Search

Waffeln, Platten, Kunst und Glück: Daniel Quandt im Interview

Daniel Quandt verkauft Schallplatten, echte Lütticher Waffeln und bietet nun mit seinem Projekt Drei-Mal-Drei-Meter KünstlerInnen eine Bühne. Ich habe mit ihm über seine ganzen Projekte, das Streben nach Glück, die Erfurter Kulturszene und dem Thema Selbständigkeit während einer Pandemie gesprochen.

Foto: Streunerfotografie

Fabrizio: Wir fangen das jetzt mal ein wenig anders an: Ich habe mir fünf Begriffe aufgeschrieben, die komplett unterschiedlich sind – vielleicht anfangs auch ein wenig verwirrend. Diese lese ich dir gleich vor und du sagst mir kurz und knapp, was dir dazu spontan in den Sinn kommt.

Daniel: Klaro!

Fabrizio: Der erste Begriff ist C2H3CI… (langes Schweigen von Daniel) … das ist die chemische Strukturformel von Vinyl.

Daniel: Ah ja tatsächlich. Dazu fällt mir ein, dass die Strukturformel mein erster Logo-Entwurf war!

Fabrizio: Der zweite Begriff, der auch etwas damit zu tun hat, ist Musik!

Daniel: Emotionen.

Fabrizio: Der dritte Begriff lautet: rund.

Daniel: Runde Sache. Das Leben ist ein Kreis *lacht*.

Fabrizio: Arbeit.

Daniel: *lacht* Ja, niemand arbeitet gern.

Fabrizio: Drei-Mal-Drei.

Daniel: Wunderbares Format…

Fabrizio: Ist das auch deine Lieblingsmultiplikation?

Daniel: …wenn da jetzt nichts tieferes hinter steckt was ich nicht weiß – ja *lacht*. Das klingt auch einfach schön, hat einen gewissen Flow.

Fabrizio: Du hast schon eine sehr wilde Zusammenstellung an Geschäftszweigen: Platten und Waffeln verkaufen – also so gesehen zwei „runde“ Sachen, wobei letztere ja nicht immer ganz rund sind…(Daniel lacht und bejaht)… und nun kommt Drei-Mal-Drei-Meter dazu, was bekanntlich, zumindest geometrisch gesehen, keinen Kreis ergibt. Wie passt das alles zusammen? Wie kamst du auf die Idee zu sagen: Okay, ich habe einen Plattenladen und liefere Vinylplatten mit meinem Fahrrad aus, gründe Quandts Runde Sache – den Waffelverkauf – und nun biete ich auch eine Veranstaltungsfläche für KünstlerInnen mit Drei-Mal-Drei-Meter an?

Daniel: Das hast du wohl falsch verstanden. Die runde Sache – zumindest der Name – ist jetzt nicht unbedingt an die Form gebunden, sondern beschreibt im Endeffekt, dass das ganze Konzept eine „runde“ Sache ist. Dass es all die Dinge vereint, die ich gerne mache. Das ganze Konzept ist gewachsen. Allerdings definitiv noch nicht zu Ende gewachsen. Es ist eigentlich daraus entstanden, dass ich nur noch das machen wollte, was mich glücklich macht. Mein oberstes Motto ist ja auch: Glücklich sein und Gutes tun!

Fabrizio: Glücklich sein und Gutes tun. Ist das denn nun auch dein persönlicher Antrieb als Mensch?

Daniel: Ja absolut! Jeder sucht ja irgendwie nach seinem Zweck. Ich kann mir einfach nichts Sinnvolleres vorstellen im Leben als das Streben nach Glück. Und das tut man ja am besten, in dem man es teilt. 

Fabrizio: Im Endeffekt hast du dir vielleicht, zumindest könnte man es so meinen, DIE falsche Zeit ausgesucht, mit deinen neuen Projekten zu starten. Oder würdest du sagen, dass es genau die richtige Zeit war? Es ist schon ein Phänomen, dass einige Leute die Pandemie – wohl notgedrungen – als Möglichkeit genutzt haben, um mit ihrer Idee endlich durchzustarten. Hast du dein Projekt trotz oder wegen Corona so geschaffen, wie es jetzt steht? 

