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Interventionismus à la Weimar

Wenn wir uns vom UNGLEICH Magazin nicht gerade mit horizont-erweiternden Verköstigungen in Erfurter Ausnahme-Lokalitäten beschäftigen oder dem eigenen musikalischen Nischen-Gespür nachgehen, stehen bei uns vor allem auch die Stadt und ihre Akteur*innen im Fokus. Wer macht die Stadt zu dem, was sie ist? Wer bewegt etwas? Was passiert, ohne dass man viel davon mitbekommt? Um das herauszufinden, möchten wir uns in den kommenden Wochen mit verschiedenen Kollektiven beschäftigen. Den Auftakt unserer Reihe macht dabei das Kollektiv Raumstation aus Weimar.

Links ein Platz, rechts eine Kreuzung, vorne der Park an der Ilm. Alles öffentlicher Raum. Genutzt – jeden Tag. Hinterfragt, selbst gestaltet – fast nie. Wir wollen nicht darauf warten, dass sich die Stadt von allein ändert – wir wollen es selbst machen. Mit dieser aktivistischen Weltretter-Verkündung wartet die Website vom Kollektiv Raumstation auf. Und mehr ist es erstmal auch nicht, was ich über unser erstes Kollektiv weiß. Deswegen mache ich mich auf den Weg zum offenen Plenum der Raumstation in Weimar. Dort treffe ich mich mit Selina, Lotta, Elli, Judith, Hannah und Laila, werde mit Bier und extrem vielen Haferkeksen begrüßt und rede über Stadtgestaltung und die Ursprünge ihres Zusammenschlusses.

Nur Nutzende oder auch Produzierende?

2013 in Weimar ins Leben gerufen, ist das Kollektiv Anlaufpunkt für alle Bewohner*innen der Stadt und besonders zahlreiche Studierende der Bauhaus-Uni. Es ist ein Raum, neu über den eigenen Lebensraum nachzudenken. „Wir wollen Themen, Fragestellungen, Konflikte im städtischen Raum aufspüren“, erzählt Selina, „so könnten wir die Wahrnehmung stärken und für Themen sensibilisieren“. Themen setzen, Aufmerksamkeit erzeugen, Möglichkeiten der Teilhabe schaffen. Die Stadt nicht einfach anderen überlassen, sondern selbst überlegen, was gemacht werden kann – das sind die Ziele des Kollektivs Raumstation. „Wir wollen zur Aneignung des öffentlichen Raums ermutigen“, ergänzt Elli. Ich bin mir nicht sicher, ob das banal oder überraschend aktivistisch klingen soll. Man will gesellschaftspolitische Forderungen mit Bewohner*innen formulieren, dabei Fragen stellen wie: Was ist überhaupt die Stadt? Und sind wir nur Nutzende oder auch Produzierende ebendieser?

Impulse für Stadtgestaltung

Wohnfragenwagen bei der Thüringer Mietparade

Dafür organisiert die Raumstation verschiedenste Projekte. Die sind teilweise selbst initiiert, sie reagieren jedoch auch auf Anfragen, wie zuletzt auf die vom Netzwerk Recht auf Stadt Jena. Mit denen und dem Bündnis Erfurt für alle organisierte die Raumstation am 12. Mai 2019 die zweite Thüringer Mietparade: eine Demo für bezahlbaren Wohnraum und gegen die starke Profitorientierung bei Vermietungen. Das Kollektiv sieht sich als Impulsgeber für Dinge, auf die mal aufmerksam gemacht werden sollte und bei denen die Studierenden sagen: „Lass‘ da mal intervenieren“. Eine Intervention der besonderen Art startete die Raumstation am Mai 2017 als Reaktion auf einen Planungsalleingang bei der Gestaltung des Uni-Geländes in Weimar. Die Universitätsleitung hatte den Studierenden dabei fast keine Partizipationsmöglichkeit gelassen. So wurde mit einem öffentlichen Trauermarsch samt symbolischem Sarg die studentische Teilhabe zu Grabe getragen. Künstlerischer Aktivismus der besonderen Art. Das Zentrum für Politische Schönheit lässt grüßen.

Künstlerischer Aktivismus

Aktuell arbeitet die Raumstation mit der Klassikstiftung Weimar zusammen und wirkt an dem Eröffnungsfest des Stéphane-Hessel-Platzes vor dem neuen Bauhaus-Museum mit. Eine Anti-These zur architektonischen Konstruktion des Platzes soll entstehen, ein Impuls, wie dieser auch anders genutzt werden könnte. Immer im Vordergrund dabei: Mit den Menschen reden, sie fragen, was sie sich wünschen für den öffentlichen Raum, für die Gestaltung der Stadt.

Bei einem anderen Projekt wird in seit 2017 andauernder Kooperation mit der Stadt Gera und der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen eine Zwischennutzung der Brachfläche vor dem Kunst- und Kulturzentrum initiiert. Dort soll bald gebaut werden, Gegner*innen und Befürworter*innen dieses Bauvorhabens stehen sich erbittert gegenüber. Die Raumstation arbeitet mit beiden Seiten zusammen und bietet immer eine neue Perspektive: Urban Gardening, Workshops, Diskussionen, alle möglichen Veranstaltungen sollen dort zwischen Ende Juni und Anfang August stattfinden. Dabei immer wichtig: „Nicht nur Leute aus der eigenen Blase erreichen“. Schließlich sollen nicht nur Urbanistik-Studierende und angehende Architekt*innen über Gestaltung und Leben in der Stadt nachdenken, sondern alle. Feuer frei für den urbanen Integrations-Ansatz.

Urbane Integration nach Weimarer Art

Neben dem Epizentrum in der thüring’schen Vorzeigestadt hat die Raumstation mittlerweile auch noch Standorte in Berlin und Wien, auch dort werden eine ganze Reihe von Projekten realisiert. Die Standorte koordinieren sich per Skype, treffen sich zweimal im Jahr und tauschen sich über ihre Vorhaben aus. Das Kollektiv wirkt wie einer dieser Zusammenschlüsse, an dem Weltverbesserung auf der Tagesordnung steht. An dem sich Leute zusammenfinden, die Bock haben was zu verändern. Die unbequeme Kreuzung, das rein profit-orientierte Bauvorhaben, das undemokratische Entscheiden nicht einfach hinzunehmen. Sondern Stadtgestaltung selbst in die Hand zu nehmen. Als Weimarer Interventionist*innen.

Für mehr Infos und einen Überblick über die Projekte der Raumstation: https://raumstation.org/. Das Plenum findet immer dienstags um 20 Uhr in der Trierer Straße 5, im Der Laden in Weimar statt.  

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