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Thüringer Tatort auf Sendepause

Ich bewege mich mit einer naiven Vorstellung durch Erfurt, in der schlimme Verbrechen nur am Sonntagabend um 20.15 Uhr auf ARD stattfinden. Was soll schon auch in einer Stadt passieren, in der die Innenstadt am Abend unter der Woche wie leergefegt ist und selbst der Dönerladen am Hauptbahnhof um 24 Uhr schließt?

Nein, aber mal im Ernst. Natürlich passieren auch leider in unserer Stadt ein Haufen Verbrechen, die ich hiermit in keinster Weise banalisieren möchte.
Klickt man sich durch die Pressemitteilungen der Landespolizeiinspektion Erfurts häufen sich die Berichte von gestohlenen Fahrrädern, Kameras und Handtaschen sowie berauschten Verkehrsteilnehmer: innen des vergangenen Wochenendes. Eine noch dramatischere Tat könnte wohl auch ein UNGLEICH-Redakteur bestätigen: Felix wurde eines Nachts mitten auf dem Anger Zeuge eines Einbruchs. Auf dem Nachhauseweg über den leergefegten Anger beobachtete er, wie ein unbekannter Mann mit einem Vorschlaghammer die Scheiben einer Boutique einschlägt, als wäre es das normalste der Welt. Die Beschreibung dieses Vorfalls klingt nach einer perfekten Einstiegsszene für einen Erfurter Tatort Fall. Jedenfalls könnte sie das, würde es einen geben.

Thüringens Tatort – eine Bestandsaufnahme

Der Sonntagabendkrimi des Ersten Deutschen Fernsehens ist nicht mehr aus dem Programm wegzudenken. Kiel, Dresden, Berlin, München oder Saarbrücken, annähernd jedes Bundesland hat einen laufenden Tatort – Thüringen zählt momentan nicht mehr dazu. Das bestätigt auch der MDR, der im vergangenen Jahr kommunizierte, dass es erstmal keinen weiteren Tatort aus Weimar geben wird. Nachdem das beliebte Ermittler-Team, bestehend aus Nora Tschirner und Christian Ulmen, im Serienfinale an Neujahr 2021 ein letztes Mal zu sehen war, stehen die Dreharbeiten nun still. Somit bleibt nach dem im Jahr 2013 abgesetzten Erfurter Tatort nun auch das Weimarer Team und somit schließlich ganz Thüringen Tatort unbesetzt.

Zum Glück für alle Krimifans gibt es aber noch den Polizeiruf 110, der immerhin genauso zu den beliebtesten Krimireihen der Deutschen zählt wie der Tatort. Wenn beide Sendungen im Grunde das Gleiche bieten, was unterscheidet die beiden Erfolgsformate dann eigentlich voneinander? Und was verbindet sie?
Gemein haben sie vor allem die wöchentlich wechselnden Ermittlerteams und die hohen Einschaltquoten, wobei das allgemeine Interesse der Zuschauer:innen am Tatort höher ist. So erzielt ein erfolgreicher Polizeiruf 110 gern mal 8,19 Millionen Zuschauer:innen, während der letzte Tatort ganze 14,56 Millionen Menschen erreicht hat. Ein konkreter Vergleich der Einschaltquoten hinkt allerdings, weil es stark darauf ankommt, welche Stadt mit welchem Team ermittelt und ob es zeitgleich attraktive Alternativprogramme auf anderen Sendern gibt.
Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu betonen, dass die beiden Formate im Grunde kaum etwas unterscheidet, außer die Länder, die sie vor vielen Jahren in Auftrag gegeben haben. Als Antwort der DDR auf den Westen erschien Polizeiruf 110 im Jahr 1971 und damit ein Jahr später als der Tatort aus der damaligen Bundesrepublik. Mit der Alternative zum Tatort war Polizeiruf 110 also der DDR-Krimi aus dem Osten und wird auch heute noch in den Standorten Rostock, Magdeburg und Halle gedreht. Das traurige Resultat der Bestandsaufnahme: Thüringen ist auch hier nicht vertreten.

Sicher ist, dass die Realität der aktuellen Kriminalitätsrate Erfurts oder die Frage danach, wie sicher die Stadt ist, in der wir leben, mir zu ernüchternd erscheint, als dass ich ihr in diesem Artikel tatsächlich nachgehen möchte. Lieber will ich mich in meinem eskapistischen Sonntagsritual wiederfinden und mit ein paar Menschen zusammen das Erste einschalten. Wo in Erfurt gibt es also für mich die Möglichkeit, abseits von meinem WG-Zimmer, am Sonntagabend den Tatort zu schauen und die Woche ausklingen zu lassen?