Daniel: Die Idee und der Entschluss, mich selbständig zu machen mit Dingen, die ich liebe, stand schon lange Zeit vor Corona. Im Prinzip hat genau zeitgleich mit meinem geplanten Startdatum die Pandemie begonnen. Das kann man sehen, wie man will. Allerdings bin ich mittlerweile der festen Überzeugung, dass alles aus einem gewissen Grund passiert – oder eben auch nicht. Ich bin sehr „froh“, dass Corona mich gezwungen hat, in das mobile Geschäft zu einzusteigen, weil ja alles Feste geschlossen wurde. Das, was ich jetzt mache, würde nicht in dieser Form existieren, wenn wir uns nicht in einer globalen Pandemie befänden.

Fabrizio: Also zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen?

Daniel: *lacht* ja genau. Hat sich alles so gefügt.

Fabrizio: Erkläre doch mal für die Leute, die deine Projekte noch nicht kennen, was du überhaupt genau machst!

Daniel: Naja, im Prinzip versuche ich mit Veranstaltungen und auf Veranstaltungen geilen Scheiß zu machen. Also in erster Linie Sachen, die mir und anderen Leuten Spaß machen. Musik ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben und deshalb bringe ich Musik unter die Leute – Schallplatten und Livemusik. Und mit der Musik kommen eben auch immer die MusikerInnen – die Arbeit mit ihnen ermöglicht viele Förder- und Netzwerkmöglichkeiten. Letzteres ist ein sehr großer Punkt geworden. Ich habe einfach Spaß daran gefunden mit Leuten Dinge umzusetzen. Oft genug prallen unterschiedliche „Ideen-Köpfe“ aufeinander und – Bumm – wird da auf einmal was Neues geboren. Und zurück zu den Waffeln: Alle lieben Waffeln. Es befriedigt irgendwie das Grundbedürfnis nach Süßem in mir.  

Fabrizio: Warum sind deine Waffeln besser als die, die ich vor sechs Jahren auf dem schulischen Sportfest für 50ct verkauft habe?

Daniel: *lacht* Also zuallererst: Alle Waffeln sind wundervoll! *lacht* Besser liegt natürlich immer im Auge – in dem Fall im Gaumen- des Betrachtenden. Meine Waffeln sind anders, weil sie zum einen aus einem festen Hefeteig bestehen, der immer mit frischen Zutaten zubereitet wird, die eben auch soweit es geht aus der Region kommen. Zum anderen befindet sich in meinen Waffeln belgischer Perlzucker, der ist einfach knusprig. Man beißt also in eine krosse Waffel und nicht in eine weiche. Das macht den Unterschied. Ich möchte mit meinen Waffeln ein Kontrast der Ruhe setzen. Persönlich kann ich Waffeln nicht leiden, bei denen ich unter all dem Eis, Smarties und Schokoriegeln die Waffel nicht mehr sehen kann. Bei mir steht die Waffel im Vordergrund. Deshalb auch die Lütticher Waffeln – die isst man nämlich entweder pur oder mit Puderzucker. Allerdings biete ich auch Schokocreme, Karamell oder Apfelmus an – da habe ich mich ein wenig an den lokalen Gaumen angepasst *lacht*. Hauptsache keine tausend Toppings. Punkt. Aus. 

Fabrizio: Du sprachst gerade von Ruhe. Ist das der Brückenschlag zu deinem Konzept von Arbeit bzw. dem Motto deiner Mission? Mit Ruhe eben Leute glücklich machen und mit Ruhe – besonders in dieser beschleunigten Welt – dich selbst glücklich zu machen?

Daniel: Ja, das kann man so interpretieren. Zur gesellschaftlichen Hektik: Mein persönlicher Background ist ja auch, dass ich aus der IT-Branche der Energie-Welt Deutschlands komme – aus einem typischen Bürojob. Immer nur Hektik, Arbeit und irgendwie nur immer mehr. Das könntest du in irgendeiner Magentablettenwerbung verwenden. Und da wollte ich eben ausbrechen und nur noch Sachen machen, die entschleunigen. Im Endeffekt haben alle meine Produkte mit Ruhe zu tun: Wenn du dir ein Konzert anguckst, nimmst du dir die Zeit dir aktiv die Musik anzuhören. Wenn du eine Schallplatte auflegst, nimmst du dir die Zeit dieser zu lauschen. Und letztlich, wenn du was Süßes isst, nimmst du dir die Zeit und gönnst dir in dem Moment was, wo du weißt, dass es rein ernährungstechnisch nicht gut für dich ist. Aber in dem Moment willst du einfach eine süße und warme Waffel genießen und runterkommen. So viel dazu, ob es jetzt allgemein immer ruhig ist in meiner Gegenwart – das sei mal dahingestellt. *lacht*

Fabrizio: Was ist das Wichtigste an deinem Job?

