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Kurz erklärt: Was kann Rap aus Erfurt?

Bushido, SXTN, Culcha Candela, irgendwie scheinen – mal wieder – alle bekannten Rapper*innen aus Berlin zu kommen. Aber auch wenn das manchmal unter geht, Erfurt hat Hip-Hop-technisch eine lange Geschichte und eine dynamische Szene vorzuweisen. Sie verdient mehr Aufmerksamkeit und gerade in dieser Zeit mehr Unterstützung, damit auch alle Künstler*innen und Veranstaltungsorte über die Runden kommen. Einen Einblick soll dieser Artikel bieten und euch die wichtigsten Orte und Musiker*innen vorstellen. Das ist erst der Anfang! Vielleicht folgt ein Artikel über Frauen im Erfurter Hip-Hop, ein Text über DJs oder über Graffiti (weil das auch Hip-Hop ist).

Aber wo fängt man an, einen Text über Erfurter Rap zu schreiben? Wenn sich die persönliche Erfahrung auf Open-Mic Abende im Retronom und Retrogott-Konzerte im Kalif beschränkt? Der Zugang ist schwer zu finden, wenn man hier erst seit wenigen Jahren wohnt.

Um meine Recherche zu beginnen, habe ich als investigative Journalistin natürlich zunächst „Hip-Hop“ und „Erfurt“ bei Google gesucht. Da findet man: So gut wie nichts. Nur traurigerweise folgenden Kommentar auf hip-hop.de:

Gut, der Kommentar ist schon fast 20 Jahre alt und ich weiß ja, dass es sehr viel Bemerkenswertes in und aus Erfurt gibt und McEmcam offensichtlich falsch liegt oder einfach nur zu früh gefragt hat (Fakt!). In einer Sache könnte er aber recht haben: Orte, Veranstaltungen, und Infos über Künstler*innen sind schon verdammt schwer zu finden. Aufgrund dieser ausführlichen Recherche bin ich zu dem Schluss gekommen: Es braucht eine Zusammenfassung von dem, was geschehen ist in den letzten Jahren, um zu verstehen, was heutzutage passiert.

Abgesehen von meiner Google-Recherche habe ich außerdem mit Menschen aus der Szene geredet, die ich in den Jahren hier so kennengelernt habe. DJ Malimo zum Beispiel ist ein Urgestein der Erfurter Szene, da er sie seit über 15 Jahren mitverfolgt. Er weiß viel zu erzählen, über die letzten Jahre und ist selbst Teil der Crew „ILL Verses Mob“. Oder mit Borni, ein weiteres Crew-Mitglied, der 2014 zum Studieren hierherkam und vorher noch alle Jugendhäuser abklapperte um zu wissen, ob es hier in Erfurt Rap gibt. Er hatte Glück, denn zu der Zeit gab es noch Freestyle-Runden (Cyphers) im Jugendhaus Domizil, die von D.J.O und Malimo organisiert wurden.

Erfurt im Umschwung

Erfurt ist ja generell so eine Sache, was Musik angeht. Auf den Tourneen von deutschlandweit bekannten Künstler*innen wird um Erfurt meist ein weiter Bogen gemacht (außer Max Giesinger, der kommt gerne vorbei, oder Clueso, aber der kommt ja auch aus Erfurt). Dafür hat sich in den letzten Jahren aber innerhalb Erfurts einiges verändert und ein paar Angebote sind dazu gekommen, aber ich frage mich schon, wo das alles angefangen hat. Wo haben überregional bekannte Künstler*innen wie Sonne Ra und Dissy angefangen ihre ersten Lines zu rappen? Wo sind sie aufgetreten und welche Orte haben ihren Musikstil und die Texte geprägt?

