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Safe(r) Spaces in der Partyszene? – Ein kleiner Querschnitt durch Thüringen

Eingang des Kalifs am Erfurter Zughafen.

Endlich ist es wieder so weit: Laute Musik schallt einem schon entgegen, wenn man sich auch nur in die Nähe des Erfurter Zughafens oder in die verwinkelten Gassen der Altstadt begibt. Die Menschen tummeln sich in Grüppchen, es wird der letzte Schluck aus einer Flasche getrunken, gequatscht, gelacht, gesungen – dieses Feiern-Gehen, was so lange gefehlt hat, ist jetzt plötzlich wieder da. Seit einigen Monaten haben die Erfurter Clubs wieder ihre Türen geöffnet, und nicht nur die Landeshauptstadt feiert, sondern ganz Thüringen. Aber zwischen dem Lauten, dem Spaß, den Menschen und dem Strobolight kommt auch wieder die Schattenseite der Club- und Partyszene zum Vorschein: Hat mich da gerade jemand aus Versehen gestreift, oder absichtlich berührt? Muss ich wirklich alleine durch den schlecht beleuchteten Flur, um zum anderen Dancefloor zu gelangen oder gibt es einen anderen, einen weniger schummrigen Weg? Wem kann ich mein Getränk anvertrauen, während ich auf die Toilette gehe? Läuft die Person hinter mir nur zufällig denselben Weg nach Hause wie ich, oder folgt sie mir? 

Diese Fragen, die wir uns zwei Jahre lang kaum stellen mussten, tauchen nun plötzlich wieder auf. Mit den Thematiken Sicherheit in der Partyszene beschäftigen sich verschiedene Clubs, Organisationen und Vereine quer durch Thüringen. 

Traut euch, jemanden anzusprechen – traut euch, etwas zu sagen

Ja, auch im Jahr 2022 sind Sexismus und sexuelle Übergriffe beim Feiern-Gehen in Bars und Clubs leider keine Seltenheit. Man kennt den normalen Ablauf eines Clubbesuchs: Zunächst einmal ist da die Schlange und man muss an den Türsteher*innen vorbei, eventuell Tasche und Ausweis vorzeigen und sich im Zweifel abtasten lassen. Dann bewegt man sich zwischen Dancefloor, Bar und Toiletten hin und her, bis man müde, zertanzt oder betrunken genug ist, um den Heimweg anzutreten. 
Doch wenn zwischendurch etwas passiert, das Gespräch oder Hilfe gesucht werden muss, an wen kann man sich wenden? Das Security-Personal ist häufig extern für den Abend gebucht, was bedeutet, dass es sich wenig um Bedürfnisse außerhalb des In-den-Club-Gelangens kümmert. Die Barkeeper*innen haben in der Regel alle Hände voll zu tun und daher so gut wie keine Zeit für Anfragen, die über Bier oder Gin Tonic hinausgehen. Und je nach Nachtzeit ist das Garderoben-Personal ebenso beschäftigt oder nicht mehr sichtbar vertreten.

Teilweise beginnen der Sexismus und damit verbundene Gefahren sogar bereits vor dem eigentlichen Clubbesuch. Erst kürzlich hat der Erfurter Club Musikpark in den Teasern seiner Veranstaltung „Project Erfurt“ mit Aktionen namens „Komm Baby, strip für mich“ oder „Ich bin nicht so eine(r)“ geworben. Für die Abgabe des BHs beim DJ erhielt man eine gratis Flasche Sekt oder man konnte bei einem Nimm-die-meisten-Würstchen-in-Mund-Contest 50 € Freiverzehr gewinnen…

Erst nachdem diese Aktion öffentlichen Gegenwind und Boykott erfahren hat, folgte eine öffentliche (eher plumpe) Entschuldigung und Klarstellung des Clubs sowie des Veranstalters: Die Aktion und das damit verbundene Konzept seien überarbeitet worden und sie distanzieren sich von jeglicher Form des Rassismus und Sexismus – ändert aber nichts daran, dass durch solche Veranstaltungen ein veraltetes, übergriffiges und vor allem sexistisches Weltbild zur Schau gestellt wird. 

