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Kreativ durch die Krise

Es scheint langsam mehr und mehr Normalität in das öffentliche Leben zurückzukehren. Schlendert man heute durch die Erfurter Innenstadt, scheint sich das Bild kaum mehr von Prä-Corona-Zeiten zu unterscheiden – mal abgesehen von den Masken. Die Menschen haben sich an die Auflagen gewöhnt, gehen wieder shoppen und besuchen so langsam wieder Cafés und Restaurants. Und auch obwohl sich alles wieder zu normalisieren scheint, sieht es hinter den Kulissen doch etwas anders aus – besonders im Gastronomiebereich. Hier wird nichts so schnell wieder normal seinen Lauf gehen. Im Gegenteil, die Folgen der Krise werden sich hier noch für eine deutlich längere Zeit bemerkbar machen – Auftritte von Tim Mälzer bei Tagesthemen und Co. haben das verdeutlicht. Betriebe hier in Erfurt sind davon nicht ausgenommen. Die vorübergehenden Schließungen stellen alle langfristig vor große Herausforderungen.

Aber viele steckten während der unfreiwilligen Pause den Kopf nicht in den Sand, sondern ließen sich kreative Konzepte zur Überbrückung der Schließung und nun auch zur Wiedereröffnung unter Auflagen einfallen. Einer, der besonders viel Einfallsreichtum gezeigt hat, ist Ronny Lessau, Besitzer der KreativTankstelle (KT) und Mitbegründer des WirGarten Erfurt. Die KT ist eine beliebte Anlaufstelle für Studierende sowie Location für Firmenevents, HSG-Treffen und alle möglichen weiteren Veranstaltungen. Ich habe ihn und Linda, ebenfalls seinerzeit Mitstreiterin im WirGarten und Mitarbeitern in der KT, getroffen und mit ihnen über ihre Lage gesprochen.

„Du stampfst sowas hier ja nicht aus dem Boden, um das von einer Krise wieder wegpreschen zu lassen“ – Linda

Die KreativTankstelle hatte von März bis Mai offiziell geschlossen – doch von Stillstand konnte hier keine Rede sein. Bereits kurz nach der zwangsweisen Schließung von Geschäften und Restaurants hat Ronny mit seinem Team fleißig Pläne geschmiedet, wie sie die Zeit am besten überbrücken könnten. „Wir haben die Zeit genutzt, um viele Dinge zu erledigen, die wir eh machen wollten – darunter ein paar Erneuerungen wie ein dekoratives Pflanzenregal und ein Graffiti Kunstwerk von Dr. Molrok sowie die Erstellung eines digitalen 360°-Rundgang“, erzählt Ronny. Dazu kam noch, dass nur zwei Wochen nach offizieller Schließung die Einkaufshilfe Erfurt die KT bezog und sich dort ihr Telefonbüro einrichten durfte.

Bilder: @nohiddenplace

Ronny: „Ich bin dann auch offen für solche Projekte, die in so eine Zeit, wo Stillstand ist, ein gewisses Maß an Bewegung wieder reinbringen. Wenn man offen bleibt für Ansätze, kann man auch weiterhin Aufmerksamkeit generieren und mit der Fahne schwenken: ‚Hey, wir sind noch da. Uns gibt es noch, auch während der Krise und hoffentlich auch danach‘. Letztlich gab es ja auch einen TA-Artikel, einen MDR-Beitrag und natürlich war es auch ein tolles Projekt, das man unterstützt hat und gut findet. Insofern waren das ein paar Ansätze, bei denen man sagen kann, dass es dafür, dass wir eigentlich komplett zu sein mussten, eine schöne Zwischenlösung war, um das Leben in der Bude zu behalten.“ 

Und das war noch nicht alles: Zu diesen Projekten in der KT selbst kam noch die Anschaffung einer mobilen Kaffeestation dazu, sowie der Ausbau eines Zirkuswagens für den KreativGarten auf dem Petersberg während der BUGA. Die mobile Kaffeestation kam bereits bei der Eröffnung des Reservoir Ateliers unweit von Klein Venedig zum Einsatz und ist jetzt am Nordpark stationiert. Sie war dabei nicht nur ein Projekt, mit dem wieder Umsatz generiert und Werbung gemacht werden konnte, sondern auch eine schöne Gelegenheit, um endlich mal wieder Kaffee zu machen. Außerdem war es auch eine Idee, die schon länger im Raum stand. Damit sieht sich Ronny schon einen Schritt weiter als vor der Krise:

„Jetzt haben wir eine mobile Kaffeestation, die man sowohl für Events vermieten als auch am Wochenende mal irgendwo hinstellen kann, auf den Markt oder so. Insofern ist das ein cooles Ergebnis. Man hat geschaut, wie es weitergehen und was ein Lösungsansatz sein könnte, und am Ende kommt noch eine Verbesserung raus im Vergleich zum Stand vor der Krise.

