verkauf angeboten. „So läuft das bei uns. Alles, was möglich ist, besorgen wir selbst.“ Ein großer Teil des im Clärchen angebotenen Sortiments wird von etwa 20 kleinbäuerlichen Betrieben aus Thüringen oder der Thüringischen Grenze zu Sachsen-Anhalt bezogen, die alle zwischen einem und maximal 100 Kilometern von Erfurt entfernt liegen. Die Regionalität der Produkte bedeutet natürlich, dass nicht immer alles erhältlich sein kann wie man es aus gewöhnlichen Supermärkten gewohnt ist. Das Clärchen lässt absichtlich Lücken bei der Produktauswahl. „Mein Ziel ist es, den Menschen bewusst zu machen, dass nicht immer alles verfügbar sein muss“, sagt der Inhaber. Die Produkte im Clärchen sollen Fragen aufwerfen: Wo kommt das Produkt her, wieso gibt es dieses Produkt gerade jetzt oder wieso jetzt eben nicht? 

Ein Einkaufsladen, der sich anpasst

Beim Betreten des Clärchens wird allerdings klar, dass von Mangel keine Rede sein kann. Im Gegenteil, die Auswahl kann im ersten Moment sogar überfordernd wirken: große Bonbongläser voller Reis, Nudeln oder Nüssen, die das Einkaufen mit minimalem Verpackungsgebrauch ermöglichen, saisonales Obst und Gemüse aller Art, eine Käsetheke mit selbstgemachten Aufstrichen, Regale voller Fruchtsäfte und ein Café-Bereich. Bei jedem Besuch sieht das Clärchen ein bisschen anders aus, stehen die Produkte mal wieder an einer anderen Stelle. Der BioKaufLaden Clärchen zeichnet sich vor allem durch Wandelbarkeit aus. Die Produkte wechseln je nach Saison und den Wünschen der Kund:innen. Wo im Sommer noch Zitronenlimonade angeboten wurde, liegen nun selbstgestrickte Socken und Wollhandschuhe. Die Obsttheke wird regelmäßig neu bestückt, immer mit den Produkten, die gerade in Thüringen und Umgebung erntereif sind. Wenn sich die Kund:innen Quinoa wünschen, wird ein möglichst naheliegender Betrieb gesucht, der Quinoa anbaut. Die Kakaobohnen für die im Clärchen angebotene Schokolade wird in der Dominikanischen Republik fair angebaut und anschließend emissionsfrei mit dem Schiff nach Amsterdam gebracht, wo sie von Freiwilligen per Fahrrad abgeholt und nach Erfurt direkt vor die Ladentür geradelt wurde. Mittlerweile bietet das Clärchen nicht nur Lebensmittel an, sondern auch viele weitere Produkte für den alltäglichen Bedarf, wie beispielsweise nachhaltige Körperpflegeprodukte in Form von unverpackten Seifen und ökologischem Verpackungsmaterial wie Bienenwachstücher. Sogar Produkte wie ungebleichtes Backpapier und nachhaltige Teelichter bekommt man im Clärchen ohne Verpackung angeboten.  

Das aktuelle Herbstangebot der Obst- und Gemüsetheke im Clärchen

Kein anonymes Einkaufserlebnis

Um in dem Wechselbad der Produktauswahl nicht unterzugehen, bieten die Verkäufer:innen des BioKaufladens Clärchen eine helfende Hand. Sie sind nicht nur bereit, neue oder fehlende Produkte zu erklären und beim Einkauf zu beraten, sondern stehen auch zum allgemeinen Austausch über Konsumverhalten zur Verfügung. Stammkund:innen werden mit Namen angesprochen und grüßen namentlich zurück. Doch es sei natürlich auch möglich, sich nur umzusehen und wieder zu gehen, oder sich selbstständig durch den Laden zu bewegen, betont Tim Borgmann. Das Team des Clärchens freut sich über Offenheit, über Neugier. Genau wie die Kund:innen sollen auch die Produzierenden der Produkte nicht anonym sein. Das zeigt sich nicht nur durch das extensive Wissen der Beschäftigten im Clärchen über die angebotenen Güter, sondern auch in den Preisen. Während man normalerweise beim Einkauf in Discountern Lebensmittel häufig eher nach geringen Preisen auswählt, spiegeln die Preise des Clärchens den Wert der Ware wider und vor allem, welcher Preis fair ist. „Die Preise der Produkte im Clärchen stellen die Realität dar“, so der Inhaber. „Wir fragen die Produzent:innen, was sie für ihre Erzeugnisse brauchen, um davon leben zu können. Nach diesen Angaben richten wir die Preise aus, was den Erzeuger:innen zugutekommt.“ Damit möchte das Clärchen zur Wertschätzung der Güter beitragen und die Produzierenden sichtbar machen, welche im aktuellen Lebensstil des Überflusses häufig untergehen. Vom Laden selbst wird auch nichts weggeworfen, das wäre ökonomisch gar nicht tragbar, da das Clärchen generell weniger große Mengen einzelner Waren anbietet wie ein Supermarkt. 

