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Eine ganze halbe Woche – Erstsemesterstudent*innen im Corona-Semester: Ein Erfahrungsbericht

Das Abitur endlich in der Tasche, eine erfolgreiche Bewerbungsphase hinter sich und mal eben in eine neue Stadt voller unbekannter Menschen gezogen – für viele Erstsemesterstudent*innen ist der Start in das Studium kein leichter. Doch als wäre das nicht schon genug, sollte es dieses Semester trotzdem anders kommen als erwartet: Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie musste auch die Universität für das Wintersemester entsprechende Vorkehrungen treffen. Selbstverständlich wirkte sich das auch auf den Ablauf und die Organisation der Studieneinführungstage (STET) aus.

In dieser Reportage werfen wir einen Blick auf den Start in das Wintersemester und lassen Student*innen sowie Sprecher*innen der Universität zu Wort kommen.

„Was ist realistisch?“, fragte sich das Dezernat bei der Organisation der STET.

„Über 25 Jahre hatten wir an der Universität Erfurt eine Willkommenskultur“. Daher sei es der Uni in diesem Jahr umso schwerer gefallen, die STET für die rund 1500 neuen Studierenden in einer ganz anderen Form als gewohnt zu organisieren, erzählt Bernhard Becher, Leiter des Dezernats 1: Studium und Lehre (D1: SuL).

Für ihn und sein Dezernat haben die STET vor allem drei Ziele: Die Erstsemesterstudent*innen sollen das Prüfungssystem kennenlernen, die Universität erkunden und Kommiliton*innen kennen lernen.  Durch die Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie habe sich vor allem Letzteres deutlich erschwert. In der Vorbereitung habe das D1: SuL sich das Ziel gesteckt, unter Einschränkung der Corona-Maßnahmen, den Student*innen ein Maximum an persönlichen Kontakten zu ermöglichen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die Universität zu einem Corona-Hotspot werden zu lassen.

 „Was ist realistisch?“ habe man sich im Vorfeld gefragt und verschiedene Möglichkeiten einmal durchgespielt: 1500 Studierende in den Räumlichkeiten der Universität zu begrüßen, sei mit den Corona-Auflagen schlicht nicht zu vereinbaren gewesen. Daher habe man sich dazu entschieden, alle Einführungsveranstaltungen vormittags online über Webex anzubieten. Um auch den gerade erst zugezogenen Erstsemesterstudent*innen eine reibungslose Teilnahme an den Online-Veranstaltungen zu ermöglichen, habe man auf dem Universitätscampus eigens ein Tagesnetz eingerichtet, durch welches Studierende Internetzugang erhielten. Für den Nachmittag habe man die Erstsemesterstudent*innen dann auf Tutorengruppen mit bis zu zehn Personen verteilt. Hier hatten die Erstsemesterstudent*innen die Möglichkeit konkrete Tipps von ihren Tutor*innen zu bekommen und sich mit anderen Student*innen aus ihrer Studienrichtung auszutauschen. Durch das Treffen der jeweiligen Gruppen in unterschiedlichen Zeitslots in 74 zur Verfügung stehenden Räumen, versprach sich das Dezernat, im Falle einer Corona-Infektion, den Kontaktpersonenkreis festzustellen und so effizient reagieren zu können.

Wie erging es den Erstsemesterstudent*innen während der STET? Felix erzählt.

Meine STET begannen am 26. September mit einer Online-Veranstaltung, in der die Serviceeinrichtungen der Uni vorgestellt und die Prüfungsordnung erklärt wurden. Die Veranstaltung stieß auf Startschwierigkeiten, als das Teilnehmerlimit des Webex-Raums mehrere hundert Studierende am Eintreten hinderte – leider konnte auch ein neuer Webex-Raum das Problem nicht lösen, so dass einige Studierende draußen bleiben mussten.

Nach dem kurzen Morgen (ich gehörte zu den besagten Pechvögeln) traf ich mich mit meiner Tutorengruppe bereits um 12 Uhr mittags an der Uni, wo uns unsere beiden Tutor*innen begrüßten und uns erst einmal dabei halfen, mit der Informationsflut klarzukommen.

Kurze Zeit später begann dann der eigentliche Inhalt des Treffens: Mehrere Shots Pfeffi aus Einwegbechern und einige Kennlernspiele später, sah der erste Tag schon ganz anders aus. Abgerundet wurde der Montag mit einem Flunkyball-Match auf dem Innenhof vor dem Wohnheim. Am nächsten Tag standen „mensen“ und die Erstellung des Stundenplans auf der Tagesordnung.