Wäre man 2012 nach Erfurt gekommen, wäre dieser Text hier vielleicht gar nicht notwendig gewesen. Da kamen viele neue Leute in unsere verschlafene Landeshauptstadt und es gab etliche Kollektive, die sich gründeten, aktiv waren und die Rap-Landschaft erheblich mitprägten. Auch für ILL Verses Mob begann die Geschichte hier. Die Crew gründete sich aus besagten Cyphers im Domizil und bereicherte seitdem die Szene. „Wir haben Rap in Erfurt natürlich nicht erfunden, es gab schon vorher viele erwähnenswerte Gruppen, die hier viel gemacht haben“, sagt Malimo, „aber zu der Zeit war eben einiges im Umbruch und wir haben unseren Platz gut gefunden“.

In der Konstellation haben sie dann noch einige Cyphers im Domizil gemacht, aber der Rahmen war ihnen dort zu eingeschränkt, zu wenig konnte selbst angepackt werden. Deshalb wurde kurzerhand ILL Verses Mob gegründet, eine Crew, die – heute wie damals – aus guten Freunden besteht. Ein Raum wurde eher durch Zufall gefunden, da hat Zweipunkteins noch jeden Dienstag das Rap-Café in der Saline gemacht. Einer, der da sein Tonstudio hatte (Künstler und DJ „Schmeichel“), wollte da raus und hinterließ ein Studio (sogar mit Glaswand!) und viel Arbeit. Seitdem wurde an dem Raum rumgewerkelt und umgebaut – fertig ist er immer noch nicht. Das alles wird finanziert durch Eigenmittel, die Miete wird durch die Anzahl der Crew-Mitglieder (aktuell sieben) geteilt.

Von links: Malimo, Zweipunkteins & Borni. ©Borni

ILL Verses Mob fand sich ein zwischen Kollektiven wie Eine Runde ein System, rfa/Wordsflysch“, Dodge City oder Magma Mbp. Durch sie war in Erfurt einiges in Aufruhr: Es gab Cyphers, Open-Mic-Veranstaltungen, Rap-Battles an so vielen unterschiedlichen Orten. Scheint nur fast so, als hätten die meisten von uns die wilden Jahre der Szene von damals schon verpasst und seien leider zu spät nach Erfurt gezogen. Es ist ein bisschen ruhiger geworden. Eigentlich hat die Stadt auch heute verdammt Glück, sagt Malimo, denn einige sehr talentierte und erfolgsversprechende Künstler*innen sind momentan Wahlerfurter*innen. Da wäre zum Beispiel Jibba von der Crew500; und wenn so jemand hier wohnt, davon profitiert natürlich auch die ganze Szene. Auch Künstler*innen, die mittlerweile auch über die Stadtgrenzen bekannt geworden sind, sind ganz wichtig für die Szene hier. Das sind zum Beispiel Sonne Ra oder Dissy. „Sonne Ra macht politischen Rap, das ist gerade heute so wichtig und auch, wenn man sich mal anschaut, wer ihn da so unterstützt. Das sind ja ganz große Leute in Deutschland und dann kommt er aus dem popligen Erfurt. Und Dissy, der ist der deutschen Rap-Szene um einiges voraus“.

Über die beiden ist die Eine oder der Andere bestimmt schon mal gestolpert, entweder weil man sie sich bewusst anschauen wollte oder zufällig bei einem (meist) ausverkauften Konzert im Kalif, in der Frau Korte oder im Retronom. Viele, die hier sind, geben nicht nur Veranstaltungen, sondern sind auch fleißig am Produzieren, auch wenn wir das gar nicht so mitbekommen.

Wenn man sich mal die Veröffentlichungen von Alben und EPs in den letzten Jahren anschaut, dann ist das schon beeindruckend. Hier mal eine Liste (kein Anspruch auf Vollständigkeit, wer sich oder andere auf der Liste vermisst, PN an mich, wenn ihr mir was vorrappt, kommt ihr auch drauf):