Es geht aber durchaus anders: Das Erfurter Kalif Storch hat die beiden Jahre Corona-Zwangspause nicht einfach so verstreichen lassen, sondern sich während dieser Zeit sehr intensiv mit den Fragen beschäftigt, wie das Cluberlebnis für Besucher*innen sicherer gestaltet werden kann und was zu ihrem Wohlbefinden beitragen würde. Die finsteren Ecken, sowohl metaphorisch als auch real, sollen entdunkelt werden. Die Message, die das Orga-Team des Kalifs ihren Bemühungen übergestellt hat, ist: Traut euch! Das gilt nicht nur für Vorkommnisse an einem Party-Abend, sondern auch beim Anbringen von Kritik, Anmerkungen oder Wünschen und Vorschlägen zum Sicherheitskonzept des Kalifs. 

Damit das leichter fällt, hat das Kalif einige Maßnahmen ergriffen, die für mehr Sicherheit sorgen und schnellere Hilfeleistungen ermöglichen sollen. Generell steht das Personal, egal ob an der Bar oder Garderobe, als Ansprechpersonen zur Verfügung. Doch das genügt meistens nicht.

Hausregeln von der Website des Kalifs.

Wen spreche ich an und wohin kann ich gehen?

An dieser Stelle kommt die*der Nachtmanager*in ins Spiel, von der*dem die meisten vermutlich noch nie etwas gehört haben. Die*der Nachtmanager*in ist die Person, die an einem Abend für die Organisation und den Ablauf verantwortlich und eigentlich auch immer irgendwo physisch vertreten ist. Im Kalif ist diese Person an ihrem großen Schlüsselbund zu erkennen und jederzeit für Probleme aller Art ansprechbar. Auch das restliche Kalif-Team macht deutlich, dass die Sicherheit der Gäste an oberster Stelle steht. Dabei ist natürlich problematisch, dass diese Person(en) nicht immer am gleichen Ort aufzufinden sind und sich die Suche nach jemandem, den man wegen eines Problems ansprechen kann, schwierig gestaltet. Pläne für die Zukunft (voraussichtliche September 2022) sind, ein Awareness-Team oder mindestens eine Person zusätzlich zu den Türsteher*innen am Eingang zu platzieren, auf die man zukommen kann und die die Verhaltensregeln durchsetzt. Dieses Team oder diese Person kann dann auch über das Security-Personal erreicht werden, sollte sie mal nicht parat stehen, aber benötigt werden. Hierbei soll außerdem eine Mitarbeitendenschulung zum Thema Awareness auf Veranstaltungen helfen, die durch die Förderung von Initiative Musik ermöglicht wird und die die Mitarbeitenden für Situationen sensibilisiert und richtige Verhaltensweisen mit auf den Weg gibt. 

Um nicht nur Ansprechpunkte zu schaffen, die manchmal den Ort wechseln und eventuell zu überlastet sind, hat das Kalif, eine kleine Insel im stürmischen Meer des Partylebens geschaffen, und das in Form eines internen Kiosks im Club. Hier kann man alles erwerben, was Feiernde so brauchen können und was über Bier und andere Getränke hinausgeht, um den Abend zu genießen: Binden, Ohrstöpsel, aber auch Kondome und vieles mehr. Dieser Kiosk soll ein Punkt sein, zu dem Menschen mit Problemen, Fragen oder anderen Anliegen kommen können, wo auf spezifischere Bedürfnisse eingegangen werden kann und dafür gesorgt wird, dass die Partynacht ein voller Erfolg wird, möglichst ohne unangenehme oder gefährliche Zwischenfälle. 

Mehr Sicherheit auch hinter dem DJ-Pult

Seit Juni 2022 nutzt das Weimarer Kollektiv METAWARE die Räumlichkeiten des Kalifs für die Durchführung von FLINTA-DJ-Workshops und auch 2022 finden diese Kurse noch immer statt. METAWARE sorgt seit Ende 2019 dafür, dass DJ-Lineups nicht mehr nur von Cis-Männern belegt werden und dass FLINTA-Personen in der Clubkultur sichtbarer werden. Auch setzen sich die Mitglieder für mehr Sicherheit und Awareness auf Veranstaltungen ein. Gegründet wurde METAWARE von fünf weiblich gelesenen Personen, als DJs und Visual Artists. 

Anfangs legte das Kollektiv in kleineren Bars in Weimar auf, um den primär männlich besetzten Line-Ups entgegenzuwirken und dafür zu sorgen, dass Musikveranstaltungen Safer Spaces werden. Bei ihren Veranstaltungen gilt: kein Raum für Sexismus oder Rassismus. Und das wird auch vorher angekündigt. Trotzdem kommt es bei Veranstaltungen immer wieder zu Belästigungssituationen, sowohl für die Künstler*innen als auch für das Publikum. Safe Spaces, also wirklich sichere Veranstaltungen bleiben dabei bisher leider nur ein Wunschtraum. Doch METAWARE setzt sich dafür ein, dass die Musik- und Partyszene für FLINTA-Personen zugänglicher und sicherer wird. 

