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Café Paul – ein Stück Ambazonia in Erfurt

Orte zum gemütlichen Zusammensitzen, Kaffeeschlürfen oder für den einen oder anderen Klönschnack sind in Erfurt nicht wie Sand am Meer. Eher wie die Nadel im Heuhaufen und da ist es nicht überraschend, dass immer wieder die üblichen Cafés, Bistros oder Restaurants aufgesucht werden (liebe Grüße an dieser Stelle an unseren liebsten Samuel).

Genau deshalb haben sich Helen und Ich vor ein paar Wochen auf den Weg in das Café Paul, einem westafrikanischen Bistro unweit der Predigerkirche, gemacht, um uns dort mit Julius Tantoh zu treffen. Julius ist ein lebensfroher und wie wir feststellen mussten, viel beschäftigter Mensch, denn ihn einmal zu erwischen, hat sich ein wenig schwieriger gestaltet als gedacht. Das liegt aber vor allem daran, dass er ein sehr beliebter Mann zu sein scheint und viele Menschen gerne bei ihm sind, um in seinem Bistro eine Kleinigkeit aus Westafrika zu essen. „Meine Gäste sollen sich bei mir wie zuhause fühlen“ und das tun die meisten vermutlich auch, denn seine offene und willkommene Art ist ab Sekunde 1 einnehmend, genau wie sein Café: in dem erst im letzten Jahr eröffneten Bistro spielt leise westafrikanische Musik, an den Wänden hängen Bilder und Tücher, die an Afrikanische Länder südlich der Sahara erinnern und auf den Tischen liegen bunte Stoffe. Julius sieht sich selbst als Botschafter Afrikas, denn „viele denken, dass Afrika ein Land ist“ – vor allem ein Land, dass trotz der Diversität und dem simplen Fakt, dass es sich um einen Kontinent handelt, hauptsächlich nur mit negativen Konnotationen belastet ist. Deshalb wollte er in Erfurt einen Ort der Begegnung schaffen, um mit Menschen über sein Afrika zu sprechen, Vorurteile zu beseitigen und Aufklärung zu leisten, denn “Afrika braucht den Respekt, den es verdient”.

Julius Tantoh – Betreibt das Café Paul.

Afrika braucht mehr den Respekt, den es verdient.

Julius ist eigentlich vom Beruf Luft- und Raumfahrt Ingenieur, der Ende 2004 aus Kamerun aufgrund seiner Liebe zu einer Frau nach Bayern gekommen ist. Sein Job hat ihn dann nach Thüringen und schließlich Erfurt geführt. Da er aber nicht nur seine Arbeit als Ingenieur liebt, sondern auch gerne mit Menschen arbeitet und glaubt, dass gerade der Austausch von verschiedenen Kulturen einem Menschen so viel geben kann, hat er am 01. Dezember 2018 in dem alten Gemeindecafé der Predigerkirche das westafrikanische Bistro Café Paul eröffnet. Den alten Namen habe er behalten, da “Paul auch Afrika ist” und hier so viel Geschichte entstanden ist. Es wurde auch nicht viel verändert, nur eine neue Bar hat er einbauen lassen. Julius mag es hinter der Theke zu stehen und über ein kleines Kaltgetränk mit Menschen zu sprechen. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass er aber auch oft vor der Bar zu finden ist.

Auf die Frage, wie er dazu kam, dieses kleine Bistro im Herzen von Erfurt aufzumachen, sagte er: “Das ist der beste Teil”; denn, neben Flugzeugen und Menschen, liebt Julius auch das Kochen und Essen. Also gibt es im Café Paul die berühmtesten traditionellen  westafrikanischen Gerichte, ja auch Fufu (kleine Empfehlung von Helen am Rande). Schon früh hat er in dem Restaurant seiner Eltern ausgeholfen und seit er acht Jahre alt ist, steht er auch gerne selbst am Herd. „Ich selbst bin mein bester Kunde“ – jedes Essen muss daher perfekt sein, sonst kommt es nicht auf den Teller. Ein liebstes Essen hat er jedoch nicht, “mein liebstes Essen ist einfach etwas, was perfekt gekocht ist” und da ist es egal, ob deutsch oder westafrikanisch. Er würde eher “vom Fleisch fallen, als schlechtes Essen zu essen.” Wie er Familie, Bistro und seinen Beruf unter einen Hut bekommt, sei ganz einfach: “Ein Tag hat 24 Stunden, die muss man nur richtig einsetzen”. Trotzdem macht er uns klar, dass gerade Familie und Freunde sein Fundament sowie sein höchstes Gut sind.

