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Campus mackerfrei!

Disclaimer: In diesem Text werden Sexismus, übergriffiges Verhalten und sexualisierte Gewalt thematisiert. Sollte dich das belasten oder retraumatisieren, solltest du eventuell nicht weiterlesen. Betroffene von sexualisierter Gewalt und übergriffigem Verhalten finden am Ende dieses Textes Informationen zu kostenlosen und anonymen Beratungsstellen.

Eine kleine Gruppe aus (ehemaligen) Studierenden hat es sich zur Aufgabe gemacht, sexualisierte Gewalt und patriarchale Strukturen auf dem Campus der Uni Erfurt zu bekämpfen. Der Name beschreibt das Ziel des Kollektivs in nur zwei Worten: „campus mackerfrei!“

Sexismus an der Uni Erfurt? „Jede*r weiß es irgendwie, aber niemand macht irgendwas“

Es ist knapp ein Jahr her, dass die Uni Erfurt Schlagzeilen machte: Der Inhaber der Professur für Wissenschaftsphilosophie wurde vor dem Landgericht Meiningen im Fall sexualisierten Machtmissbrauchs verurteilt. Noch immer läuft das Berufungsverfahren – die Möglichkeit, dass der aktuell beurlaubte Professor fast ohne Konsequenzen in seine Lehrposition zurückkehren könnte, besteht also weiter.

Während das Urteil vom November 2020 – und der Umgang der Universitätsleitung damit – der Auslöser für die Gründung des Kollektivs war, ist den Studierenden von campus mackerfrei wichtig, die Diskussion über sexualisierte Übergriffe nicht auf diesen einen öffentlich gewordenen Fall zu beschränken. Auch wenn der Professor nicht zurückkommen sollte, ändere das ja erstmal nichts an den sexistischen Strukturen, die sich an vielen Stellen im Unialltag zeigen: 

Ob sexistische Lehrbeispiele, Tutoren, die in der Ersti-Woche Strichlisten darüber führen, wie viele Erstis sie „flachlegen“ konnten – oder eben die noch immer vorrangig männlich besetzten, durch das Beamt*innenrecht institutionell abgesicherten Professuren: „Jede*r weiß es irgendwie, aber niemand macht irgendwas.“

Was ist das Ziel von campus mackerfrei?

campus mackerfrei möchte das ändern: Die Gruppe hat sich vorgenommen, gegen diesen „Normalzustand“ vorzugehen. Konkret heiße das, Missstände und Täter zu benennen, Betroffenen zu glauben und Schutzangebote zu bieten.

Anders, als es der Name manch einer*einem suggerieren mag, ist das Ziel des Kollektivs nicht etwa, Männer vom Campus zu verbannen (auch wenn das manchmal was hätte, wie eines der Mitglieder des Kollektivs kommentiert). Zum einen meine der Begriff „Macker“ nicht Männer an sich, sondern solche, „die ihre Machtposition und ihre Privilegien […] bewusst oder unbewusst aufrechterhalten und ausnutzen“. Und zum anderen betreffe Sexismus nicht nur „Macker”, die sexistisches Verhalten – bis hin zu sexualisierten Übergriffen – an den Tag legen, sondern alle, die nicht wirklich für das Thema sensibilisiert sind und die Erfahrungen von Betroffenen nicht ernst nehmen. Und auch die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung von Universitäten trage dazu bei, dass zu wenig gegen Sexismus und patriarchale Strukturen auf dem Campus getan werde: „Das Problem ist auch, dass die Uni als Ort wahrgenommen wird, der irgendwie fortschrittlicher ist.“ Deswegen sei es ebenso wichtig, zu sensibilisieren; für die Strukturen, die nun einmal vorherrschen, für die Machtgefälle und Abhängigkeiten, die sexualisierte Gewalt im universitären Kontext sogar erleichtern können. 

