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Wie ein Phönix aus der Asche – Schauspiel in Erfurt

Wie ein Phönix aus der Asche – das sagt man, wenn etwas Totgeglaubtes wieder ersteht, wenn es einen Neuanfang gibt für etwas, das schon am Ende war oder wenn man etwas zurückbekommt, das man schon verloren glaubte.

Wir sitzen auf dem Vorplatz des KulturQuartiers als sich inmitten unseres Interviews mit Johannes und Anica vom PHOENIX Festival ein Mann nähert, vermutlich in seinen späten 60ern. Er betrachtet das in die Jahre gekommene Gebäude im neobarocken Baustil, dessen einst schicke gelbe und mit Stuck gezierte Fassade von abgeblättertem Putz und Graffiti überzogen ist.

Nachdem man sich begrüßt als wäre er Teil des Teams, beginnt der Herr auch schon zu erzählen. Davon, dass er über 40 Jahre lang im Schauspielhaus gearbeitet hat – „bis der letzte Vorhang fiel“.  Davon, wieviel Spaß ihm die Arbeit als Techniker im Theater gemacht hat. Wie das Stück „Im weißen Rössl“ aufgeführt wurde, eine Blaskapelle gespielt hat und auf einmal, wie aus dem nichts die SEK die Türen gesprengt hat und das Haus geschlossen wurde. „Traurig, dass man sowas sieht“, sagt er mit Blick auf die marode Fassade und ist kurz still. Erneut ein Blick auf das Gebäude, zu den Fenstern im ersten Stock. Dort habe der Schauspieldirektor Kiesewetter gesessen, unten die Grafiker*innen. Er erzählt von den Menschen und seiner täglichen Routine. Wie er zur Arbeit kam, zuerst den Pförtner gegrüßt hat, dann die Bühne. Kaffee im Aufenthaltsraum, Proben, Aufbau. Irgendwann bremst Anica ihn, sie und Johannes haben noch ein Festival vorzubereiten. Sie laden ihn natürlich ein, vorbeizukommen und geben ihm ein Programmheft mit auf den Weg.

Das PHOENIX Theaterfestival 2021 im alten Schauspielhaus
Foto: Anna Spindelndreier
Ein Phönix erhebt sich

„Man spürt, dass da eine Sehnsucht ist, aber auch eine Verletzung, es ist wie eine offene Wunde“, sagt Johannes, nachdem der Mann seinen Weg fortgesetzt hat. Verletzung daher, dass der Erfurter Stadtgemeinschaft etwas genommen wurde, das seither nicht wieder zurückgegeben wurde. Das Erfurter Schauspielhaus stand lange Zeit verlassen inmitten der Stadt. Heutzutage wird es durch den Verein KulturQuartier wieder mehr und mehr belebt und im April diesen Jahres startete sogar offiziell die Sanierung und der Umbau des Hauses.
Das PHOENIX Festival möchte die Geschichte des Ortes nutzen und an die vielen Veranstaltungen vom Verein anknüpfen, um eine Lücke in Erfurts Kulturleben zu schließen: Vergangenes soll neu erschaffen werden und etwas, was der Stadt lange Zeit fehlte, wieder zu neuem Leben erweckt werden. Die Konnotation des mythischen Vogels Phönix schließt dabei an die Vorgeschichte des ehemaligen Schauspielhauses in der Klosterstraße an.
„Mit dem KulturQuartier gibt es einen Ort, der sichtbar heruntergekommen ist und ein Echo von Vergangenem trägt, das wieder aufgelebt werden soll”, sagt Johannes Lange. Er ist Schauspieler, Aktivist und Pressesprecher des PHOENIX Festivals, das dieses Jahr bereits zum zweiten Mal stattfindet. Mit ihm und Anica Happich, der Initiatorin des Festival, haben wir über das Projekt und seine Vision gesprochen, dem Schauspiel in Erfurt wieder einen festen Platz zu geben.

Diese Wand im ehemaligen Schauspielhaus spiegelt das Schicksal von Schauspiel in Erfurt wider
Foto: Nils Schwarz
Ein Schauspielhaus ohne Schauspiel

Erfurt hat seit 2003 kein eigenes Schauspiel. Was ist eigentlich der Grund dafür und was bedeutet das für die Stadt? Das heutige KulturQuartier wurde 1897 als Ort für kultur- und gesellschaftspolitischen Austausch der Stadtgesellschaft eröffnet und diente zusätzlich als  Vereinshaus. Nach einer Erweiterung des Gebäudekomplex öffneten sich im Jahr 1949 seine Pforten als städtisches Theater. Rund 50 Jahre später bedeutete die Entscheidung zu einem Theaterneubau das Ende für das Schauspielhaus. Folglich wurden die Schauspieler*innen entlassen und das Haus stand lange Zeit leer. Zwar existiert seitdem das Theater Erfurt im Brühl, aber die Vielseitigkeit und Wandelbarkeit von Schauspiel ist im Erfurter Kulturleben seither nicht mehr fest verankert. Dieses Schicksal betraf neben der thüringischen Landeshauptstadt auch weitere deutsche Städte. Vor allem in den Neuen Bundesländern wurden in den 1990er Jahre, im Zuge der heißen Phase des Theatersterbens, Kulturstätten von dem einen auf den anderen Tag dem Verfall überlassen.