Seine selbstauferlegte Hauptaufgabe ist jedoch, einen neutralen Raum zu schaffen, in dem er über Afrika reden kann.  Das Bistro scheint also eher als Mittel zum Zweck, denn hiermit mache er kein Geld. Auf die Frage, aus welcher Region Kameruns er kommt, der anglophonen oder francophonen, antwortete er mit “I am from Ambazonia”. Die meisten haben wohl noch nie davon gehört, denn Ambazonia ist (bis jetzt) noch kein anerkannter Staat. Ambazonia ist ein von oppositionellen anglophonen Kamerunern geschaffener Name, der das Gebiet der ehemaligen britischen Verwaltungszone (Northwest und Southwest) beschreibt. Von 1884 bis nach dem Ende des ersten Weltkrieges war Kamerun eigentlich eine deutsche Kolonie. Wie er uns erklärte, hat Bismarck ein paar seiner Freunde zu sich nach Berlin auf einen Kaffee eingeladen und festgesetzt, dass dieser Teil nun zu Deutschland gehöre und die Länder nun so heißen, wie wir sie heute kennen. Charmante Vorstellung. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Land 1919 jedoch im Zuge der “London Declaration” des Völkerbundes auf Großbritannien und Frankreich aufgeteilt, wobei 80% des ehemaligen deutschen „Kameruns“ zu einer französischen, 20% des Gebietes zu einer britischen Verwaltungszone erklärt wurde. Ab diesem Zeitpunkt sahen sich die Bürger des ehemaligen Deutschen Kolonialgebiets völlig unterschiedlichen kolonialen Praktiken und Institutionen ausgesetzt.

By Roke – Self-made based on public domain CIA map Image:Cameroon Map.jpg, original svg file located here., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=938868

Sie haben angefangen uns zu assimilieren. Aber das war nicht alles.

Auf Grundlage dieser Unterschiede entwickelten die beiden Regionen über Jahrzehnte diverse Identitäten. Im Jahr 1960 wurde der französische Teil Kameruns von Frankreich als unabhängig erklärt, woraufhin ein Jahr später eine von den Vereinten Nationen organisierte Volksabstimmung über die Zukunft des anglophonen Teils gehalten wurde. Den anglophonen Bürgern wurden vor die Wahl gestellt, ein Teil Nigerias zu werden oder sich mit dem französischen Teil Kameruns wieder zu vereinigen. Ein eigenständiger Staat zu werden, stand nicht zur Debatte. Am 11. Februar 1961 wurde für die Wiedervereinigung mit Kamerun gestimmt. Die anglophone Elite erhoffte sich eine Erhaltung der eigenen Identität, welche durch den konstitutionell festgesetzten Föderalismus erlangt werden sollte. Dennoch wurden die Erwartungen nicht erfüllt, denn der erste Präsident Ahmado Ahidjo und sein Nachfolger Paul Byia, welcher das Amt des Präsidenten seit 1982 innehat, demontierten den konstitutionellen Föderalismus über die Jahrzehnte immer wieder. “Es gibt keine Bewegung. Die Straßen sind kaputt, die Schulen sind kaputt” – keiner hat Interesse, etwas zu ändern. Kamerun entwickelte sich zu einem zentralen Staat, der die politische Repräsentation der anglophonen Bevölkerung untergrub. Dies generierte ein gewisses anglophones Bewusstsein, welches von Marginalisierung, Assimilation und Ausbeutung durch den französischen Teil Kameruns geprägt ist. “Sie haben angefangen uns zu assimilieren. Aber das ist nicht alles: sie diskriminieren uns, respektieren uns überhaupt nicht und nennen uns Ratten und Mäuse. Ich bin selbst davon Opfer geworden.”

