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Der Danni geht uns alle an

Die letzten Bäume im Dannenröder Forst in Hessen, die dem Ausbau der Autobahn A49 im Wege standen, sind bereits vor über einer Woche gerodet worden. Doch der Kampf für eine zukunftsorientierte, nachhaltige Verkehrswende ist noch nicht vorbei. Der „Danni“ steht dabei nicht einfach nur für einen weiteren Wald, dessen Rodung aus klimapolitischer Sicht komplett irrsinnig ist. Der Dannenröder Forst und vor allem der leidenschaftliche Kampf der Aktivisti gegen seine Rodung tragen große Symbolkraft in sich: Erstens, im Jahr 2020, während wir uns mitten in einem globalen Klimanotstand befinden, kann und darf kein funktionierendes Ökosystem mehr für den Ausbau von Autobahnen zerstört werden, ohne dass massenhafter Protest stattfindet. Zweitens, wenn trotz des Pariser Abkommens und trotz massenhafter Proteste 85 Hektar gesunder Mischwald zugunsten des Individualverkehrs gerodet werden, wirft das Systemfragen auf. Diese Rodung ist und war rückwärtsgewandt und passiert unter einer schwarz-grünen Landesregierung, die anscheinend ihr politisches Ziel der Klimagerechtigkeit gerne mal für den Koalitionsfrieden verkauft – Wie kann das sein?

Polizeigewalt ist real und muss benannt werden

Seit mehreren Monaten kämpfen Aktivisti im Dannenröder Wald mit Sitzblockaden, Barrikaden, einfachem vor-Ort-sein, Musik und Sprechchören gegen den Ausbau der A49. Dabei kam es auch mehrfach zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das ist nicht verwunderlich, denn die Lage vor Ort spitzte sich von Tag zu Tag zu, die Konflikte luden sich auf und der Kampf für Klimagerechtigkeit ist ohnehin extrem emotionalisiert – und das ist verständlich. Die Aktivisti setzen sich immerhin für den Erhalt unserer Lebensgrundlage ein, das scheinen viele zu vergessen. Was besonders aufstößt und die Fronten weiter verhärtet, sind vermehrt skandalisierte Berichterstattungen in der Presse (beispielsweise siehe Hessenschau oder Frankfurter Rundschau), die Aktivisti würden gegenüber der Polizei grob gewaltvoll auftreten. Damit werden deren Protestmaßnahmen dämonisiert und das Anliegen der Aktivisti bagatellisiert. Ich will dabei nicht gewaltvolle Übergriffe auf die Polizei legitimieren, in keiner Weise, auch kann man sich über die Durchführung und Sicherheitsgefährdungen der Autobahnblockaden streiten (Wobei man dabei auch die Frage stellen kann, wie man als Umweltaktivist*in überhaupt eine ganze Autobahn blockieren kann. Landwirt*innen können bei Verkehrsblockaden beispielsweise auf Traktoren zurückgreifen. Worauf können Umweltaktvisti zurückgreifen, ohne unglaubwürdig zu wirken? Sicher nicht auf Autos). Es scheint mir jedoch fragwürdig, warum immer auf Seiten der Aktivisti pauschalisiert werden darf und dies auch regelmäßig getan wird. Auf Seiten der Polizei stellt es hingegen das allergrößte Alman-Tabu dar, schlagende, gewalttätige, wütende Polizist*innen zu kritisieren. Nein, es ist nicht deren Job, sich in ihrer staatlich legitimierten Machtausübung zu suhlen und bei Sitzblockaden unbegründet mit Schlagstöcken auf Menschen einzudreschen. Teilweise sogar Journalist*innen zu treten, Sicherheitsseile durchzuschneiden und damit Besetzer*innen in Lebensgefahr zu bringen. Nein, das machen nicht alle Polizist*innen, aber es machen zu viele. Und das auch im Dannenröder Wald.

Und jetzt nochmal zurück – denn dieses ewige Dämonisieren von engagierten Umwelt-Aktivisti und die Verherrlichung polizeilicher Gewaltdurchsetzung führt eigentlich nur zu einem: Diskursverschiebung. Auf einmal geht es nämlich gar nicht mehr um die eigentliche Sache. Den Aktivisti wird die Rolle der aufsässigen Rebell*innen zugeordnet, die nicht arbeiten gehen würden, um sich gegen ein legal durchgeführtes und behördlich abgesegnetes Verfahren zu wehren. Die sollen endlich mal Ruhe geben, der Autobahn-Ausbauplan ist immerhin beschlossene Sache und in letzter Instanz durchgeklagt!
Aber nur weil die Rodung des Waldes auf dem Papier legal ist, ist sie noch lange nicht sinnvoll. Entspricht sie noch lange nicht dem Pariser Klimaabkommen, ist sie noch lange nicht progressiv, noch lange nicht entlang der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Einhaltung des 1,5° Grad-Ziels entschieden worden. Sie ist noch lange nicht moralisch vertretbar und noch lange nicht im Sinne der Klimagerechtigkeit. Der Ausbau dieser Autobahn wurde erstmals schon in den 1960er Jahren diskutiert, die Baugenehmigung steht seit 2012, der Beschluss im Bundesverkehrswegeplan ist von 2016. Seitdem ist aber einiges passiert – 2016 selbst wurde das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. Nur weil diese Autobahn schon seit so vielen Jahren geplant ist, heißt das nicht, dass sie unter allen Umständen erzwungen werden muss – ganz im Gegenteil. Politische und vor allem klimapolitische Verantwortung beinhaltet die kontinuierliche Beobachtung neuer Erkenntnisse und die Einbeziehung der Wissenschaft. Das erfordert mitunter Verwerfung, Anpassung und Neuformulierung infrastruktureller Projekte und einst politischer Einigungen.