Das Motto hinter all den Projekten lautet also:

„Warum nicht jetzt, wenn sowieso nichts zu tun ist im Laden. Warum nicht Projekte voranbringen, die uns später nützen. […] Wir konnten noch nie so viel gestalten wie jetzt im Moment. Wenn du jetzt out-of-the-box denkst und ein bisschen mutig bist, kannst du auch ganz neue Regeln definieren. Du kommst raus aus dieser Anpassung, die sonst der Status Quo war, die nichts anderes zugelassen hat. Es ist also auch eine interessante Zeit!“

Dieser anhaltende Tatendrang und die sprudelnden Ideen hielten und halten dabei die KreativTankstelle inklusive ihrer Mitarbeiter*innen am Laufen. Für Linda war die Schließung zwar mit viel Unsicherheit und Unbehagen verbunden, „doch dadurch, dass Ronny wirklich so viele Eisen im Feuer hat, habe ich mich trotzdem ein bisschen sicherer gefühlt“. Dieser sagt dazu: „Ich denke immer eher an Möglichkeiten. Der WirGarten war für uns auch immer der Garten der Möglichkeiten, die KT ist der Raum für Möglichkeiten. Ich sag mir immer, es wird schon weitergehen. Die Frage ist nur wie.“

„Das sind schon Existenzängste“ – Linda

Der Ernst der wirtschaftlichen Lage lässt sich trotzdem nicht verleugnen. „Wir rechnen mit einem Umsatzeinbruch von 70% bis zum Jahresende seit dem Corona-Ausbruch. Das ist eine relativ realistische Einschätzung“, so Ronny. Das Geschäftsmodell der KT basiert zu 50% auf Veranstaltungen und zu 50% auf dem Cafébetrieb.

Ronny: „Von den 50% welche auf den Veranstaltungsbereich fallen, kann man jetzt erstmal davon ausgehen, dass die dieses Jahr zu einem sehr großen Bestandteil wegbrechen werden. Selbst wenn wir beispielsweise eine Weihnachtsfeier wieder machen dürfen, wird es viele Unternehmen geben, die jetzt erst einmal auf die Bremse treten, was die Ausgaben angeht. Wir wissen halt alle nicht, wo die Krise hinführt. Insofern gehen wir davon aus, dass das Event-Business ziemlich hart wegbrechen wird für dieses Jahr.“

Auch der Cafébetrieb ist nicht so gut angelaufen, wie erhofft. „Dieser Öffnungseffekt, den man sich erhofft hatte, der ist relativ verpufft. Es war jetzt nicht so, dass es hieß: ‚Ah ja die Kneipen haben wieder offen und alle stürmen los. Der Mensch ist erst mal verhalten, muss sich mit der neuen Situation arrangieren und das birgt halt viele Unsicherheiten.“

Es ist nicht absehbar, wann Veranstaltungen nachgeholt werden können – trotzdem wurden 95% der Buchungen der KT für dieses Jahr nicht abgesagt, die Anzahlungen nicht zurückverlangt. Für Linda und Ronny ein tolles Zeichen der Solidarität, für das sie sich ausdrücklich bedanken möchten. Zusätzlich sind sie auch der Meinung, dass. wenn Veranstaltungen im kleinen Rahmen wieder möglich sind, die KT noch einer der geeignetsten Orte dafür wäre, da man hier exklusiv sein kann. Diese Nische müsste nur ordentlich organisiert und kommuniziert werden.

Interessant ist hier natürlich auch die Frage nach Hilfe von offizieller Seite: Von Seiten der Stadt wurden laut Linda beispielsweise die Kosten für die Außenbestuhlung in der Innenstadt erlassen. Weiterhin wurden von Seiten der Kulturdirektion die Fristen zur Umsetzung eingereichter Kultur-Förderprojekte verlängert, an welchen Ronny teilweise beteiligt ist. Bis ins erste Halbjahr 2021 seien die Projekte somit noch umsetzbar. Insofern würden keine kulturellen Projekte erstickt, sondern neue Konzepte erdacht und bewusst digitale Abwandlungen gefördert. Und dann gab es noch Hilfe von Land und Bund.