Am Mittwochabend bekam unsere Tutorin einen Anruf: Die Mitbewohnerin einer am Montag vor dem Wohnheim anwesenden Bekannten hatte keinen Geruchs- und Geschmacksinn mehr. Die restlichen STET erlebten meine Gruppe und ich von zuhause aus.

Im Telefonat mit Nora erzählt sie uns von ihrer Erfahrung als Tutorin während der STET.

Als Drittsemesterstudentin weiß Nora, wie man Hochschulbürokratie, Kurszusammensetzung, Buchkaufempfehlungen und Belegungen navigiert. Durch ihr Wissen und den Besuch einer Schulung für Tutor*innen, konnte sie alle Fragen ihrer Erstsemesterstudent*innen beantworten. Auch heute noch können ihre Tutand*innen sich mit Anliegen und Unklarheiten jederzeit an sie wenden.

Ihre eigenen STET hatte sie Stadt-Land-Fluss spielend und Glühwein trinkend verbracht. Deshalb wollte sie auch für „ihre Erstis“ das Beste aus diesen Tagen herausholen: Sie plante eine Stadt- und eine Späti-Tour, einen Glühwein-Abend und weitere zu dem Zeitpunkt noch mögliche Aktivitäten. Die Planungshoheit machte sie einerseits sehr flexibel, gab ihr andererseits aber auch eine große Verantwortung. Gerade da die Uni selbst keine Präsenzveranstaltungen anbot, bemühte sie sich, möglichst viele Möglichkeiten für das Kennenlernen unter ihren Tutand*innen zu schaffen.

Ein paar Tage später treffen wir in einem Übungsraum der Universität Erfurt Javiera.

Sie kommt aus Südamerika und studiert Internationale Beziehungen. Wie die meisten Erstsemesterstudent*innen zog sie kurz vor den STET aus ihrer Heimatstadt nach Erfurt, nur dass ihre Heimatstadt nicht in Deutschland, sondern in Ecuador liegt. Während den STET besuchte sie die Online-Veranstaltungen der Universität und traf sich nachmittags mit ihrer Tutoren-Gruppe.

Nachdem auch Javiera von einem vermeintlichen Corona-Kontakt erfuhr, war es mit den physischen Treffen ihrer Tutorengruppe nach Dienstagabend vorbei. Javiera versuchte, das Beste draus zu machen: Sie bemerkte, dass eine alte Freundin aus Ecuador ebenfalls unabhängig von ihr in Erfurt war, befasste sich mit den Prüfungs- und Universitätsangelegenheiten, erfuhr über Facebook von einer Latino-Gruppe in Erfurt und spielte Brettspiele mit ihrer Mitbewohnerin.

Laura verbrachte einen Teil der STET in Quarantäne.

Der Montag war für Laura, wie für die meisten Erstsemesterstudent*innen, ganz schön vollgepackt: Nach der Online-Veranstaltung und einer Vorstellungsrunde verbrachte sie den Abend mit ihrer Tutorengruppe auf dem Petersberg. Bereits Dienstag, sagt sie, konnte man die verschärften Corona-Regeln bemerken. Viele geplanten Aktivitäten mussten abgesagt oder verändert werden.

Am Mittwoch wurde Lauras Mitbewohnerin von ihrer Mutter angerufen. Diese war am Wochenende noch für den Umzug in Erfurt gewesen und war nun positiv getestet worden. Nach mehreren Telefonaten verbrachten Laura und ihre Mitbewohnerin die STET in Quarantäne. In dieser Zeit nutzte sie den eigens dafür eingeführten Lieferdienst des Studienrats, welcher alle notwendigen Besorgungen für sie erledigte. Sie besuchte weiterhin die Online-Veranstaltungen der Universität und blieb mit ihren Tutorinnen in Kontakt.

Über die soziale Interaktion in den Tutorengruppen waren die meisten sehr froh.

Nun haben wir bereits einige Vorlesungswochen in unserem ersten Semester hinter uns. Blicken wir auf unsere Gespräche und unsere eigenen Erfahrungen während der STET zurück, können wir folgende Schlüsse ziehen:

Wir können uns glücklich schätzen, dass die Universität Erfurt sich als einige von wenigen Universitäten in Deutschland dazu entschieden hat, zumindest einen Teil der STET in Präsenz zu veranstalten. Die soziale Interaktion mit Student*innen aus der Tutorengruppe war für den Einstieg in das Studium eine große Erleichterung. Auch wir selbst haben uns in unserer Tutorengruppe sehr gut aufgehoben gefühlt und sind froh über einige, wenn auch nur wenige, persönliche Kontakte zu verfügen.