Daniel: Dass es Spaß macht.

Fabrizio: Was ist das Wichtigste, das du erst lernen musstest? 

Daniel: Durchhalten. *schmunzelt* Durchhalten, durchhalten, durchhalten.

Fabrizio: Hast du es dir vorher einfacher vorgestellt?

Daniel: Ich glaube, dass – wenn man noch nie selbständig gearbeitet hat – man überhaupt gar nicht wissen kann, was vor einem liegt. Ich muss zugeben: Ich war naiv. Ich war voll motiviert, ich hatte die Idee, mein Leben vollkommen zu ändern und nur noch geilen Scheiß zu machen. Aber wie viel Arbeit und wie viel man sich auch, ja irgendwie selbst brainwashen muss – also an seinen eigenen Einstellungen arbeiten muss – damit es funktioniert, kannst du einfach vorher nicht wissen. Ich habe schon ein paar Mal den Moment gehabt, in dem ich dachte: Okay, ich hab‘s unterschätzt! Man hört ja immer von anderen Selbstständigen, dass es ein steiniger Weg ist oder dass sie aufgeben möchten. Wenn man an so einem Punkt ist, an dem man denkt, dass es nicht mehr weitergeht und es dann schafft, sich trotzdem zu motivieren – da muss man Bock drauf haben.

Fabrizio: Wir machen mal einen kleinen Sprung. Wir haben jetzt viel über dich, deine Erfahrungen und deine Produkte gesprochen. Du bist jemand, der sehr viel und gerne networkt. Sprich: KünstlerInnen kennenzulernen und mit Menschen zu arbeiten. Hat Erfurt deiner Meinung nach das Potential, DIE Kulturstadt zu werden? Inwiefern ist Erfurt im positiven Sinne UNGLEICH Berlin, Köln, Hamburg oder Leipzig?

Daniel: Das ist eine Frage, die ich anders beantwortet hätte, bevor ich mit meinen Projekten angefangen habe. Es gibt in Erfurt – um mal positiv anzufangen – ganz viele Menschen, die Bock haben, was zu machen. Also ja: es gibt so viel Potential. Erfurt könnte kulturmäßig wesentlich weiter sein, wenn – und nun der negative Punkt – die Verwaltung ein bisschen anders fokussiert wäre. Das fängt an mit dem Flächennutzungsplan: Der ist nämlich einfach unfassbar ungünstig und erschwert Kulturschaffenden das Leben enorm. Wenn man auf Subkultur und nicht auf Tourismus ausgerichtet ist, ist es ziemlich schwer sich zu etablieren. Es ist alles, dafür das wir eine Landeshauptstadt sind, auf ein ruhiges Dorfleben ausgerichtet. Wenn da in nächster Zeit nichts passiert, fangen die Leute an zu gehen. Und das merkt man. Aber es gibt auch noch geile ErfurterInnen, die hierbleiben und sich mobilisieren. Da gibt es den ENKL e.V. (Erfurter Netzwerk für kulturelles Leben e. V. [Anm. der Red.]), der ja auch irgendwie die Lobby der Kulturschaffenden darstellt. 

Fabrizio: Wenn du abschließend den LeserInnen etwas mitgeben könntest. Was würde das sein?

Daniel: Im Prinzip genau das was wir eben schon besprochen haben. Die Frage aller Fragen ist immer: Bist du glücklich? Ganz gleich wie deine Antwort ausfällt, solltest du dir als zweite Frage stellen: Wieso bin ich es? Weil das dich weiterbringt und dich in irgendeiner Art und Weise auch immer antreibt. 

Wer Lust hat sich selbst ein Bild von Daniels Lebensphilosophie und echten Lütticher Waffeln zu machen, sollte ab dem 01.12 auf dem Weihnachtsmarkt in der Engelsburg vorbeischauen.

Write a response

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*

Close
Ungleich Magazin © Copyright 2019. All rights reserved.
Close