2014
Dissy – Pestizid EP
Sonne Ra – Mula 4 Life

2015
Magma & MBP – Alles ist okay EP
Wordsflysh – Provinzrüpel EP

2016
Borni – unter ferner liefen
Süff und Phillis – Süff und Phillis EP
Zweipunkteins – Nüsschen EP

2017
Dissy – Fynn EP
Siriuz & Weakhead – Kryptonit
Various Artists – Greenwood Files Vol. 1

2018
Borni – immerfort
Dissy – Playlist 01
Dodge City Homegrown – Some of DCH
Magma & MBP – Generationskonflikt
MBP – Ich wollte mal Hallo sagen EP
RFA – Symptome der Schmutzwelt
Sonne Ra & Retrogott – Sonnengott
Sonne Ra – Eh Olo
Timmey Funk – Barbara Jackpot
Various Artists – Greenwood Files Vol. 2
Zweipunkteins – Bleiwüste / Amateur Doppel-EP

2019
Magma & MPB – Nächstenliebe
Jibba – Replicatio
Jibba & Weakhead – Neuschnee
Jibba – Woodboy
Wukovski – Wukovski
Zweipunkteins & Jibba – Blues oder Gospel

2020
Borni – Aus freien Stücken
Dissy – bugtape side a
Jibba – Modus Clio Mixtape
Jibba – Litost (verschollen Tracks 2010 – 2020)
Sonne Ra – Str8 INGE INGE

Im Kleinen zeigt sich auch in Erfurt mal wieder, was in ganz Deutschland ein Problem ist: Frauen sind im Hip-Hop stark unterrepräsentiert. Deshalb hier nochmal gesondert zwei Künstlerinnen aus Erfurt und Umgebung, ein Reinhören lohnt sich:

Future Bae – Someday

Jahmairah – Andere Welt

Wird ein neues Album released ist das auch immer gut, um neue Orte zu entdecken. Zweipunkteins und Borni sind dann zum Beispiel einige Male in der Saline aufgetreten. Da Live-Veranstaltungen gerade nicht drin sind, hört doch einfach mal in die Alben aus der Liste! Außerdem gibt’s gerade immer wieder vom Kalif, E-Burg & Co Livestreams, damit ihr euch fühlt wie im Club.

Also, viel los ist hier schon mal. Aber wieso ist das trotzdem für Außenstehende so schwer erreichbar und immer noch irgendwie ein Nischending? Malimo findet, dass liegt daran, dass die Leute hier so faul sind und gar nicht aktiv nach neuer Musik und Veranstaltungen suchen. Das wollen wir aber nicht auf uns sitzen lassen, wenn Borni alle Jugendhäuser abklappert, schreiben wir eben einen Artikel, damit ihr beim nächsten Mal besser Bescheid wisst.

Die Erfurter Rap-Szene lebt von viel Fluktuation und darin liegt eben auch die Herausforderung. Es gibt dann Leute, die hier nur zum Studieren sind und Bock haben sich einzubringen, aber dann verschwinden sie auch wieder (meistens nach Berlin). Ein neidischer Blick in die Stadt, mit der Erfurt oft verglichen wird, zeigt: In Leipzig ist das anders, da gibt es seit Jahren Leute, die das Ruder in die Hand genommen haben. Es gibt zum Beispiel auch den Skillz Award, der extra nur Rap-Künstler*innen auszeichnet und außerdem mehr Locations für Musik als in Erfurt. In diesem Fall ist Leipzig als größere Stadt einfach besser aufgestellt und ist unserer schönen Landeshauptstadt rap-technisch einen 16er voraus. Wenn ihr lesen wollt, wo Erfurt Leipzig schlägt, dann lest doch mal unseren Artikel zur Späti-Kultur.

Dennoch sind die ganzen schnellen Veränderungen und neuen Leute auch ein Vorteil für Erfurt und die Rap-Kollektive hier. Dadurch wird die Szene dynamisch und wegen der Größe trotzdem noch super überschaubar. Auch Leute, die zugezogen sind, gründen hier Kollektive, haben Auftritte und schreiben ihre Texte hier. Diese Menschen bereichern das Veranstaltungsangebot, prägen den Alltag von vielen von uns mit. Trotzdem sind sie völlig unterrepräsentiert. „Ich könnte mir aber eigentlich auch kein Medium vorstellen, wo ich darüber mehr lesen will, die TA und Takt sind da einfach die falschen Adressen“.