Die Idee der Universität, die Erstsemesterstudent*innen auf Tutorengruppen mit beschränkter Personenanzahl aufzuteilen, kam bei den Student*innen, so haben wir den Eindruck, sehr gut an. Nicht nur die persönliche soziale Interaktion, sondern auch die Möglichkeit, mit Fragen und Problemen jederzeit auf die Tutor*innen zukommen zu können, war und bleibt ein riesiges Plus!

Auch die Informationsverbreitung an die Erstsemesterstudent*innen vor Semesterbeginn lief ausgesprochen gut: Eine extra Seite zu den STET auf der Uni-Website mit Informationen, Tipps und Checklisten, regelmäßige E-Mails und fast tägliche Instagram-Storys mit Q&As und Erinnerungen trugen dazu bei, dass wir uns gut vorbereitet auf den ungewöhnlichen Semesterstart fühlten.

Neben dem D1: SuL bemühten sich selbstverständlich auch der Studienrat und die Fachschaftsräte darum, die Erstsemesterstudent*innen auch unter den diesjährigen Bedingungen an der Uni entsprechend zu begrüßen. In unserem Gespräch hob Laura die vielfältigen Angebote des Studierendenrates (StuRa) und der Fachschaftsräte (FSR) hervor: Eine Vorstellung der FSR, des StuRa, eine Belegungssprechstunde, eine „How-to-Uni“-Veranstaltung, der „Markt der Möglichkeiten“ und sogar eine „Quarantine-Aid“-Aktion wurden organisiert!

Blicken wir auf den aktuellen Unialltag, so lässt sich auch der Versuch der Uni, den Unibetrieb so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, positiv hervorheben: Die Möglichkeit in der Mensa zu essen, die Arbeitsplätze in der Bibliothek sowie die Räume in den Lehrgebäuden zu nutzen, sind eine gute Gelegenheit, wenigstens für ein paar Stunden dem WG-Zimmer zu entkommen. Auch die Tatsache, dass einige Dozent*innen ihre Tutorien in Präsenz anbieten, stieß bei den Erstsemesterstudent*innen größtenteils auf Erleichterung – wenigstens ein bisschen Normalität!

Pannen gibt es immer.

Nichtsdestotrotz verlief der Einstieg in dieses Wintersemester natürlich nicht komplett reibungslos. Das besagte Webex-Meeting am ersten Tag der STET löste ein Chaos aus. Wer soeben erst zugezogen war und deshalb weder online noch im echten Leben mit Kommiliton*innen vernetzt war, war für den Moment erst einmal aufgeschmissen und hatte möglicherweise Angst, am ersten Tag etwas Wichtiges zu verpassen. Glücklicherweise reagierte die Universität und kündigte eine zweite Veranstaltung am folgenden Tag an.

Im Gespräch mit Erstsemesterstudent*innen aus unterschiedlichen Tutorengruppen fällt auf, dass Studierende mitunter sehr unterschiedliche Erfahrungen in den STET gemacht haben, was sicher nicht zuletzt an der Planungsfreiheit der Tutor*innen gelegen haben wird. So hätte sich auch Nora als Tutorin genauere Vorgaben von der Uni gewünscht. Auch Alternativvorschläge für Aktivitäten im Rahmen der Maßnahmen wären hilfreich gewesen.

Das D1: SuL blickt größtenteils positiv auf die STET zurück. Etwa 90% sei so gelaufen wie geplant, Pannen und Unvorhergesehenes gebe es immer, sind sich Bernhard Becher und Anne Zimmermann vom D1: SuL einig. Für das nächste Semester könne man noch keine Voraussagungen treffen, sondern müsse abwarten, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln. Er wünsche sich einen klugen und rücksichtsvollen Umgang miteinander sowie das Einhalten der AHA-Regeln, so Bernhard Becher.

Keine klare Absprache zwischen Universität und Gesundheitsamt.

Schwer traf es auch die Studierenden, welche innerhalb der STET einen vermeintlichen Kontakt mit einer Risikoperson hatten und so viele der Aktivitäten verpassten. Auch gab es viel Unklarheit durch das Gesundheitsamt, welches erst nach einem direkten Kontakt zu einer infizierten Person Quarantäne und Tests anordnete. Im Falle eines Kontaktfalls, gab es zwar immer einen Anruf von Seiten der Universität oder dem Gesundheitsamt, eine konkrete Absprache oder eine gemeinsame Linie schien aber meistens zu fehlen. Auch klare Ansagen auf der lokalen Ebene sowie direktere Kommunikation der lokalen Autoritäten mit der Universität wären sicher nützlich. Laut Herrn Becher erfahre das Dezernat neue Regelungen für Erfurt und Thüringen auch nur aus der Zeitung: „Wir sitzen im selben Boot“.