Auch innerhalb der DJ-Workshops wird den Teilnehmenden daher Raum zur Entfaltung geschaffen und auch Raum, um Fehler zu machen in einer sicheren Umgebung, um mit- und voneinander zu lernen. Diese Workshops dienen auch dem Ziel, FLINTA-Personen Zugang zu einem Feld zu geben, das aktuell noch sehr von Cis-Männern dominiert wird und indem sich vor allem diese gegenseitig unterstützen, während es andere DJs schwer haben. Eigentlich sollten Tanzflächen sichere Orte sein, Räume für alle, egal ob mensch sich gerade auf der Tanzfläche befindet, hinter einem DJ-Pult, an der Bar, in der Toilettenschlange oder der S-Bahn nach Hause steht. 

Mittlerweile ist METAWARE ein Netzwerk aus Künstler*innen, aber auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wirken mit, vor allem Studierende. Auf Soundcloud erscheint einmal pro Monat eine METAWARE-Radiosendung zu feministischen Themen, die sich aus einem Lesekreis ergeben. In externen Podcasts besprechen die Mitglieder von METAWARE vor allem die Themen Sexismus in der Club- und Ravekultur sowie Veranstaltungssicherheit. Die nächste Veranstaltung von METAWARE findet am 27.07.2022 im Künstlergarten, Haus der Weimarer Republik in Weimar. Mehr Infos dazu auf Instagram.

Mehr als „Bist du gut angekommen?“

In Ilmenau setzt sich die Kampagne speak2change seit 2019 (damals noch unter dem Titel SAG´S – EGAL, WAS ES IST) gegen Belästigung aller Art und vor allem für Zivilcourage ein. Gestartet haben die beiden jungen Gründerinnen mit einem Videodreh zum Thema Belästigung auf Partys, da sich beide ehrenamtlich in der Ilmenauer Clubszene betätigen. Da es in Ilmenau keine Frauenberatungsstelle (oder ähnliches) und auch sonst wenig Unterstützung zu diesem Thema gibt, macht es sich das mittlerweile zwölf-köpfige Team von speak2change zur Aufgabe, über das Thema Belästigung aufzuklären – Was ist Belästigung überhaupt, wo fängt sie an? – und gibt Informationen, an wen man sich wenden kann, wenn man selbst oder jemand aus dem Umfeld Belästigung erlebt, und was man tun kann, wenn jemand anderes belästigt wird.

Aktuell beschäftigt sich das Team nicht nur mit Belästigung in Clubs, sondern vor allem mit dem Weg nach Hause im Dunkeln, nach einer durchgetanzten Nacht. Ein Workshop mit dem Titel ‚Mehr als: „Bist du gut angekommen?“‘ wird im Herbst 2022 in Ilmenau durchgeführt. Der Workshop besteht aus einer VR-Sequenz, in der ein Heimweg im Dunkeln simuliert wird und einer anschließenden Gesprächsrunde. 

Als Gesprächseinstieg soll eine Sammlung an persönlichen Geschichten und Erfahrungsberichten zu Belästigung dienen, die aus aller Welt gesammelt werden. Wer eine eigene Geschichte teilen möchte, anonym oder mit Namen, kann das gerne hier tun. 

Weitere Infos zur Kampagne und dem Workshop sind zu finden auf der Kampagnen-Website.

Genießt Musik und Kultur, stürzt euch kopfüber ins Partyleben. Im Internet könnt ihr vorher auf den zugehörigen Websiten nachschauen, welche Clubs Sicherheitskonzepte haben, mit denen ihr euch sicher fühlt oder eure Lieblingsclubs darauf hinweisen, dass sie noch kein Konzept oder dieses Konzept noch nicht ausreichend zugänglich gemacht haben. Passt auf euch und einander auf und vor allem: Setzt euch füreinander ein!

Anmerkung: Dieser Artikel ist der erste einer geplanten Reihe zum Thema Sicherheit in der Thüringer und vor allem Erfurter Partyszene. Einige Clubs in Erfurt wurden für diesen Artikel angefragt und die meisten haben Interesse bekunden und werden eventuell in zukünftigen Artikeln mitsamt ihrer Sicherheitskonzepte näher vorgestellt. 

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