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„Ich quäle niemanden“ – Geschmack und seine Losigkeit in der ErFruit Smoothiebar

Das ungleich magazin versteht sich als Verfechter der hip-hybriden Neohausmannskost: ein Kaffee-Remix, der schmeckt als käme er direkt aus dem Studio deines Lieblings-DJ, oder die Verteidigung der guten Brötchensitte. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass wir uns mit dem Neusten beschäftigen, was der Erfurter Nouvelle Cuisine eingefallen ist. Wir wagen uns an den Bratwurstsmoothie (BWS) – der jedoch, wie sich heraustellen sollte, nicht das einzige ist, was in der ErFruit Smoothiebar geschmacklos ist.

Wir bekamen den Tipp von einem Kontaktmann in die Szene. Ein Getränk wie eine Offenbarung, neu gedachte Tradition. Der Ort des Geschehens: Die ErFruit Smoothiebar.

Sebastian, der Smoothie-Grillmeister unserer Wahl, erzählt uns, dass der Smoothie eigentlich am Tag nach unserem Besuch hätte abgeschafft werden sollen – versteht unseren Besuch aber als glückliche Fügung und entscheidet kurzerhand ob des Medienrummels, den Smoothie doch auf der Karte zu lassen. Gern geschehen, Erfurt. Grund für den eigentlich geplanten Produktionsstopp: bisher wurde der Smoothie erst etwa fünfmal bestellt – Sebastian spricht von einer Nische. Dabei sind die Thüringer doch so experimentierfreudig?!

Die Idee ist klar vorwärtsgedacht. Sebastian erzählt uns von einer Beobachtung – diese Welt ist irrational und spontan, aber eine Gesetzmäßigkeit sticht ihm ins Auge: Kinder essen Brei, Rentner auch – warum also zwischendrin aufhören? Mahlzeiten pürieren ist der logische Schritt, sagt er. Angela, die Kinderkrankenschwester vom Nachbartisch, stimmt euphorisch zu: „Ich möchte nicht kauen, ich möchte aber satt werden – na bitte!“. Sebastian ist Wohltäter, deshalb wird der BWS mit veganer Bratwurst zubereitet. „Ich quäle niemanden“, sagt er.

Während wir Sebastian an der Theke über den Bratwurstsmoothie ausfragen, bemerken wir neugierige Blicke von einem der Tische. Und tatsächlich kommt Christine vom Tisch am anderen Ende des Raumes auf uns zu, als wir uns hingesetzt haben. Bezaubert vom wohligen Duft der geschredderten Bratwurst in unserem durchfallfarbenen Getränk ist sie unverhohlen interessiert an unserer Errungenschaft. Und auch Angela kann ihr Interesse nicht länger verbergen und sucht den Kontakt – beide wollen gern probieren. Man fragt sich: was genau ist der Verkaufshemmer? Der Smoothie weckt offenbar Interesse ganz ohne Testimonials, allein der Name ist in der Lage, den inneren Genusskompass so sehr ins Schlingern zu bringen, dass man tatsächlich interessiert an eingebreiter Bratwurst ist. Unsere kleine Fallstudie beweist empirisch, was die Logik schon lange erahnen lässt: Der Bratwurstsmoothie hat das Potential, die Massen zu erreichen.

So sieht der Schlawiner aus

Zu viert also bilden wir die Jury, die dem Bratwurstsmoothie auf den Zahn fühlt. Das Getränk wird, wenn man zum Dableiben bestellt, mit dünnen Glasröhrchen an den Tisch geliefert, die wohl zum Trinken gedacht sind. Gut gemeint, aber tatsächlich muss man etwa den Innendruck einer starken Teichpumpe aufbringen, um den Sumpf aus dem Glas tatsächlich in den Mund zu chauffieren.


Das Jury-Urteil

Angelehnt an den Mensa Jürgen-Gaumenkodex © ist hier der Analysemaßstab, an dem wir den BWS messen:

Aussehen: Wie heller Fettstuhl und erbrochenes Müslifrühstück, liebevoll vermengt zu sumpfiger Grütze. Wenn man seine Fantasie aufs Maximale strapaziert, kann man die Farbe mit hellem Hummus vergleichen.

Aggregat/Haptik: Gut mit dem Wort „Pampe“ beschreibbar. Belegt die Zunge, wenn man es geschafft hat, ihn durchs Rohr zu quetschen. Wir maßen uns nicht an, für alle Thüringer zu sprechen – wir waren aber davon ausgegangen, dass die Bratwurst tatsächlich der finale Aggregatzustand der Bratwurst ist. Der Bratwurstsmoothie verfolgt einen progressiven Gedanken, schlägt aber den Rückwärtsgang in Richtung Urzustand seiner Elemente ein. Vermutung: ist nicht im Ausfluss runterspülbar.