Vielleicht stimmt das mit der Faulheit ja wirklich ein bisschen, deswegen wollen wir es euch leichter machen und hier mal eine Liste, von Orten und dazugehörigen Veranstaltungen, bereitstellen:

Retronom
Das Retro ist seit einigen Jahren die Anlaufstelle für HipHop in Erfurt. Auch wenn es seit einiger Zeit seinen musikalischen Horizont erweitert hat, kann man hier immer noch Rap-Beats und Texte vom Feinsten mitkriegen. Regelmäßig hat ILL Verses Mob hier seine Veranstaltung „Der Mob lädt zum Tanz“, es gibt Freestyle-Abende und Rap-Legenden wie Retrogott und Hulk Hodn finden hier ihre Bühne. Außerdem veranstaltet das Retro gemeinsam mit dem Kalif Storch einmal jährlich das Back in the days, was wohl am nächsten an ein Festival rankommt, fernab vom Mainstream-Pop oder Techno.

Saline
Die Saline ist nicht nur Tonstudio für ILL Verses Mob, sondern auch Bühne mit Wohnzimmer-Atmosphäre. Vor allem die Leute von der Crew spielen hier mal, wenn sie eine EP oder ein Album veröffentlicht haben. Seid beim nächsten Mal also nicht so faul runter in den Norden zu fahren und hört euch ein bisschen um, denn ein Konzert in der Saline lohnt sich echt.

Saline 34 ©Hannes Schmidt

Ilvers Musikbar
Hier hat sich ILL Verses Mob nicht nur gegründet, sondern tritt hier auch regelmäßig auf. Auch beim „Hood not Kiez“-Fest, was einmal jährlich in Ilversgehofen stattfindet, sind die Ilvers-Leute und Rapper*innen am Start.

Und es gibt noch viel mehr Orte, wie die Frau Korte oder die E-Burg, die hier in einer Aufzählungen müssten. Aber wir wollen euch ja auch noch die Möglichkeit geben, Dinge zu entdecken. Und wenn es sie wirklich noch nicht gibt, gestaltet sie doch einfach selbst!

Also, es passiert viel, es gibt sogar einige Raritäten: Aus geheimer Quelle wissen wir, dass es auch einige Fußballjungs gibt, die rappen. Vielleicht kommt da nächstes Jahr ja auch ein Album raus? Bei Jibba ist auf jeden Fall eins fürs nächste Jahr geplant, ILL Verses Mob ist dieses Jahr fünf geworden und Borni bringt heute (10. April) seine neue EP raus. „Aus freien Stücken“ ist politisch und behandelt gesellschaftliche Themen. Borni hat sich weiterentwickelt, sagt sein Kumpel Malimo. Weiterentwicklung also, vielleicht liegt das daran, dass er mittlerweile in Berlin wohnt. Wenn ihr aber mal in sein älteres Album „Unter Ferner liefen“ rein hört, erkennt ihr sicherlich den Erfurt-Bezug. Sein neues Album findet ihr hier:

Borni- Aus Freien Stücken EP (2020), verfügbar unter: http://spoti.fi/2VblmNm

©Borni

Hoffentlich kann dieser Artikel euren musikalischen Horizont erweitern und euch die letzten Jahre des Erfurter Rap näherbringen. Es ist natürlich nur meine Einschätzung und der Text wäre anders geworden, hätte ihn jemand geschrieben, die/der sich besser damit auskennt, selbst rappt, Beats baut oder anderweitig in der Szene aktiv ist. Aber gerade, weil der Zugang als Außenstehende so schwerfällt, ist es wichtig, sich noch mehr damit auseinander zu setzen. Das, was ich gelernt und euch aufgeschrieben habe, finde ich spannend. Aber vielleicht habt ihr ja etwas anderes viel Wichtigeres oder Erwähnenswerteres zu erzählen, was hier nicht steht. Wenn dem so ist, dann schreibt mir, ich freue mich sehr!

Foto Header: ©Hannes Schmidt

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