Das Stichwort lautet auch hier wieder: Solidarität

Der Dannenröder Forst ist ein gesunder Mischwald und damit besonders klimaresistent, er ist über 250 Jahre alt und führt durch ein Trinkwasserschutzgebiet (in Hessen gibt es bereits mehrere Regionen mit Trinkwassernotstand). Die Aktivisti im Danni kämpfen aber nicht nur für die Erhaltung dieses einzelnen Waldes, sondern für globale gesamtgesellschaftliche Ziele. Für die Erhaltung unserer Lebensgrundlage, für Naturschutz und Artenvielfalt, für sauberes Trinkwasser, für den Schutz von Lebensräumen, für eine zukunftsfähige Verkehrswende – für Wald statt Asphalt.         
Nicht nur in Hessen, in ganz Deutschland haben sich Initiativen und Umweltschutzverbände zusammengeschlossen: Fridays For Future, Greenpeace, das Aktionbündnis ‚Keine A49‘, NABU, BUND, das Bündnis ‚Ende Gelände‘ und zahlreiche andere. Sie alle setz(t)en ein Zeichen und zeigen viel Einsatz im Danni im Kampf für mehr Klimagerechtigkeit und eine dringende Verkehrswende. Bei meinem Besuch im Dannenröder Forst Anfang Dezember waren auch einige Ende-Gelände-Akivisti aus Erfurt anwesend. Jasper Robeck, der für die Grünen im Erfurter Stadtrat sitzt, sowie Laura Wahl, Grünen-Abgeordnete im Thüringer Landtag und andere bekannte Erfurter Gesichter waren zu sehen. Dabei erlebte ich an diesem Tag vor allem Eines: friedlichen Protest. Der Wald eröffnete sich als Begegnungsstätte, als ein buntes Zusammentreffen von jung und alt, als ein Ort der Solidarität. Die Proteste bestehen dabei übrigens nicht nur aus Barrikadenbau und Baumbesetzungen. Sie werden begleitet von Waldspaziergängen, Soli-Kundgebungen und ergreifenden Sprechchören. Wer mehr über die Erfahrungen und Erlebnisse seitens der Aktivisti erfahren möchte, kann sich dazu die Audio-Reportage ‚Inside Dannenröder‘ von Jasper Purwins in Kooperation mit Radio F.R.E.I. anhören.

Mehr als gefällte Bäume

Die Rodung des Dannis ist nicht nur ein Schandfleck Hessens. Er ist nicht mal nur ein Schandfleck Deutschlands. Er steht bildhaft für ein Symptom unserer Zeit auf der ganzen Welt: Die Prioritätenverschiebung zugunsten von Industrie und Wirtschaft, Macht und Geld. Das ist im Lichte bevorstehender Klimakatastrophen nicht nur peinlich, sondern schlichtweg gefährlich. Wir zerstören nach und nach unseren eigenen Lebensraum. Für was eigentlich? Für Komfort, für Geld, für Zeit. Das wir uns dabei gleichzeitig die eigene Zeit auf diesem Planeten rauben, wird auf sonderliche Art und Weise herzlich verdrängt. Wir brauchen eine Verkehrswende, wir brauchen nachhaltige Investitionen und zukunftsfähige Infrastruktur. Das ignorante Augenverschließen vor den großen klimapolitischen Problemen ist nicht mehr zu ertragen. Wie groß ist wohl das Erpressungspotenzial der Lobbyist*innen von Großkonzernen der Autoindustrie?

Der Danni geht uns alle an. Jeder weitere gerodete Wald für den Streckenausbau neuer Autobahnen geht uns alle an. Und dafür sind laut Aktion BUND bis 2030 allein 850 Kilometer geplant. Man kann sich weder auf einem grünen Kreuzchen an der Wahlurne, noch auf den Kauf des ökofreundlichen Waschmittels oder auf seiner veganen Ernährung ausruhen.
Wir müssen wohl alle mal wieder zu einem Spaziergang in den Wald.      
#DANNIBLEIBT

Theresa Zängler

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