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Canteen Jürgen, der Solist

Eine alte schwarz-weiß Aufnahme zeigt einen Mann, der auf einem Stuhl auf einer Bühne sitzt und “Der Junge mit der Mundharmonika” von Bernd Clüver singt. Er trägt ein Hemd mit Muster – das im Schrank von allen Hilgenfeld-Kellner*innen nicht auffallen würde – singt etwas schief, etwas unsicher. So ganz erkennt man Jürgen nicht, der nächste Schnitt zeigt eine farbige Nahaufnahme seines Profils. Er ist alt geworden. Ungeschickt hantiert er in der nächsten Sequenz am Fernseher herum, VHS-Kassetten liegen auf dem Sofa, in einem hellen Wohnzimmer mit vielen leeren Sitzgelegenheiten, unzählige Uhren ticken. Jürgen blickt zurück in seine Vergangenheit, und wir schauen ihm dabei zu.

Wer bei “Mensa Jürgen” die Augen verdreht und keine Lust mehr hat, sich mit der ikonisiertesten Person Erfurts zu beschäftigen, sollte sich dennoch fünf Minuten und 21 Sekunden Zeit nehmen. Schließlich ermöglichen uns Bela und Aaron, zwei Studierende der Bauhaus Universität Weimar, Jürgen außerhalb des Uni- und Feierkontextes kennenzulernen – und zwar innerhalb seiner Wohnung. Bela beschreibt ihren Kurzfilm als “Reactionvideo: Jürgen reacted zu sich selber.” Die Idee dahinter ist simpel. Die beiden wollten wissen, wie es Jürgen derzeit geht und insgeheim sehen, wie er lebt. Im Rahmen eines Seminars zu Reportagen beschlossen sie also, Jürgen aufzusuchen und zu fragen: Was bleibt einer Person, wenn ihr der Lebensinhalt genommen wird?

“Jürgen lebt vergangenheitsorientiert” beschreibt Bela uns den Protagonisten seiner Kurzreportage. Kein Internet, kein Smartphone, deshalb war es schwer, ihn zu erreichen. Nach dem ersten Treffen mit dem Rentner, Kinderpunsch trinkend am Glühweinstand, besuchen die Filmemacher ein paar Mal seine Wohnung. Dieser Einblick ist sicherlich das Spannendste an dem Kurzfilm: Die Wände steril-weiß, Trockenblumen-Kitsch, Kronleuchter, Tischdeckchen, alles etwas altbacken, und dazwischen Jürgen. Der schaut verloren aus dem Fenster oder in den Fernseher. Jürgen davon zu überzeugen, nicht ständig etwas in die Kamera zu halten, sondern sich normal in der Wohnung zu bewegen, war gar nicht so einfach, erzählt Bela. Das womöglich Modernste in den vier Wänden ist ein eingerahmtes Plakat der Geburtstagsveranstaltung von “Dead Disco”; ein passender Titel auch für den Kurzfilm, fand Bela. Daraus wurde aber nichts, da ein sehr bekanntes DJ-Duo aus Erfurt schon Dead Disco heißt. Schade.

In der Schlusssequenz sieht man Aufnahmen von leeren Clubs in Erfurt und Jürgen, wie er 1992 Clüver imitiert. Ein etwas trostloses Gefühl bleibt nach den 5 Minuten und 21 Sekunden zurück. Allerdings kann man sich nun vorstellen, wie Jürgen gerade seinen Alltag verbringt. Und sich dadurch vielleicht wieder darauf freuen, mit der Erfurter Ikone am Tresen zu sitzen und anzustoßen. Dann, wenn irgendwann die Clubs wieder öffnen. Wir sind uns sicher: Jürgen kehrt zurück. Zwar ohne Mundharmonika, aber immer noch ein bisschen Junge.

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