Seit jeher ist von einem “anglophonen Problem” die Rede, welches in der Zeit der Kolonialisierung entstand und die Unzufriedenheit der anglophonen Minderheit in Bezug auf die Verteilung der politischen und wirtschaftlichen Macht, die institutionellen Strukturen der Gesellschaft, das Bildungssystem und das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten beschreibt. Dies wurde über Jahrzehnte von der Regierung ignoriert und jegliche Form von oppositionellen Aktivitäten unterdrückt. Jedoch eskalierte die Situation im Oktober 2016 und seit nun mehr als drei Jahren herrscht ein, fernab von der europäischen öffentlichen Aufmerksamkeit, Bürgerkrieg in diesem Land. Ein friedlicher Protest von Richtern und Lehrern, die die Revision des Rechts- und Bildungssystems verlangten, wurde militärisch niedergeschlagen. Verschiedenste Oppositionsgruppen formierten sich, von Aktivisten, die sich für die Rückeinführung des Föderalismus einsetzen, hinzu Separatisten, die einen eigenständigen Staat namens “Ambazonia” fordern. Beide Seiten, sowohl Regierung als auch separatistische Gruppierungen, begehen seit jeher Menschenrechtsverletzungen, die internationale Gemeinschaft schaut zu. Der Krisenbericht der Vereinten Nationen berichtete, dass bis Januar 2019 vier Millionen Menschen vom Bürgerkrieg betroffen sind. 1,3 Millionen waren oder sind auf Hilfeleistungen angewiesen, 470,000 wurden zu Binnenvertriebenen und über 2,000 Menschen wurden getötet. Über 170 Dörfer wurden zerstört und seit mehr als drei Jahren sind Schulen in den anglophonen Gebieten geschlossen, was unabsehbare Folgen für die jüngeren Generationen mit sich bringt.

All das geht Julius womöglich jeden Tag durch den Kopf. Seine Eltern sind noch in Kamerun, auch andere Verwandte und Freunde haben nicht die Möglichkeit, dieses Land zu verlassen. Und kein Ende ist in Sicht, trotz eines von der Regierung im Oktober 2019 initiierten “National Dialogue”. Die anglophonen Bürger haben sich an die von der Regierung auferlegten Ausgangssperren und von den Separatisten eingeführten “Ghost Towns”, Tage, an denen niemand sein Geschäft öffnen, geschweige denn das Haus verlassen darf, gewöhnt. Sie stehen zwischen der Administration und den Rebellen und hoffen vor allem, dass der Krieg sobald wie möglich beendet wird. Es gibt so viel mehr über die Situation in Kamerun zu erzählen, von der alltäglichen Marginalisierung bis hin zu systematischen. Geschichten von Menschen, die sich durch die Kolonialisierung der europäischen Länder und den künstlich gezogenen Landesgrenzen nun im Chaos wiederfinden. Einzelne Schicksale, die in diesem Artikel nicht den angemessenen Raum und Platz finden. Aber es findet Platz im Café Paul, durch Julius, der all dem ein Forum gibt.

Nicht nur in Erfurt, sondern auch in Kamerun versucht er alles, um Raum für Diskussion und Bildung zu generieren. Deshalb hat er mit seiner Frau das Projekt MendaHouse e.V. in Bamenda ins Leben gerufen. Dort gibt es Lernräume, Räume zum Arbeiten sowie eine kleine Bibliothek. Er möchte allen einen Zugang zu Bildung ermöglichen, denn das ist nicht selbstverständlich in Kamerun, vor allem in Zeiten des Bürgerkriegs.

Links zum Thema Kamerun und dem aktuellen Bürgerkrieg:

https://www.hrw.org/world-report/2019/country-chapters/cameroon

https://www.crisisgroup.org/africa/central-africa/cameroon/272-crise-anglophone-au-cameroun-comment-arriver-aux-pourparlers

https://ambazonia.org/en/about/republic-of-ambazonia/history

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