Niedrigschwellige Unterstützung: „Man braucht kreative Ansätze und Strategien, um Schutzangebote zu schaffen“

Da sie bislang nur eine kleine Gruppe sind, konzentrieren sich die Mitglieder aktuell vor allem darauf, individuelle und vor allem niedrigschwellige Unterstützung für Betroffene von Diskriminierung sowie sexualisierten Übergriffe zu schaffen.

Zwar ist campus mackerfrei nicht das erste und einzige Angebot für Betroffene: auf dem Campus besteht etwa das Gleichstellungs- und Familienbüro als „offizielle“ Ansprechstelle für Betroffene oder die neu geschaffene Antidiskriminierungsstelle des Studierendenrats. Um diese Angebote zu nutzen, muss man (oder in diesem Fall treffender: FLINTA*) natürlich erst einmal über diese Angebote Bescheid wissen und die passende Stelle finden – Familienbüro klinge ja zunächst nicht nach einer Anlaufstelle für Betroffene von übergriffigem Verhalten. 

Um alle Betroffenen zu erreichen, brauche es deswegen kreative Ansätze, die das Kollektiv etwa mit Aushängen auf den Toiletten der Unibib umsetzt. Dabei sieht sich campus mackerfrei nicht als Konkurrenz – im Gegenteil: Die Zusammenarbeit mit bestehenden Akteuren wie dem Gleichstellungsbüro oder dem Frauenzentrum Brennessel in der Stadt ist dem Kollektiv sehr wichtig – etwa ausgebildete Berater*innen können (und wollen) die Studierenden auch gar nicht ersetzen. Die Unterstützung, die campus mackerfrei anbietet, ist also eher eine Ergänzung der bestehenden Angebote und eine erste Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Übergriffe. Diese können sich direkt und anonym per Mail an das Kollektiv wenden. Neben der Vermittlung an das Gleichstellungsbüro der Uni oder an unabhängige Beratungsstellen in der Stadt kann es auch einfach darum gehen, durch Gespräche oder Alltagsunterstützung für Betroffene da zu sein.

Die Grundprinzipien: Betroffenen glauben, Unabhängigkeit von Universitätsstrukturen

Wichtig ist auch, dass sich die Angebote an alle Menschen am Campus richten, die übergriffige Erfahrungen machen mussten – sei das ein sexistischer Spruch oder eine ungewollte Berührung. Denn die Frage, ob eine Erfahrung „schlimm genug“ war, ist nämlich auch Teil des Problems – zu oft werden die Erfahrungen von Betroffenen sexualisierter Übergriffe hinterfragt. Das Grundprinzip der Arbeit von campus mackerfrei ist deswegen, die Sichtweise der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen: „Es muss klar sein, dass Betroffene an erster Stelle kommen, nicht der Ruf der Uni, nicht die Stellung eines Professors“. 

Deswegen legt campus mackerfrei auch besonderen Wert darauf, unabhängig von den Strukturen der Universität zu sein. Um Vertrauen zu schaffen, und nicht zuletzt, um sich bei der Unterstützung „alle Möglichkeiten offen zu halten“ und Missstände im Zweifel offen anprangern zu können. Kehrseite des Ganzen: Die Arbeit erfolgt vollständig ehrenamtlich, die finanziellen Ressourcen sind also begrenzt.

Wie kommt man langfristig hin zu einem mackerfreien Campus? 

Gern würden die Mitglieder von campus mackerfrei aber auch über die Unterstützung für Betroffene hinaus aktiv sein: Diese sei zwar ein sehr wichtiger, aber natürlich nur ein erster Schritt, der weg von Täterschutz in Richtung eines mackerfreien Campus weist. 

Um sexualisierte Gewalt und Diskriminierung gar nicht erst zuzulassen und ihr vorzubeugen, gehe es zum einen darum, Verhaltensmuster und den Umgang miteinander zu verändern: „Awareness“ sei an der Stelle das Zauberwort – das Bewusstsein und vor allem der Respekt für die eigenen Grenzen und die der anderen. Es sei wichtig zu lernen, diese Grenzen zu wahrnehmen und zu achten – auch in kleinen Situationen. Zu diesem Thema hat die Gruppe Anfang des Semesters bereits zwei Workshops angeboten (weitere folgen – also stay tuned). 