Und trotzdem gibt es gibt kein universelles Recht auf Ansteckungsschutz.

Letztlich gibt es das Problem, dass Studierende ohne Vorerkrankung oder Behinderung keinen Anspruch auf einen Online-Ersatz der Präsenzveranstaltungen haben.

Es bleibt in der eigenen Verantwortung der Studierenden zu diesen Veranstaltungen zu gehen, solange sie gesund sind, sagt uns Herr Becher in unserem Gespräch. Studierende hätten zwar eine Verpflichtung gegenüber Veranstaltungen, Sanktionen für das Nichterscheinen gebe es aber nicht. Doch was ist mit Student*innen, welche unabhängig von Vorerkrankungen einfach nicht das Risiko bei einer Veranstaltung mit bis zu über 70 Leuten in einem Hörsaal eingehen wollen?                              Und trotzdem gibt es kein universelles Recht auf Ansteckungsschutz, lediglich Vorerkrankte haben das Recht, einen Online-Ersatz der Veranstaltungen zu fordern. Hier stellt sich auch Herr Becher die Frage, warum nicht für alle Student*innen eine Möglichkeit besteht, online an den Präsenzveranstaltungen teilzunehmen. „Die Möglichkeit besteht doch bereits für Vorerkrankte, warum also nicht gleich für alle?“

Online passiert nichts Überraschendes, es ist alles geplant.

Da es momentan an sozialen Aktivitäten für die Studierenden mangelt, fällt es vielen schwer sich als Teil einer Studierendenschaft zu sehen. Situationen, die in einer anderen Zeit noch als selbstverständlich galten, wie zum Beispiel einen Kaffee zwischen Vorlesungen zu trinken, oder gemeinsam das Gelernte zu festigen, gaben dem Geschehen eine ganz andere Dynamik. Andere Studierende zufällig kennenlernen ist in diesem Semester nur sehr bedingt möglich. Online passiert nichts Überraschendes, es ist alles geplant.

Trotz schwieriger Startbedingungen gilt es, optimistisch zu bleiben.

Nun ist mehr Präsenzlehre in diesen Zeiten aber schlicht und ergreifend nicht möglich. Was sind die Alternativen? Es gibt bereits viel Selbstorganisierung von Studierenden: Online-Lerngruppen, Kontakt innerhalb der Tutorengruppen der STET, WhatsApp-Gruppen und Online-Angebote der Fachschaftsräte.

Wir glauben: So ärgerlich die Umstände in diesem Semester für uns Studierende auch sind, es ist an uns das Beste aus dieser Zeit zu machen und so unsere Reife unter Beweis zu stellen. So oder so müssen wir als Studierende früher oder später lernen, unsere Zeit effektiv für unser Studium zu nutzen, was könnte es da für eine besser Zeit geben als jetzt? Und wer weiß, vielleicht gibt es ja, anstelle dieser außergewöhnlichen „Ersti-Woche“, irgendwann mal eine „Zweiti-Woche“!

In der Recherche für diese Reportage fiel uns auf wie überwiegend optimistisch die Studierenden waren und großes Verständnis für die Beschränkungen der Stadt und der Universität zeigten. Besonders interessant war für uns Javieras Blick auf ihre jetzige Situation. Ihre Heimatstadt, so erzählt sie uns, ist die von Corona am meisten betroffene Stadt in ganz Südamerika. Strenge Ausgangsbeschränkungen, Temperaturmessungen und Desinfektionspflichten sind aus Sorge um eine zweite Welle seit Monaten verpflichtend. Aufgrund der beschränkten Kapazitäten in den Krankenhäusern ist die Sterberate in Ecuador katastrophal. Sie sieht hier ein viel höheres Verständnis für die Regelungen als in Ecuador, aufgrund besserer Bildung und weniger sozialen Problemen.

Auch wenn sie sich ihren Studienstart in Deutschland anders vorgestellt hätte, ist sie froh, in Deutschland zu sein. Ein Gedanke von ihr ist uns besonders im Kopf geblieben: „Wir haben zwei Möglichkeiten – wir können uns über die Situation beklagen, oder sie akzeptieren und das Beste aus ihr machen!“

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