Auf den Spuren des Krimi Public Viewings

Als ich mich in Erfurt auf die Suche nach den Orten begebe, an denen am Sonntagabend gemeinsam Tatort geschaut werden kann, scheint diese zunächst aussichtslos. Entweder hält sich die Tatort Begeisterung unter den Menschen in Erfurt zurück oder das Angebot wird so wenig beworben, dass es nur in den Kreisen der Hardcore-Tatortfans bekannt zu sein scheint. Dieser Eindruck bestätigt sich jedes Mal, wenn ich beginne, über meine persönliche Tatortbegeisterung zu sprechen. Anscheinend ist Tatort Schauen uncool und überhaupt eher etwas, das die Eltern halt sonntags machen, was aber nicht wirklich weiter spannend sein kann. Es wird also Zeit, diese Gedankenmuster aufzubrechen und sich vollkommen auf ein gemeinsames Tatort Schauen einzulassen. Es wäre ein Ort in Erfurt, an dem man im besten Fall auch auf Menschen trifft, die sich außerhalb der Student:innenen-Blase befinden. Denn in genau diesen Kreisen ging es meiner Wahrnehmung nach in den letzten beiden Jahren doch immer wieder um dieselben Podcasts oder die beliebteste Serie für einen Binge-Watch-Marathon.
Im Grunde ist es genau das, was mir am Tatort-Ritual so gefällt, dass man eben nicht weiß, was einen in den letzten anderthalb Stunden der Woche erwarten wird. Ebenfalls untypisch für unser heutiges orts- und zeitunabhängiges Streaming-Verhalten und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der Fakt, dass der Tatort nicht als Vorab-Bereitstellung in der ARD-Mediathek aufzufinden ist. Für mich ein weiteres klares Zeichen, dass wir die Tatort Streaming Orte in Erfurt brauchen, um gemeinsam aus der always-on-demand-bubble rauszukommen!

Nun gut, die erste Spur innerhalb meiner Tatort-Stream-Suche finde ich an einem Ort in Erfurt, an dem ich es am wenigsten erwartet hätte. Fast zufällig springt mir an der Bratwurstbude vom Braugold-Treff am Domplatz ein unscheinbares DIN A4-Plakat ins Auge auf dem steht: „Sonntags Tatort schauen und gemeinsam ermitteln“. Für all diejenigen, die weniger am Bratwurst Geruch und mehr an einem etwas gemütlicheren Ambiente interessiert sind, gibt es die Möglichkeit beim CKB in der Regierungsstraße oder in der Bar im Zum Falken in Weimar sich den Sonntagskrimi anzuschauen. Auch im Kurhaus Simone am Wenigemarkt soll es wohl Tatort Abende gegeben haben, allerdings scheint dieses Angebot gerade nicht mehr aktuell zu sein.

Tatort Schauen im CKB

Es gibt sie also doch, die Orte für ein Tatort-Public-Viewing-Erlebnis in Thüringen und damit auch einen ersten Beweis dafür, dass der feste Termin am Sonntagabend im deutschen Publikum Kult zu sein scheint. Zugegebenermaßen könnte mein Timing für diesen Artikel nicht schlechter sein: einen Appell für das gemeinsame Tatort Schauen in Erfurt auszusprechen und gleichzeitig festzustellen, dass sowohl Tatort als auch Polizeiruf 110 sich seit Anfang Juli in die Sommerpause verabschiedet haben. Aber was soll´s, dann halt nach dem Sommer, wenn sowieso alle wieder aus ihren Ferien ins herbstliche Erfurt zurückkehren werden. Und für all diejenigen, die ich bis hierhin auf unverständlicher Weise immer noch nicht von dem Tatort-Ritual überzeugen konnte, habe ich hier für die Zwischenzeit eine kleine Auswahl der wahllosesten Tatort Fun Facts zusammengestellt.

Von Tatort Fun Facts bis zur Bratort-Grillschürze

Es scheint, als sei durch den Tatort eine richtige Community entstanden. Websites wie wiewardertatort.de und tatort-fans.de werden wöchentlich mit den neusten Tatort-Fakten bespielt, während die Leute raten, welche Stadt ihr Ermittler:innteam in dieser Woche losschickt – Spoiler: Erfurt und Weimar sind es nicht.

Neben einem Tatort-Podcast – natürlich gibt es ihn – der ebenfalls jeden Sonntag erscheint und nicht nur die Fälle der letzten Woche, sondern auch Interviews mit den Schauspieler:innen veröffentlicht, gibt es dann noch die wirklich wichtigen Tatort-Gadgets, zum Beispiel passend zur Sommerpause: die sogenannte Bratort-Grillschürze (Kein Scherz, heißt echt so).
Und wer sich schon immer mal gefragt hat, wem eigentlich die Augen aus dem Tatort-Vorspann gehören, kann selbst das auf Tatort-Fanpages nachlesen. Es handelt sich dabei um einen bayrischen Schauspieler, der für seinen Auftritt damals schlappe 400 DM bekommen hat und deswegen vor einigen Jahren erfolglos gegen die ARD geklagt hat.

Ich denke, wir sind mit dem Tatort-Podcast, der Bratort-Grillschürze und den Wiederholungsfolgen, die in der Zwischenzeit ausgestrahlt werden, gut für die Sommerpause des Tatorts gewappnet. Zumal sie dieses Jahr wohl kürzer als sonst ausfallen wird. Begründet ist das durch die Fußball-WM aus Katar, die diesen Winter im Ersten ausgestrahlt wird, weshalb Tatort-Fans (also ich) mit weniger neuen Folgen rechnen dürfen. Ein Grund mehr darauf zu achten, dass im Winter ein Public Viewing der WM zu boykottieren und die Sonntage für einen Tatort-Abend aufsparen. Der ganz bald, da bin ich mir sicher, auch wieder mit einem Thüringer Ermittlerteam besetzt sein wird.

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