Hinter den Kulissen

Anica Happich, gebürtige Erfurterin und Mit-Initiatorin des PHOENIX Festivals, war schockiert, als sie erfuhr, dass Erfurt die einzige Landeshauptstadt ohne Schauspiel ist. Sie recherchierte weiter und nahm Kontakt zum Verein KulturQuartier auf, der das frühere Schauspielhaus 2016 der Stadt abkaufte. Zusammen mit Jakob Arnold initiierte sie 2021 das PHOENIX Theaterfestival. Erfurt als Standort war dafür mit der Vorgeschichte des ehemaligen Schauspielhauses perfekt. Das Ziel: ein Zeichen setzen dafür, dass das Schauspiel einen festen Platz in der Gesellschaft verdient hat und mit dem KulturQuartier und anderen Akteur*innen gemeinsam in Erfurt dafür kämpfen. Die Vision: Theater in allen Facetten präsentieren und die Möglichkeiten von Schauspiel in Zukunft zeigen.
Hinter den beiden Initiator*innen steht ein breit aufgestelltes Team aus Schauspieler*innen, Kurator*innen, Dramaturg*innen, Projektleiter*innen, Regisseur*innen, Kostüm- und Bühnenbildnern*innen, die schon vor dem Projekt auf unterschiedliche Weisen miteinander vernetzt waren oder zusammen auf der Bühne standen. Hintergrund und verbindendes Element ist auch ihr kulturpolitisches, aktivistisches und arbeitskämpferisches Engagement in der Kunst- und Kulturszene. Insbesondere der Verein ensemble-netzwerk stellte letztlich den Brutkasten des Festivals dar.

Eine bunte Palette voll mit Theater

Ziel des PHOENIX Festivals ist es, möglichst viele Menschen mit seinem umfangreichen Programm abzuholen und zusammenzubringen. In diesem Jahr bietet das PHOENIX Festival erstmalig eine Konferenz an, die sich an Kunstschaffende aber auch andere Interessierte richtet. Es soll ihnen Mut machen und mit Hilfe von niederschwelligen und kostengünstigen Workshops Strategien zur Karriereentwicklung ermöglichen. Theater und Schauspiel ist immer auch ein Ort der Begegnung. Deshalb ist von klassischem Schauspiel über site specific performances, Lesungen, Workshops, Installationen bis hin zu Breakdance für jede und jeden etwas dabei. Es ist ein Versuch, auch junge Menschen anzusprechen und Schauspiel attraktiv zu machen. Neben klassischem Theater mit Texten von Heinrich Böll wird beispielsweise eine Lesung zum Schicksal der Pop-Ikone Britney Spears angeboten. Das Besondere an dem PHOENIX Festival ist eben, dass es für die gesamte Stadtgemeinschaft konzipiert ist. „In Berlin machst du es für die Szene, in Erfurt musst du es für die Stadt machen, weil es die Szene so ausgeprägt nicht gibt“, sagt Johannes.

Das PHOENIX Festival

Das Team vom PHOENIX Festival hat sich zur Aufgabe gemacht, die Lücke in der Erfurter Schauspielkultur zu schließen. Damit das Schauspiel in Erfurt wieder einen festen Platz bekommt, soll das Festival fester Bestandteil der jährlichen Kulturplanung werden, “wie das Krämerbrückenfest”, schmunzelt Anica. Dabei ist es auf einem guten Weg: Ganz frisch wurde das PHOENIX Festival in die bundesweite FESTIVALFRIENDS Initiative aufgenommen. Ein großer Schritt, denn damit ist es eines von nur acht Festivals der Freien Szene, das in den bundesweiten Verbund aufgenommen wurde und repräsentiert hier als zweites Festival den ehemaligen Osten Deutschlands.

Das PHOENIX Festival findet vom 05. bis zum 10. Juli in Erfurt statt. Neben fünf Gastspielen findet dieses Jahr die erste Eigenproduktion Erfurts statt. Kommt vorbei und macht euch ein Bild davon, was Schauspiel alles kann! Weitere Infos zum Festival und dem Programm findet ihr hier: https://phoenixfestival.de/

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