Auszeichnungen in der Kategorie Bester Bioladen 2020 und 2021

Kooperatives und solidarisches Konsumverhalten wird häufig als beinahe unmöglich angesehen. Doch das Clärchen beweist, dass fairer und ökologischer Lebensmittelkonsum möglich ist und viel Freude bereiten kann. Das schätzen die Kund:innen und haben den kleinen Lebensmittelladen in den letzten Jahren über die Plattform Schrot&Korn zu einem der besten Bio-Läden Deutschlands gewählt. Die Preisurkunden sieht Tim Borgmann allerdings eher als Feedbackbögen. Über die Abstimmung erhält das Clärchen nämlich auch die Bewertungen der Kund:innen, die Feedback über das geben, was gut läuft oder verbesserungswürdig ist. Das Clärchen freut sich sowohl über positives Feedback als auch über Anregungen und Wünsche. Aktuell findet die Wahl zum besten Bioladen 2022 statt. Nach der Registrierung bei Schrot&Korn kann man Bio-Läden auswählen und Sortiment, Preise, Service und Atmosphäre mit Punkten bewerten, aber auch positives Feedback und Verbesserungsvorschläge abgeben. 

Ein Raum für den ersten Schritt in Richtung solidarischer Konsum

Gegründet wurde das Clärchen 2015 mit dem Anspruch, einen Teil zum solidarischen, nachhaltigen Konsumverhalten beizutragen. Nach anfänglicher Unterstützung führte Tim Borgmann den Laden zwei Jahre lang allein, baute einen Kund:innenstamm und Kontakte zu lokalen Lieferant:innen auf. Das Sortiment vergrößerte sich, das Clärchen zog um, vom kleinen Raum direkt nebenan in die Räumlichkeiten der Meienbergstraße 10, stattete sich aus mit gebrauchten Möbeln und Gläsern für Unverpackt-Regale und einer kleinen Mühle, mit der im Laden selbst Mehl gemahlen werden kann und startete Kooperationen, unter anderem mit der Solidarischen Landwirtschaft. Dabei übernehmen private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebes und teilen sich dafür dessen Ernte.  Mittlerweile wird der Laden von einem zehnköpfigen Team aus Mitarbeiter:innen und Unterstützer:innen getragen. Natürlich steht Tim Borgmann auch selbst noch gerne hinter der Theke, nimmt Bestellungen auf oder holt Lieferungen ab. 

Das Clärchen-Team, ohne das im Laden nichts laufen würde, Foto: Tim Borgmann

Doch das Clärchen bietet mehr als nur das Tauschgeschäft von Waren gegen Geld. Vor Corona fanden in den Räumlichkeiten des zum Laden gehörenden Cafés, neben dem agrarpolitischen Stammtisch der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, regelmäßig kleine Bildungs- und Informationsveranstaltungen zu nachhaltigem Konsum und Lebensstilen statt. „Das wünschen wir uns auch für die Zukunft“, sagt Tim Borgmann. „Filmabende, Treffen zur Umsetzung eigener Ideen zum Thema Nachhaltigkeit und solidarischem Konsum – das könnte ich mir gut vorstellen.“ Aktuell können solche Treffen durch die Corona-Beschränkungen nicht stattfinden.

Unverpackt einkaufen ist auch nach Hygienevorschriften möglich

Nach Ausbruch der Pandemie 2020 hatte das Clärchen weiterhin geöffnet, allerdings durften sich nur zwei Personen im Laden aufhalten. Dadurch sah sich das Geschäft mit einigen Umsatzverlusten konfrontiert. „Wir sind lange Zeit auf Sparflamme gefahren“, berichtet der Inhaber von den letzten beiden Jahren. „Unsere Stammkund:innen haben letztendlich dafür gesorgt, dass der Betrieb weitergehen konnte.“ Zu Beginn konnte sich das Clärchen gut mit den Fördermitteln der Bundesregierung über Wasser halten, doch auf Dauer erwies sich die fehlende Kundschaft als problematisch. Die Sorge einiger Kund:innen, ob das Einkaufen unverpackter Lebensmittel den Hygienevorschriften entspräche, konnten das Team des Clärchens ihnen allerdings nehmen. Die Schaufeln sowie Glasbehälter, in denen die unverpackten Lebensmittel aufbewahrt sind, werden nach jeder Nutzung gereinigt und desinfiziert. Gefäße für den Transport werden ohnehin von den Kund:innen selbst mitgebracht,  wodurch zusätzliche Kontakte gänzlich vermieden werden können.

Das Unverpackt-Sortiment im Clärchen

Während des ersten Lockdowns im Jahr 2020 durfte das Clärchen außerdem sein Café nicht betreiben und auch heute sind die gemütlichen Stühle am Fenster durch die Corona-Beschränkungen häufig leer. Dabei bietet das Clärchen ganzjährig nicht nur Limonade und Kuchen an, sondern passend zur kalten Jahreszeit auch heiße Getränke wie gesegelten Fair-Trade-Kaffee, Tee und Glühwein

Wer sich also in der kalten Jahreszeit bei einem Getränk oder veganem Kuchen und frisch zubereitetem Mittagessen zu den Möglichkeiten nachhaltiger Lebensstile in Deutschland inspirieren lassen, eigene Ideen einbringen, oder einfach mal die Alternative zum Einkauf beim Discounter von nebenan ausprobieren möchte, die:der sollte beim Clärchen vorbeischauen. Für den unverpackten Einkauf kann ein eigener Glasbehälter und eine Einkaufstasche mitgebracht werden.

Das Clärchen hat montags bis freitags von 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr und samstags von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet. Über den wieder regelmäßig bespielten Instagram-Kanal besteht die Möglichkeit, über neue Produkte und geplante Aktionen informiert zu bleiben. 

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