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Erfurt ist UNGLEICH

Hier ist ein Fakt: Wer in Erfurt wohnt, muss sich von Freunden die nicht in Erfurt wohnen, Witze über Ostdeutsche, oder zumindest über Nazis anhören. Gleiches gilt, wenn man frisch nach Erfurt zieht. Beziehungsweise, wenn die Freunde gern Zeitung lesen und deshalb ein bisschen für die Ost-Schublade sensibilisiert sind, muss man sich mindestens mal für die Entscheidung rechtfertigen, in „den“ „strukturschwachen“ „Osten“ zu ziehen, weil hier „nichts los ist“. Wenn sie Erfurt überhaupt kennen. Vielleicht bekommt man nebenbei eine Banane zugesteckt – das ist witzig, weil es damals im Osten keine Bananen gab. Vielleicht soll man noch kurz über einen unbeholfenen Witz lachen, bei dem es um Björn Höcke geht, der traurig ist, dass er keine Bananen hat, lol.

Natürlich wissen wir, dass Erfurt nicht Kreuzberg ist und nicht die Sternschanze, und auch nicht Plagwitz oder der Jungbusch. Und wir alle haben uns auch schonmal aus Erfurt in eine andere Stadt gewünscht, in der man nicht mittwochs mit einem Bier im Bett liegt, weil man dachte es passiert was und dann passierte nichts. Tatsächlich aber gibt es viel zu tun in Erfurt, viel zu erleben und viel zu wissen über unsere Stadt und unser Land. Erfurt wirft sich einem nur nicht so nicht entgegen, wie man das vielleicht aus anderen Städten gewohnt ist. Wir möchten deshalb zeigen, dass Erfurt durchaus – mit all seinen schönen, hässlichen, spannenden und langweiligen Orten, Geschichten und Menschen mehr ist als die Summe seiner EinwohnerInnen.

Erfurt ist ungleich.

Auch Bernd mag Erfurt

Der Zoo, der seinerzeit den in Buchenwald angestellten Soldaten und deren Familie als Abwechslung zum KZ-Alltag dienen sollte, damit die Soldaten nicht so schlecht gelaunt sind. Der Club UNIKUM, der bis in die frühen Zweitausenderjahre über der Mensa die Lärmschutzbestimmungen gedehnt hat. Rechte Netzwerke, die den Herrenberg heute und vermutlich auch noch morgen umtreiben. Wir lassen Erfurt diese Geschichten erzählen und hoffen, sie werden gehört. Nicht damit wir alle endlich wissen, wie wir unsere Freunde zuhause davon überzeugen können dass es eine gute Idee ist, hierher zu kommen. Sondern weil es zentral für unser Verständnis dessen ist, was wir hier eigentlich machen und wo wir hier sind.

Diese Dinge sind definierendes Element der Erfurter Gegenwartskultur. Wir wollen uns mit Erfurtern über unsere Stadt unterhalten, besonders wenn deren Erfurt ein anderes Erfurt ist als das, das wir kennen. Vielleicht finden wir ja den Spinner der Helen einen Heiratsantrag an das alte TA-Hochhaus gesprayt hat (vielleicht auch nicht, aber dann erfinden wir einfach eine spannende Geschichte, die dann für immer die wahre Geschichte sein wird). Vielleicht finden wir heraus, bei welchem Schritt genau das Mensaessen von der meist guten Idee (ehrlicherweise mit Ausnahme des Jagdwurstschnitzels, das buchstäblich eine frittierte Scheibe Wurst mit Pommes ist) zu einem Unfall wird (mit Ausnahme dieses geilen Linsen-Dal). Vielleicht betrinken wir uns mit einem Winzer aus der Region unter dem Vorwand, dass wir seine Weine testen wollen oder so. Wir werden alle gemeinsam entdecken, was in den Orten passiert, in denen man als Erfurter normalerweise nicht ist – Quirla zum Beispiel, oder Tambach-Dietharz. Und ihr werdet definitiv rausfinden, wie leicht es ist, sich auf die große Prunksitzung der Gemeinschaft Erfurter Carnevalsvereine e.V. mit einer erfundenen Vergangenheit im Büttenredenhalten zu schmuggeln (Spoiler: VIEL zu leicht). Geschichten wie diese sind in der Lage, ein Gefühl von Verbundenheit mit einem Ort zu inspirieren, in dem sich beispielsweise Studierende nur einige Jahre aufhalten – aber auch die hier beheimatete Jugend sucht ihre Bereicherung immer mehr außerhalb von Thüringen.

