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Vorschau: BlacKkKlansman im Unikino

Blackkklansman zu schauen, ist ein bisschen wie die Nacht mit einem guten Wein durchzuzechen. Erstmal ist der Unterhaltungswert groß und die Zeit fließt nur so dahin. Anschließend, am nächsten Morgen, wacht man mit diffusen Kopfschmerzen auf und fragt sich, was eigentlich passiert ist. Wo diese rätselhafte Linie zwischen Fiktion-Imagination und Realität verläuft und was zum Henker das alles für einen selbst und andere zu bedeuten hat.

USA, 1970er Jahre: Der Ku-Klux-Klan wird infiltriert

Auf wahren Begebenheiten beruhend, dreht sich die Story um Ron Stalworth, den ersten schwarzen Polizisten im Colorado Springs Police Department. Das ganze Spektakel spielt also im USA der 1970er Jahre, wobei diese geographischen und zeitlichen Grenzen schnell vom Film selbst marginalisiert werden. Was passiert in kurz: Ron ruft als Polizist beim Ku Klux Klan an, erzählt wie sehr er Schwarze, Juden und Mexikaner hasst, baut so Vertrauen auf und legt den Grundstein dafür, den Club der alten weißen Rassisten zu infiltrieren. Steht Rons Chef dem ganzen anfangs skeptisch gegenüber, überzeugt ihn Ron mit dem nüchtern vorgebrachten Argument: „With the right white men we can do anything“. Was passiert ist also: Sein Kollege Flip gibt sich als Ron aus und fängt an, mit dem KKK Dosenbier zu trinken und Schießübungen zu absolvieren. Ron koordiniert das Unterfangen vom Telefon aus und begibt sich nebenbei in eine Beziehung mit Patrice, einer Aktivistin der Black-Power-Organisation, welcher er seinen Job als Polizist (natürlich) verheimlicht.

„With the right white men we can do anything“

136 Minuten dauert Spike Lees famose Abhandlung der damaligen Vorkommnisse. Ron und die Zuschauenden werden währenddessen konfrontiert mit diversen Formen des Alltagsrassismus, Polizeigewalt gegen Schwarze, rechtsextremen Strukturen und allerlei kranken Denkweisen. Der Film schafft es, die Absurdität rassistischer Ideologien in einigen Szenen pointiert zu komprimieren: So sind die Telefonate zwischen Ron und David Duke, dem Großmeister des KKK, ein besonderer bitter-böser Schmaus. Ron schwärmt von white supremacy und David seufzt freudestrahlend am anderen Ende der Leitung: „I am happy to be talking to a true white American“.

Der Film ist insgesamt aber keinesfalls dokumentarisch oder eine schlicht-seriöse Darstellung der Polizei-Operation, sondern besticht auch durch teils flapsige Dialoge der Marke bittersweet, einem Set von kernigen Charakteren (besondere „Freude“ macht da Jasper Pääkkönen als Ober-Nazi), dem spannungsreichen Verlauf und epischer Musik (überraschenderweise nicht darunter: „This is America“ von Childish Gambino). Da kann die sich von Liebes-Klischees zehrende „Du musst dich entscheiden-Wer bist du wirklich“-Beziehung von Ron und Patrice auch verschmerzt werden. Ins Liebesfilm-Genre wird dieser Film – trotz feuilletonistischer Jungfräulichkeit des Ungleich-Magazins – ja eh nicht eingeordnet.

America first, Anschlagsplanung und Uniform-Aufmärsche

Die große Stärke des Films liegt in seiner beißenden Aktualität und den daraus folgenden Implikationen. Vom „America first“ der damaligen Nixon-Zeit über das irrationale Angstgefühl alter weißer Männer, die im kleinen Kreis in zwielichtigen Kellern Bier-Billard-Anschlagsplanungs-Treffen abhalten, bis hin zu rechten Uniform-Aufmärschen. Der gewohnte „Ach ja, Amerika halt…“- Seufzer, der das Schauen der meisten US-Produktionen über bedenkliche Gesellschafts-Zustände erträglich macht, will hier nicht so recht entweichen. Zu schockierend ist die Überlegung, dass das alles halt nicht nur Fiktion ist. Zu real die Parallelen zu Entwicklungen in Deutschland und anderswo.

Lullt der Film einen zwischendurch dann doch etwas in den seichten Unterhaltungswogen der Fiktion ein, rüttelt er am Ende noch mal mächtig auf. Macht wach, wird ungemütlich. Den Kopfschmerz des nächsten Morgens müssen wir ertragen, besser noch: bekämpfen. Etwas tun gegen das, was passiert ist und gerade immer noch passiert. Denn dazu ruft der Film letztlich auch auf: zum Handeln.

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