Auf der anderen Seite wünscht sich campus mackerfrei, dass dieser Punkt auch auf anderen Ebenen angegangen wird: „Es ist auf Dauer ermüdend, dass es immer die gleichen Menschen sind, die auf Awareness aufmerksam machen.“ Es könne nicht sein, dass diese Aufklärungsarbeit Ehrenamtlichen allein überlassen werde. Irgendwie zeuge das ja schon von dem Stellenwert, den struktureller Sexismus bei der Universitätsleitung hat. Etwa könne die Uni ein (bezahltes) Awareness-Team einstellen, das bei Grenzüberschreitungen vor Ort ansprechbar wäre. Dafür müsste Sexismus natürlich erst einmal als Problem anerkannt und vor allem aus der Tabuzone herausgeholt werden. Die Voraussetzung dafür sei wiederum ein feministischer Diskurs auf dem Campus, der – so campus mackerfrei – bislang eher vereinzelt existiere. 

Neben Aufklärungsarbeit und Transparenz im Umgang mit sexistischen Strukturen wünscht sich die Gruppe, dass die Universitätsleitung alles in ihrer Macht stehende tut, um eine Wiederholung des Falls sexualisierten Machtmissbrauchs vor einem Jahr zu vermeiden und ihren verurteilenden Worten auch Taten folgen zu lassen. Im konkreten Fall kritisiert die Gruppe den Mangel einer Strategie für den Fall, dass der Professor zurückkehrt: Tatsächlich spricht die Uni zwar von „großen Herausforderungen hinsichtlich der Konsequenzen für den Lehrbetrieb“, sollte das Urteil rechtskräftig werden. Doch obwohl klar ist, dass der Professor zurückkehren könnte, bleibt auch nach einem Jahr fraglich, wie die Uni diese Rückkehr „in einem für alle erträglichen Sinne ausgestalten“ (Zitat: Pressestelle der Uni) möchte. Aber auch für die Zukunft wünscht sich die Gruppe, dass aus dem Fall Konsequenzen gezogen werden: Man müsse bereits bei der Neubesetzung von Professuren dafür sorgen, dass „Macker“, die ihre Macht sexistisch ausnutzen, gar nicht erst in solche Positionen kommen und neben dem akademischen Potenzial, das Bewerber*innen mitbringen, etwa auch, Lehr-Evaluationen der Studierenden mit einbeziehen – und das heißt ja wiederum: den Betroffenen zuhören, den Betroffenen glauben.


Beyond the article:

Hier kommt ihr zum Blog von campus mackerfrei, auf dem ihr Informationen zu der Unterstützung, den Partner*innen und den Veranstaltungen findet, die die Gruppe anbietet.

Solltet ihr Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten und sexualisierter Gewalt gemacht haben, könnt ihr euch unter folgender E-Mail-Adresse an das Kollektiv wenden: campus-mackerfrei@riseup.net (Die Gruppe freut sich auch immer über Menschen, die bei den bestehenden Projekten mithelfen oder neue Impulse setzen möchten)

Außerdem folgen hier Informationen der Universität Erfurt zu den offiziellen Stellen und Angeboten, an die sich Betroffene sexualisierter Übergriffe und Diskriminierung wenden können:

Hier findet ihr die offizielle Richtlinie der Uni Erfurt zum Schutz vor Diskriminierung, Belästigung und Gewalt.

Neben campus mackerfrei bieten folgende Stellen Unterstützung und beraten über Schutz- und Handlungsmöglichkeiten – auch mit Blick auf ein mögliches Beschwerdeverfahren:

Betroffene, beteiligte oder beobachtende Personen können sich im Falle von Diskriminierung, (sexueller) Belästigung und/oder Gewalt aber auch an eine der folgenden Stellen innerhalb der Universität wenden:

Diversitätsbeauftragte:r: 

Allgemeine Studienberatung: 

Beschwerdestelle, gemäß § 8: 

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