Geschmack: Jeder Versuch, den Geschmack des BWS zu verbalisieren muss kläglich verenden. Das gesamte Konzept „Erwartungen“, das sich langer Zeit großer Beliebtheit unter Feinschmeckern erfreute, muss hiermit zu Grabe getragen werden.

Nutzen: Ist wohl in der Lage, Traditionsverliebte und Progressive unseres Planeten zurück an einen Tisch zu bringen. Zu Zeiten, in denen sich die Gemüter mehr und mehr spalten, ist die Meinung zum BWS wohl der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich immer einigen können wird. Führt außerdem vielleicht gut ab (?).

Bilanz: Gewagt, sämig, suppig, verunsichernd, zungenbepelzend, magenfüllend, sinnesbeleidigend, aggregatsunentschieden, zwischen Getränk und Kaubarem spagatierend.

4.5/5 Sterne auf der „watt haste aufn langen Dienstachabend sonst zu tun“-Skala.

An dieser Stelle könnte der Artikel sein wohlverdientes Ende finden. Neben der Theke jedoch weckt etwas anderes unsere Aufmerksamkeit: ein Plakat schmückt die grau betonierte Wand und preist die Heilkräfte von Chlorophyll an:

Chlorophyll “kann zehnmal wirksamer gegen Krebs als Chemotherapie”

Wir sind begeistert, Chlorophyll scheint ein wahrer Jungtrunk zu sein! Wir lernen: Chlorophyll wirkt zehnmal besser gegen Krebs als Chemotherapie. Zur Art der Einnahme steht da nichts, aber wir vermuten, dass die Einnahme für maximale Wirksamkeit in Smoothieform erfolgen muss. 2019 macht auch nicht vor der Medizin halt. Wir bestellen also noch den Smoothie mit dem meisten Chlorophyll dazu, sicher ist sicher und Krebs finden wir wirklich ein bisschen unheimlich. Nachdem wir den Bratwurstsmoothie schon kostenlos bekommen haben, bestehen wir aber darauf, den Jungbrunnen selbst zu zahlen – wir wollen den unabhängigen Journalismus leisten, an den Sebastian erklärtermaßen nicht mehr glaubt.

Das ist Chlorophyll

Wir sind interessiert, erinnern uns, dass wir Journalisten sind und fragen nach. Sebastian erleuchtet uns – im Gegensatz zur Chemotherapie zerstört Chlorophyll wohl keine Zellen. Leuchtet ein. Wie Chlorophyll aber nun Krebs heilen kann, und dann auch noch zehnmal besser als die Chemotherapie, das kann uns Sebastian auch nicht so richtig erklären, aber er verspricht uns: es gibt ganz viele Studien die beweisen, dass Chlorophyll besser ist als Chemotherapie. Ein Jammer, dass sie alle von der Pharmaindustrie unterdrückt werden – Gesundheit könnte so einfach sein. Heilaussagen dürfen aber leider nur von den großen Medikamentenherstellern gemacht werden, Chlorophyll hat keine Lobby. Praktisch für Sebastian: Rasen mümmeln taugt nicht zur Vorsorge. Damit der Körper das Chlorophyll nutzen kann, braucht es eine gute Saftpresse oder, sagen wir, einen Smoothie. Wir sind erleichtert, wir haben ja Gott sei Dank mit dem Kauf unserer Chlorophyllbombe offenbar alles richtig gemacht. Rauchen dürfen wir trotzdem nicht, sagt Sebastian, das löst dann doch Krebs aus. Hm? „Frag nicht nach, schlürf!“, sagt der kleine Mann im Kopf. Schmeckt ja leider auch wirklich gut.

Erphyllt verlassen wir den Laden. Dass Krebskranke ihre Krankheit in Zukunft trotzdem nicht mit püriertem Weizengras zu kurieren gedenken, wünschen wir Sebastians gutem Gewissen trotzdem. Wer Chlorophyll tatsächlich als erfolgreiche Therapiemethode für Krebs proklamiert, läuft Gefahr, sich Menschenleben aufzulasten – und gegen die Gewissensbisse wird wohl kein Smoothie helfen.

Wir jedenfalls sind bereichert, haben etwas erlebt. Mit dem Bratwurstsmoothie sichert Thüringen sich für eine Zukunft ab, in der Menschen auf weltliche Dinge wie Tradition oder gesundes Zahnwerk nicht mehr angewiesen sind. Die Bratwurst wird zum Schauplatz postmaterialistischer Tektonik, mit der ErFruit Smoothiebar an vorderster Front.

ZUSATZTIPP:

Auf die Überlegung, wie man diese dummen Glasröhrchen saubermacht, antwortet Angela: „vermutlich mit kaltem Wasser, da löst sich Eiweiß am besten“. Unverhofft was dazugelernt für die WG-Spüle – Eiweiß löst sich schwerer bei warmem als bei kaltem Wasser (abgefahren!).

ZUTATENLISTE:

-Muskat
-Karamalz
-Brötchen
-Petersilie
-angebratene vegane Bratwurst
-Senf (Born-)

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