Ronny: „Hilfe im Rahmen der Corona-Soforthilfe haben wir beantragt und bekommen. Wenn man so allgemein für die Kunst und die Kultur spricht, hört man Verschiedenes. Viele haben die Hilfen bekommen, einige aber auch nicht. Es handelt sich dabei um eine Einmalzahlung von 9.000 € – die reicht natürlich nicht für ewig, aber damit kommst du für drei bis vier Monate über die Runden. Das ist schon toll, dass es sowas gibt.“

Jedoch würde diese Soforthilfe das Problem nur verlagern: „Durch diese Soforthilfen halten einige Unternehmen erstmal noch durch, aber der große Crash kommt erst noch. Was uns jetzt betrifft, mit diesem langfristigen Verdienstausfall, ist, dass Leute weniger in die Gastro gehen, dass sich der Anstieg der Besucher ganz langsam ziehen wird. Und wenn es dann September, Oktober wird und die Grippewelle wieder zurückschwappt, es wieder heißt: ‚Bleibt alle zu Hause‘ – das wird die meisten killen. Und das trifft jetzt nicht nur auf die Gastro zu, das trifft Kinos, Theater… das trifft alle. Viel massiver als wir das aktuell sehen. Das gilt es zu vermeiden. Da muss man schauen, wie man sich jetzt schon darauf vorbereiten kann. Vielleicht haben wir Glück und das kommt nicht, aber wenn es kommt, sollte man dann nicht so tun, als ob man von nichts wusste.“

„Sonst kommen wir ja gar nicht mehr in den kulturellen Austausch!“ -Ronny

Was Ronny und Linda sich schließlich besonders wünschen, ist, dass mehr Solidarität und Zusammenhalt entstehen – zwischen den Menschen und auch innerhalb der Erfurter Kulturszene.

Linda: „Generell war Erfurt untereinander für Veranstaltungen und vernetzungstechnisch schwierig. Es hatten immer alle die Ellbogen draußen. […] Ich glaube aber, dass die jetzt ein bisschen eingefahren werden und ein bisschen mehr Miteinander möglich ist. Dass man sich auch mal mit den Veranstaltungen abspricht und sich organisiert. Kein*e Kulturschaffende*r hat, gefühlt, einem anderen vorher was gegönnt und ich denke, dass vielleicht jetzt auch Veränderung passiert und die Leute mehr zusammen machen. Dass dieses Konkurrenzdenken wegfällt.

Und ich hoffe auch, dass diese Situation was mit den Menschen macht. Dass man hier mal mehr an die anderen denkt, dass das Miteinander ein bisschen mehr entsteht. Wäre schön, wenn nicht jeder rechts und links zumacht, sondern auch mal guckt, wie es den anderen geht. Ich bin da auch zuversichtlich! Wir sollten den Zeitpunkt nutzen, um das Regal auszukehren, Staub zu wischen und mal andere Dinge reinzustellen – da hoffe ich drauf.”

Bilder: @nohiddenplace

Was Ronny sich in diesem Zuge auch wünscht, ist eine gesellschaftspolitische Debatte über die Genehmigungs- und Beschwerdekultur bei Kulturveranstaltungen, in der KreativTankstelle wie auch außerhalb davon. Insbesondere wenn es um den Lärmschutz geht, ist es in Deutschland bekanntlich ja alles andere als entspannt. Gerne rufen die Leute direkt beim Amt an, statt sich zunächst mit den Veranstalter*innen in Verbindung zu setzen. Wenn man aber direkter miteinander kommunizieren würde, wäre es auch einfacher direkt zu reagieren und Kompromisse zu finden.

Es ginge jetzt darum, Solidarität gegenüber den Gastronomiebetrieben und der Kultur zu zeigen, denn genau für sie sei es jetzt besonders schwer. Gerade jetzt und in Zukunft seien Veranstaltungen der Weg, um die entstandenen Verluste teilweise wieder auszugleichen.

Ronny: „Wir wollen nicht, dass es heißt: ‚Okay, wir haben die Krise jetzt teilweise überstanden und sind genauso spießig wie vorher‘. Sondern dass man zusammenfindet und sich nicht nur mit sich selbst beschäftigt. Wir haben doch jetzt gezeigt, dass wir das als Gesellschaft gut können, aufeinander achtzugeben – dann lass uns das doch mal in anderen Bereichen versuchen! Wenn man jedem ein bisschen mehr zugesteht und mehr Freiheiten anvertraut, dann ist doch auch jeder wiederum bereit, sich aus seiner Komfortzone herauszubewegen und dem anderen entgegenzukommen. Wenn das immer nur in eine Richtung geht, führt das in ein Ungleichgewicht.

Das wäre mein Schlussappell, mein Wunsch aus dieser Zeit heraus: Dass man auch ein bisschen gesellschaftliche Solidarität in die andere Richtung erfährt. Wir müssen von dieser schwarz-weiß-Front weg.“

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