Währenddessen ist die Erfurter Kultur in einem beinahe schizophrenen Zustand der Unentschlossenheit gefangen. Während die Kulturkonzepte des Landes Thüringen oder der Stadt Erfurt nicht müde werden, auf die Region als Geburtsort großer deutscher Literatur und einstigen Dreh- und Angelpunkt der Musik hinzuweisen, bekommt man doch das Gefühl, dass ein Konzept für die Kultur der Gegenwart fehlt – und das finden wir schade. Das soll nicht heißen, dass wir es nicht gut finden, dass die Region an ihre künstlerische Geschichte erinnert. Nur helfen die Thüringer Bachwochen eben nicht den Musikern, die ihre Musik heute in Bandhäusern mit morschen Dächern machen. Will man an alte kulturelle Leistungen nicht nur erinnern, sondern anknüpfen, muss man die Szenen fördern, die gerade Probleme haben, sich über Wasser zu halten. Vielversprechende Initiativen wie das Klanggerüst oder das Kulturquartier geben uns die Gewissheit, dass die Region durchaus das Selbstvertrauen haben darf, nach neuen Höhen der kulturellen Schaffenskraft zu streben, ohne die Errungenschaften der Vergangenheit zu vergessen. Denn der Wille ist da, aber meistens fehlt doch das Geld um Projekte ins Leben rufen, die wirklich auf eigenen Beinen stehen können.

Wir sehen uns als Magazin in der Verantwortung, diese Orte mit ihrem Potential sichtbar zu machen und zu zeigen, wie fördernswert sie sind. Und das nicht nur gegenüber denjenigen, die darüber entscheiden, wie viel Geld an diese Orte fließen soll, sondern auch gegenüber denjenigen, die in der Lage sind, in ihrer Freizeit mit anzupacken und zu helfen – denn je weniger Geld diese Initiativen haben, desto mehr freiwillige Arbeit ist notwendig, um sie auf den Beinen zu halten. Erfurt regt sich, und doch bekommt man von wirklich begeisternden Entwicklungen wie denen im Erfurter Norden wenig mit – die Plattform zur gemeinsamen Reflexion des Geschaffenen und zum Erreichen neuer Publika fehlt. Man ist für Öffentlichkeit zumindest über die Grenzen des Freundeskreises hinaus beinahe ausschließlich auf fFacebook oder Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Wir hoffen, dass ein Angebot wie unseres solchen Dynamiken der kulturellen Entwicklung dienlich sein kann. Das Magazin ist also auch unser Beitrag zum soziokulturellen Wandel in Erfurt.

Der Begriff ungleich wiederum ist überwiegend negativ konnotiert – und auch in Erfurt klafft der Riss zwischen Altstadt und Außenbezirken weit. Die Erfurter*Innen sind ungleich. Nur schwer ist das Bild der florierenden mittelalterlichen Händlerstadt beispielsweise im Rieth aufrechtzuerhalten, der Zeugnis vom sozialen Wandel Erfurts ist. Gleich zum Start widmen wir uns deshalb zusammen mit einem Professor für soziale Stadtentwicklung der sozialen Ungleichheit in Erfurt und lernen: aha, auch hier fehlt Geld – die Politik kennt die Problematik, aber ist handlungsunfähig. Schade. Es gibt aber noch viel mehr zu sagen, zu fragen, zu entdecken und erfahren.

Erfurt ist ungleich.

Wir jedoch sehen in der Ungleichheit Erfurts auch eine große Chance. Nicht aber in der sozialen Ungleichheit, sondern in dem, was man auch Andersheit nennen kann. Erfurt ist ungleich Leipzig und Berlin, und das ist gut so. „Der Osten“ ist ungleich „dem Westen“, warum auch immer das 30 Jahre nach der Wende überhaupt noch ein Ding ist. Und das ungleich magazin ist ungleich den anderen (kultur-)journalistischen Angeboten in Erfurt. Unser Antrieb ist die Ungleichheit zu Vergleichbarem.

Wir wollen euch nicht mit der digitalen Wende nerven, aber tatsächlich fängt das beispielsweise dabei an, dass wir es einfach anachronistisch finden, gedruckt zu erscheinen. Wir wollen darüber hinaus nicht die langweiligen Fragen stellen (sag mal, was ist eigentlich das Retronom und wie ist es entstanden?), sondern dessen Toiletten fotografieren, die selbst schon Kunst sind. Wir wollen uns trauen, auch mal kontroverse Themen anzustoßen – denn das ist es, was in einer heterogenen Redaktion passiert. Und wir wollen euch auch zutrauen, kontroverse Artikel zu lesen und danach nicht mit Mistgabeln vor unserer Redaktion zu stehen – sondern vielleicht sogar einen Artikel zu schreiben, warum das was wir da geschrieben haben überhaupt nicht kontrovers, sondern einfach großer Quatsch war. Was so ein kontroverses Thema beispielsweise ist? Vermutlich erstmal eine Rezension zu einem Restaurant das wir kacke finden. Und dann keine Ahnung, mal schauen. Aber vorgenommen haben wir uns das.

Weil Erfurt nicht trotz, sondern wegen dieser Widersprüche interessant ist. Weil man Erfurt und Erfurt sich mal mehr zutrauen darf. Weil Erfurt mithalten kann und sich nicht verstecken muss.

Weil Erfurt UNGLEICH ist.

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